Feb
24

Sightseeing

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden bedeutet für mich heute: Mich umgucken und dabei gucken, wo ich Reiseschecks zu Yen machen kann. Zuerst versuche ich es in „meinem“ Viertel, minami-senju. Hier ist es eher gemütlich – kleine Gassen, Häuser unter 12 Stockwerken, Läden… Fast unheimlich übrigens, wie viele alte Leute hier herumschleichen. Mein aktueller Lieblingsgreis sieht aus wie eine 120-jährige Schildkröte mit dicker Brille und hat einen absurden (hier aber weit verbreiteten Job): Er weist den Menschen den Weg an einer kleinen Baustelle vorbei. Dafür benutzt er einen Leuchtstab, und er trägt eine Uniform mit Neonweste. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn sehe und komme mir deshalb schäbig vor, ihn um ein Foto von uns zu bitten. Vielleicht traue ich mich morgen. Auf Platz zwei: Der alte Mann, der nun seit zwei Tagen an der gleichen Straßenecke steht und laut pfeift.
In minami-senju gibt es jedenfalls kein Geld für mich, also auf nach Shinjuku. Das ist ein Hochhaus-Stadtteil, sehr berühmt. Nach einigen Irrwegen: Scheck-Mission erfüllt. Vor Freude treibt es mich auf das Dach der Tokioter Stadtverwaltung. Die ist in Shinjuku und gigantisch, ein Betonmonster voll mit Beamten, in dem man wahrscheinlich verrückt wird, wenn man dort etwas zu erledigen hat, wie bei Asterix und Obelix. Vom 45. Stock aus können Touristen auf die Stadt gucken – muss man mal machen. Unten vor dem Komplex demonstrieren ein paar Menschen für eine bessere Gesundheitsversorgung von Kindern.

Tokio, so weit das Auge reicht

Danach: Harajuku. Bizarres Einkaufs- und vor allem Modeviertel. Alles laut und bunt, Tokio wie im Film, dazwischen Touristen und modebewusste Japaner_innen. Models tragen ihre Setcards (Danke, Pro7, für das Erweitern meines Wortschatzes!) vor sich her, damit jeder sieht, dass sie Models sind. Harajuku schwankt zwischen alberner Dekadenz und echter Coolness. Männliche Japan-Fetischisten können sich den Weg durch die Massen wohl mit ihrem Ständer bahnen. Lange nicht allen Leuten gelingt es, ihre bizarre Couture auch überzeugend zu tragen. Manche schaffen es aber, und die sehen dann in der Tat in einer Konsequenz stylisch aus, die ich noch nirgendwo anders gesehen habe.
Im Suppenladen vor dem Hotel dann endlich: Rassismus. Ich hatte ihn früher erwartet. Jetzt weiß ich aber, wie es ist, wenn ein alter Sack mit dem Finger auf mich zeigt und lacht. Vielleicht sieht man mir aber auch inzwischen an, dass ich mir mit Nudelsuppe und Reis eine Verstopfung am züchten bin, die ihresgleichen sucht.

3 Comments

Schreibe ein Kommentar

Kommentare RSS Feed   TrackBack URL

Hinterlasse ein Kommentar


Oben