Feb
28

Dan

Ich wohne jetzt bei Ogihara Yasuhiro und seiner Frau Mari. Beide sind sehr nett, können Englisch und leben in einem komplett vollgestopften, unordentlichen Haus, ohne Heizung, dafür mit Ofen. Der Ofen zieht nicht, so dass es im Haus immer nach Lagerfeuer riecht.
Meine Aufgaben bisher: Mit dem Hund rausgehen (das heißt: sich von ihm durch den Ort schleifen lassen), ein Feld mit Düngewasser bespritzen und vor allem Drähte aus einem Weinstock zerren. Dafür musste ich zuerst etwa 1000 kleine Drähte aufbiegen und abkneifen – alles über Kopf. Dann müssen die Drähte, um die es geht – sie sind etwa 50-60 Meter lang – aus einem verzwickten Draht- und Pflanzengewirr gezerrt werden, um auf einem neuen Feld recycelt zu werden. Weil die Mistdinger immer irgendwo hängenbleiben, macht mich diese Aufgabe beinahe wahnsinnig. Nachdem ich in zwei Stunden etwa fünf Drähte geschafft hatte, habe ich Ogi vorgeschlagen, es mal im Team zu probieren. Danach ging es, und noch dazu habe ich mit diesem Vorschlag Initiative bewiesen und sein Herz gewonnen, wie er am Abend im Biersuff betonte. Im gleichen Atemzug betonte er allerdings auch noch gestenreich, dass er alle Chinesen für Ficker hält, aber nun ja… Heute Nachmittag geht es weiter mit den Drähten.

Gestern Abend hatten wir Besuch. Ogis Freund Dan und seine Frau kamen zum Essen und Trinken vorbei. Dan ist ein lauter und ordinärer Ami, ein wandelndes Klischee, Hände wie ein Holzfäller, eine „Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitüde“, macht ununterbrochen Geräusche: schnaufen, rülpsen, atmen, essen, reden, lachen, räuspern. Dabei ist er naturgemäß auch sehr herzlich, man muss immer befürchten, dass er einem mit einem Klaps den Rücken bricht. Dan hat für die US-Armee in Japan gearbeitet und eine Japanerin geheiratet – sie ist übrigens passenderweise ebenfalls laut und ordinär. Dan trug ein schmuddeliges graues Shirt, dass über seinem riesigen Bauch gelblich und feucht war. Dafür hatte er irgendeine fadenscheinige Erklärung, die er aber nur halbherzig vorbrachte. Kaum angekommen, fing er an zu fressen wie nix Gutes. Dabei kommt ihm zupass, dass Schlingen und Schlürfen in Japan normal ist – ich bin mir allerdings sicher, dass er nie anders gegessen hat, Japan hin oder her. Wenn er nicht grade rülpste, manchmal aber auch währenddessen, erklärte er uns in breitestem Ami-Englisch die Welt, beziehungsweise seine besten Kochrezepte. Heute kam er wieder und brachte uns etwas von seinem angepriesenen Trockenfleisch mit – tatsächlich sehr gut. Allerdings trug er immer noch dasselbe Shirt, diesmal gelblich und trocken. Sensibel, wie er ist, machte er sich als erstes über die Tunami-Warnung lustig, die momentan in Japan für Besorgnis sorgt („Two meters?! That’s not what I call a tidal wave! Have you seen the movie Poseidon? Now THAT’S a tidal wave! Two meters is nothing! Can’t kill people. More like a surfers dream, muhahaha!“) Zwecklos, ihm zu erklären, dass ein Tunami anders funktioniert als normale Wellen. Dan ist lauter, also ist das alles nix. Irgendwie angenehm, seine Gesellschaft, trotz allem.

P.S.: Der Tunami war da, er war an manchen Orten nur 20 Zentimeter hoch, aber: Er hat einiges kaputt gemacht.


Feb
26

Adrenalin

Was für ein seltsamer Morgen! Und davor schon so ein seltsamer Abend. Der Reihe nach: Am Abend des 25. Februar haben Hiro (ich kenne ihn aus Bochum) und ich es mit Hängen und Würgen geschafft, uns doch noch zu treffen, und zwar am Tokio-Eki. Dort war ich schon tagsüber, um den Kaiser zu besuchen, der in der Nähe seine bescheidene Residenz hat. Seine Wachhunde wollten mich aber nicht reinlassen. Tja, sein Pech.
Was für ein gigantisches Viertel das ist! In den Hochglanztürmen arbeiten Hunderttausende, und viele von ihnen gehen nachts in die Bars und Clubs, die ebenfalls in den Hochhäusern sind. Alles ist edel, stilvoll und versnobbt bis oben hin. Hiro arbeitet in einem der Türme und zeigt mir zwei „seiner“ Läden. Hinter der Theke arbeitet ein dunkelhäutiges Male-Model aus Amerika, dessen Schauspielkarriere gerade stockt. Es gibt italienische Spezialitäten, alles sehen super aus, außer mir – ich bin hoffnungslos underdressed, noch hoffnungsloser als sonst. Wir trinken ein paar Bier. Dann wechseln wir den Laden in ein anderes Hochhaus, wo laut Hiro „immer verrückte Frauen“ sind. Die Bar kennt er gut, da er dort mit seinem Chef und den wichtigen Kunden zu saufen hat, wenn das Geschäft es so verlangt, und zwar so lange der Chef und die Kunden es wollen. Heute sind keine verrückten Frauen da, außer der einen Koreanerin, die immer hier ist, sagt Hiro. Wir verhalten uns ruhig und bleiben nicht sehr lange. Ist wirklich nicht meine Welt, hat aber trotzdem Spaß gemacht.

Gegen sechs Uhr in der Früh werde ich wach, weil vor meinem Fenster (da gibt es einen kleinen, balkonähnlichen Vorsprung) jemand steht und ruft. Ich schlafe im neunten Stockwerk. Der Typ kreischt einen Namen (denke ich) und dann immer wieder „douzo, douzo!“, das heißt „Bitte“. Dazwischen scharrt er mit den Füßen und macht Geräusche. Jetzt bin ich hellwach. Ich kann seine Umrisse erkennen, er ist groß und kräftig. Will der springen? Für mich sieht es ganz so aus. Ich bin voller Adrenalin und überlege, was zu tun ist. Wenn er springt und ich hab es geahnt aber nichts gemacht… Aber was? Wenn ich das Fenster aufmache, wird er sich erschrecken, außerdem wäre ich dann hilflos gegen irgendwelche Angriffe. Traue ich mich nicht, denn er klingt verzweifelt und aggressiv. Außerdem: Wie soll ich auf Japanisch jemanden davon abhalten, sich umzubringen? Das und noch viel mehr denke ich, alles gleichzeitig. Mehrmals glaube ich zu hören, wie er auf die Brüstung steigt und male mir schon aus, wie das letzte „dooooooouzo“ immer leiser wird. Igitt! Ich muss also was tun! Ich entscheide mich dazu, erstmal in den zehnten Stock zu gehen und mir von oben anzusehen, wie die Lage ist. Ergebnis: Der Typ ist völlig besoffen. Offenbar geht es ihm wirklich nicht gut. Als ich mich auf den Weg zur Rezeption mache, um dort irgendwas von „Notfall“ zu stottern, kommt er mir im neunten Stock entgegengewankt und geht in sein Zimmer, gegenüber von meinem. Ab da ist Ruhe. So ein Arsch! Außerdem hat er Bierdosen auf dem Vorsprung verteilt, die im Wind Krach machen und zusammen mit dem Adrenalin dafür sorgen, dass ich nicht mehr einschlafen kann.
Nun denn: Auf nach Yamanashi, Wein anbauen!


Feb
24

Sightseeing

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden bedeutet für mich heute: Mich umgucken und dabei gucken, wo ich Reiseschecks zu Yen machen kann. Zuerst versuche ich es in „meinem“ Viertel, minami-senju. Hier ist es eher gemütlich – kleine Gassen, Häuser unter 12 Stockwerken, Läden… Fast unheimlich übrigens, wie viele alte Leute hier herumschleichen. Mein aktueller Lieblingsgreis sieht aus wie eine 120-jährige Schildkröte mit dicker Brille und hat einen absurden (hier aber weit verbreiteten Job): Er weist den Menschen den Weg an einer kleinen Baustelle vorbei. Dafür benutzt er einen Leuchtstab, und er trägt eine Uniform mit Neonweste. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn sehe und komme mir deshalb schäbig vor, ihn um ein Foto von uns zu bitten. Vielleicht traue ich mich morgen. Auf Platz zwei: Der alte Mann, der nun seit zwei Tagen an der gleichen Straßenecke steht und laut pfeift.
In minami-senju gibt es jedenfalls kein Geld für mich, also auf nach Shinjuku. Das ist ein Hochhaus-Stadtteil, sehr berühmt. Nach einigen Irrwegen: Scheck-Mission erfüllt. Vor Freude treibt es mich auf das Dach der Tokioter Stadtverwaltung. Die ist in Shinjuku und gigantisch, ein Betonmonster voll mit Beamten, in dem man wahrscheinlich verrückt wird, wenn man dort etwas zu erledigen hat, wie bei Asterix und Obelix. Vom 45. Stock aus können Touristen auf die Stadt gucken – muss man mal machen. Unten vor dem Komplex demonstrieren ein paar Menschen für eine bessere Gesundheitsversorgung von Kindern.

Tokio, so weit das Auge reicht

Danach: Harajuku. Bizarres Einkaufs- und vor allem Modeviertel. Alles laut und bunt, Tokio wie im Film, dazwischen Touristen und modebewusste Japaner_innen. Models tragen ihre Setcards (Danke, Pro7, für das Erweitern meines Wortschatzes!) vor sich her, damit jeder sieht, dass sie Models sind. Harajuku schwankt zwischen alberner Dekadenz und echter Coolness. Männliche Japan-Fetischisten können sich den Weg durch die Massen wohl mit ihrem Ständer bahnen. Lange nicht allen Leuten gelingt es, ihre bizarre Couture auch überzeugend zu tragen. Manche schaffen es aber, und die sehen dann in der Tat in einer Konsequenz stylisch aus, die ich noch nirgendwo anders gesehen habe.
Im Suppenladen vor dem Hotel dann endlich: Rassismus. Ich hatte ihn früher erwartet. Jetzt weiß ich aber, wie es ist, wenn ein alter Sack mit dem Finger auf mich zeigt und lacht. Vielleicht sieht man mir aber auch inzwischen an, dass ich mir mit Nudelsuppe und Reis eine Verstopfung am züchten bin, die ihresgleichen sucht.


Feb
23

Erste Schritte als Blogger: Achim auf dem Weg nach Peking

Keine Probleme mit Security und Zoll. Ruhiger Flug. Ich saß am Gang, neben mir Achim. Achim fliegt nach China, um dort als Elektriker eine Bohrinsel mitzubauen. Seine deutsche Firma kauft und verkauft Bohrinseln. Kunden: Shell, BP und auch sonst alle, die im Business was zu sagen haben. Achim mag China allerdings nicht besonders. Eigentlich mochte er noch kein Land, in dem er gearbeitet hat. Dummerweise arbeitet er aber ausschließlich im Ausland. Algerien: nur Wüste, nix los. Saudi-Arabien: Da stört ihn die Doppelmoral der Saudis, die nicht trinken und ständig beten, dafür aber Inder als „moderne Sklaven“ halten und jeden Donnerstag zum Saufen und Vögeln nach Bahrain fahren. Allah schaut nicht nach Bahrain, heißt es dann. Für Achim sind alle Saudis „religiöse Fataniker“. China ist Achim dagegen viel zu kompliziert. Immer wenn ein Problem gelöst wurde, kommt das gleiche Problem unter anderem Namen wieder, sagt Achim. Die Chinesen können außerdem nur nachahmen, ohne dass sie verstehen, was sie da tun. Ein Mädchen neben uns erzählt, dass sie für sechs Monate nach China geht. Achim hat großes Mitleid mit ihr und verbrüdert sich mit einem anderen gepeinigten Handelsreisenden. „Sechs Monate China, O Gott!“ Er hat die Welt offenbar genug bereist, um in großen Kategorien zu denken. „Die“ heißt zum Beispiel grundsätzlich: „Alle Chinesen“.
Achim ist ein routinierter Flieger. Das dilettantische Verhalten seiner Mitreisenden kommentiert er mit Kopfschütteln. Immerhin nicht so schlimm wie auf dem Rückflug. „Die“ haben dann nämlich immer ihren kompletten Haushalt im Handgepäck. Das mag Achim nicht.


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