Feb
26

Adrenalin

Was für ein seltsamer Morgen! Und davor schon so ein seltsamer Abend. Der Reihe nach: Am Abend des 25. Februar haben Hiro (ich kenne ihn aus Bochum) und ich es mit Hängen und Würgen geschafft, uns doch noch zu treffen, und zwar am Tokio-Eki. Dort war ich schon tagsüber, um den Kaiser zu besuchen, der in der Nähe seine bescheidene Residenz hat. Seine Wachhunde wollten mich aber nicht reinlassen. Tja, sein Pech.
Was für ein gigantisches Viertel das ist! In den Hochglanztürmen arbeiten Hunderttausende, und viele von ihnen gehen nachts in die Bars und Clubs, die ebenfalls in den Hochhäusern sind. Alles ist edel, stilvoll und versnobbt bis oben hin. Hiro arbeitet in einem der Türme und zeigt mir zwei „seiner“ Läden. Hinter der Theke arbeitet ein dunkelhäutiges Male-Model aus Amerika, dessen Schauspielkarriere gerade stockt. Es gibt italienische Spezialitäten, alles sehen super aus, außer mir – ich bin hoffnungslos underdressed, noch hoffnungsloser als sonst. Wir trinken ein paar Bier. Dann wechseln wir den Laden in ein anderes Hochhaus, wo laut Hiro „immer verrückte Frauen“ sind. Die Bar kennt er gut, da er dort mit seinem Chef und den wichtigen Kunden zu saufen hat, wenn das Geschäft es so verlangt, und zwar so lange der Chef und die Kunden es wollen. Heute sind keine verrückten Frauen da, außer der einen Koreanerin, die immer hier ist, sagt Hiro. Wir verhalten uns ruhig und bleiben nicht sehr lange. Ist wirklich nicht meine Welt, hat aber trotzdem Spaß gemacht.

Gegen sechs Uhr in der Früh werde ich wach, weil vor meinem Fenster (da gibt es einen kleinen, balkonähnlichen Vorsprung) jemand steht und ruft. Ich schlafe im neunten Stockwerk. Der Typ kreischt einen Namen (denke ich) und dann immer wieder „douzo, douzo!“, das heißt „Bitte“. Dazwischen scharrt er mit den Füßen und macht Geräusche. Jetzt bin ich hellwach. Ich kann seine Umrisse erkennen, er ist groß und kräftig. Will der springen? Für mich sieht es ganz so aus. Ich bin voller Adrenalin und überlege, was zu tun ist. Wenn er springt und ich hab es geahnt aber nichts gemacht… Aber was? Wenn ich das Fenster aufmache, wird er sich erschrecken, außerdem wäre ich dann hilflos gegen irgendwelche Angriffe. Traue ich mich nicht, denn er klingt verzweifelt und aggressiv. Außerdem: Wie soll ich auf Japanisch jemanden davon abhalten, sich umzubringen? Das und noch viel mehr denke ich, alles gleichzeitig. Mehrmals glaube ich zu hören, wie er auf die Brüstung steigt und male mir schon aus, wie das letzte „dooooooouzo“ immer leiser wird. Igitt! Ich muss also was tun! Ich entscheide mich dazu, erstmal in den zehnten Stock zu gehen und mir von oben anzusehen, wie die Lage ist. Ergebnis: Der Typ ist völlig besoffen. Offenbar geht es ihm wirklich nicht gut. Als ich mich auf den Weg zur Rezeption mache, um dort irgendwas von „Notfall“ zu stottern, kommt er mir im neunten Stock entgegengewankt und geht in sein Zimmer, gegenüber von meinem. Ab da ist Ruhe. So ein Arsch! Außerdem hat er Bierdosen auf dem Vorsprung verteilt, die im Wind Krach machen und zusammen mit dem Adrenalin dafür sorgen, dass ich nicht mehr einschlafen kann.
Nun denn: Auf nach Yamanashi, Wein anbauen!

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