Mrz
29

Habu

Heute habe ich mein erstes Geld verdient, seit ich in Japan bin. Nein, nicht einfach Geld – Kopfgeld! 1000 Yen. Normalerweise verdiene ich ja nichts. In Tokunoshima ist meine Situation gar noch eine Stufe prekärer: Ich werde vermietet, vermutlich gegen eine monetäre Gegenleistung. Noriko ist zwar sehr nett, hat aber mit Landwirtschaft in etwa soviel zu tun wie der durchschnittliche deutscher Kleingärtner. Ihre WWOOFer vermietet sie daher an Sakita-san, reicher Großbauer und momentan wahlkämpfender Kandidat für die Stadtverordneten-Versammlung. Jeden Tag muss ich acht Stunden lang Zuckerrohr ernten. Zuckerrohr! Urs sprach nicht umsonst von Sklavenhaltung. Bei der Arbeit benutzen meine beiden Kollegen eine Art Erntepanzer, ausgestattet mit Kettenrädern und allerlei Quetsch- und Schneidegerät. Die Maschine trägt den martialischen Namen „Harvester“. Meine Aufgabe ist es, hinter dem ratternden Ungetüm herzulaufen und das Feld von stehen- und liegengebliebenen Zuckerrohren zu befreien. Das ist nicht nur extrem eintönig, sondern vor allem auch furchtbar anstrengend. Ich laufe, so habe ich es mir ausgerechnet, pro Tag etwa sieben Kilometer, bücke mich alle drei Sekunden und hacke dabei mit einer Axt auf diesem widerborstigen Kraut rum. Wenn ich nicht aufpasse, fährt mich der Harvester beim Zurücksetzen über den Haufen. Die Arbeit hat aber auch ihre guten Seiten. Ich verstehe mich gut mit meinen beiden Kollegen, obwohl wir enorme Kommunikationsschwierigkeiten haben, weil beide nur Dialekt sprechen und die Schule wahrscheinlich zu selten von innen gesehen haben, um jemals ein Wort Englisch daraus mitnehmen zu können. Aber sie finden es gut, dass ich so laut rülpsen kann.

Außerdem ist die Insel enorm schön, ich habe auf allen Feldern Blick aufs Meer und das grüne Hinterland, es weht ein frischer Wind, und ich bin umgeben von allen möglichen exotischen Tieren. Riesenheuschrecken zum Beispiel, oder gigantische bunte Hundertfüßler, Spinnen aller Art, winzige Frösche, Vögel – und Schlangen.

Von der Habu hatte ich bereits im Vorfeld gelesen. Tokunoshima ist laut Wikipedia berühmt für diese hochgiftige Schlangenart. Wandern sei deshalb nicht zu empfehlen. Ich habe das weniger ernst genommen, da ich erstens keine Angst vor Schlangen habe und zweitens ja auch gar nicht wandere. Die Habu lebt allerdings bevorzugt an Feldrändern. Bereits am ersten Tag habe ich gemerkt, dass das nicht witzig ist. Gestandene Bauern unterbrechen ihre Arbeit, wenn es in der Nähe eine oder mehrere Habus geben soll, und erzählen sich Geschichten. Durchschnittlich bleiben einem erwachsenen Menschen dreißig Minuten, um nach dem Biss ein Gegengift zu erhalten, das sind die harten Fakten. Wer das nicht schafft, stirbt. Erwischt die Schlange jedoch die weiche Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, hat man sogar wesentlich weniger Zeit, erzählt mir Nori-san, mein Kollege. Danach arbeiten wir weiter – zwei tote Habus stinken neben uns vor sich hin.

Heute war es dann soweit. Früh am Morgen roden wir gerade die ersten Reihen Zuckerrohr am Feldrand, als ich genau neben Noris Stiefel eine Schlange sehe, winzig klein, aber bereits aufgerichtet. Ich rufe und ziehe ihn weg. Dann bricht hektische Betriebsamkeit aus. Mit ihren Äxten fixieren Nori-san und sein Freund die Schlange hinter dem Kopf, um sie lebendig zu fangen. Auf Tokunoshima wird nämlich eine Belohnung von 3.500 Yen gezahlt, wenn man eine lebendige Habu zu einer der Sammelstellen bringt – der Bedarf an Gegengift ist eben sehr hoch. Wir stopfen das kleine Tier in einen Plastiksack und fahren in die Stadt, wo unser Fang komplett emotionslos entgegengenommen und in eine Kiste zu den zahlreichen anderen gefangenen Habus geworfen wird. Dann stellt uns der Mann von der Sammelstelle einen Scheck aus, das Geld teilen wir brüderlich. So komme ich zu meinem ersten Kopfgeld. Auf dem Rückweg zum Feld stelle ich fest, das Gefahr auf Tokunoshima offenbar generell in Schlange gemessen wird. „Noch gefährlicher als die Habu: betrunken Auto fahren!“ steht auf einem Schild in der Nähe der Schule.


Mrz
27

Reisebekanntschaften

Als der Nachtbus das, was von mir übrig ist, am Hauptbahnhof von Osaka ausspuckt, ist es 6.15 Uhr am Morgen. Dauerregen, Koffer, Rucksack, Gitarre, eine schlaflose Nacht und noch 11 Stunden bis zur Abfahrt der Fähre, das sind schlechte Voraussetzungen für einen guten Tag. Aber ich bin nun mal in Japan, und schwupps – sitze ich in einem Franchise-Café und gebe den Star des Tages. Besagtes Café befindet sich ungefähr dort, wo laut Rob ein ultracooles anderes Etablissement hätte sein sollen, in dem er auflegt, Freunde von ihm, vor ein paar Jahren, ein Russe, und so weiter und so fort. Ist auch egal, habs eh nicht gefunden.

Also rein in das Franchise-Café, weniger cool, aber Hauptsache warm und sitzen. Was für ein Glücksfall! Die Chefin des Ladens ist unstillbar neugierig, was ich mit meinem Gepäck und meiner Verzweiflung in ihrem Laden will. Ich holpere es ihr vor, und huch?, der blonde Mann kann Japanisch, nein, nur ein bisschen, auf der Uni in Deutschland, Deutschland? Ja, genau, Bochum. Bonn? Nein. Ich bin auf dem Weg nach Tokunoshima… Nach Tokunoshima?! … um dort auf einer Farm zu arbeiten… Landwirtschaft?! Eh ich mich versehe, habe ich einen zweiten Kaffee und ein Hotdog vor mir, als Geschenk natürlich, und der Tag sieht auf einmal gar nicht mehr so übel aus. So kann es hier gehen, und ich finde es toll.

Von nun an gerate ich in einen wahren Hilfsbereitschaftsexzess: Mein Gepäck kann ich im Laden deponieren, um einkaufen zu gehen. Der Weg zum Buchladen und zum Supermarkt wird mir genauestens erläutert, und weil es etwas weiter ist, leiht mir die Chefin sogar ihr Fahrrad. Ich weiß leider nicht mal mehr ihren Namen. Außerdem gebe ich mein Bestes, auch im Ausland ganz ich selbst zu bleiben und verliere unterwegs ihr Zahlenschloss. Natürlich besorge ich ihr ein Neues, und natürlich nimmt sie das Geld dafür nicht an. Ich verbringe Stunde um Stunde im Café, trinke umsonst und biete als Gegenleistung nur mich als Gesprächspartner, was offenbar völlig reicht. Bevor ich aufbreche, lädt sie mich auch noch zum Essen ein. Völlig erschlagen von so viel Freundlichkeit mache ich mich auf den Weg zum Hafen.

Die Fährfahrt ist scheußlich-schaukelig, eng, laut, langweilig und 24 Stunden kürzer als erwartet – ich komme also einen Tag zu früh in Tokunoshima an. Gut so: Dadurch lerne ich Urs kennen. Urs ist mein WWOOF-Vorgänger bei Noriko, meiner neuen Gastgeberin. Als ich am Morgen aufwache, packt er grade seine Sachen. Urs ist… richtig: Schweizer. Und 65. Ein überaus distinguierter älterer Herr, die Höflichkeit in Person, pensionierter (aber noch aktiver) Ingenieur, schnauzbärtig, penibel, kurz: Die letzte Person, die ich dort erwartet habe. Wir fangen an, uns zu unterhalten und hören damit die nächsten Stunden nicht mehr auf. Auch Urs lädt mich zum Essen ein (ich scheine das irgendwie anzuziehen) und weiht mich in die dunklen Geheimnisse der Arbeit bei Noriko ein. Ein externer Arbeitgeber im Lokalwahlkampf? Zuckerrohr? Unvorhersehbar ausschwenkende Erntemaschine? Ekelhafte Instant-Mahlzeiten? Gar Sklaverei? Hochinteressant…

Urs‘ Frau scheint jedenfalls ziemlich Haare auf den Zähnen zu haben. Eines Tages beim Essen habe sie ihm unterstellt, dass er geistig träge geworden sei, erzählt er. Das hat ihn herausgefordert, Japanisch zu lernen und Oboe zu spielen. Beides tut er nun leidenschaftlich gerne, ersteres führte ihn über Umwege nach Tokunoshima. Er wirkt beängstigend erleichtert, wieder von hier zu verschwinden. Ich amüsiere mich prächtig in unserem Gespräch. In seinem Schweizerdeutsch drückt sich Urs gestochen scharf aus. Richtig witzig wird es immer dann, wenn er Japanisch spricht. Schweizerjapanisch nenne ich es mal: Profunde Vokabelkenntnisse, gepaart mit einer Sprachmelodie, die schweizerischer (und damit weniger japanisch) nicht sein könnte, Silbe für Silbe einzeln betont, vorgetragen in der höchstmöglichen Höflichkeitsstufe – grandios! Leider ist Urs nun weg, und ich stecke tatsächlich bis zum Hals im Zuckerrohr und im Lokalwahlkampf. Banzai!


Mrz
26

Das Rob-Komplott

Der vorletzte Tag in Enzan stand ganz im Zeichen dessen, was fortan als das „Rob-Komplott“ in meine Japan-Annalen eingehen soll. Rob, 37, war einige Tage mein Kollege. Er ist ein amerikanischer Weltenbummler, der sich mit Unterbrechungen seit neun Jahren als Englischlehrer in Japan durchschlägt. 30 Minuten lang fand ich ihn nett. Dann fing er an, mir exponentiell auf die Nerven zu gehen, jede Minute mehr. Rob redet ununterbrochen von sich selber, erzählt Geschichte über Geschichte, manchmal interessant, meistens langweilig, immer auf Englisch. Japanisch kann er nämlich so gut wie gar nicht, obwohl er mit einer Japanerin verheiratet ist. Ein Satz zu Rob mündete zwangsläufig in dutzenden Episoden aus seinem Leben, auch bei der Arbeit, und wenn er mal nicht redete, machte er Fotos von allem und jedem, die er sofort bei Facebook postete, um auch die nicht direkt anwesenden Menschen über sich auf dem Laufenden zu halten. Auf die Dauer einfach unerträglich. Mit Aaron fing ich schnell an, mir das Maul über Rob zu zerreißen. Was Mari und Ogi von Rob hielten, blieb erst einmal unklar. Dann kam es allerdings zu einem arbeitstechnischen Zwischenfall: Wir haben falsche Weinsorten gepflanzt, was ehrlich gesagt nicht nur Robs Schuld war. Von da an überschlugen sich die Ereignisse, zuerst weitgehend ohne mein Wissen. Ogi war stinksauer, ließ Steven am nächsten Morgen mehr oder weniger grußlos abreisen und teilte mich und Rob in düsterer Stimmung zu einer zermürbenden Strafarbeit ein: Steine sammeln. Schon früh um sechs war Ogi aufs Feld gefahren, um unseren Fehler zu korrigieren. Zu allem Überfluss hatte Rob auch noch eine Heckenschere verloren. Einen ganzen Tag habe ich Ogi nicht mehr gesehen, dafür aber Aaron und eben Rob, dessen Penetranz sich zuverlässig ins Unermessliche steigerte. Am Abend gingen Aaron, Mari und Ogi zu einer Party, auf der sie offenbar ordentlich einen wegsoffen und das Rob-Komplott schmiedeten. Gleichzeitig durfte ich zu Hause mehr über Rob, seine Youtube-Videos (er rappt), seinen Podcast, seine Frau, seine Plattensammlung mit Schwerpunkt auf südamerikanischer Musik der 60er und 70er Jahre (!), sein Haus in Tokio, seine Arbeit, seinen Alkoholkonsum, seine Bier brauenden Freunde und die geläufigsten Fehler beim Aussprechen spanischer Namen erfahren, um hier nur ein paar Auszüge zu nennen.

Am nächsten Morgen weckte mich Rob um 7.30 Uhr. Ogis Pläne hätten sich geändert, erzählte er mir verwirrt. Aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Ereignissen müsste Rob sofort nach Tokio zurückkehren, ich dagegen solle zu Aaron in die Nachbarstadt fahren und dort bleiben, bis mein Bus nach Osaka abfährt. Von einer plötzlich dazwischengekommenen buddhistischen Beerdigungszeremonie war die Rede, von zwei neuen WWOOFern, die angeblich bald kommen würden, und irgendwas stimme nicht mit Mari-san. Das Ganze kam mir sofort komisch vor. In der Küche traf ich auf einen verkaterten Ogi und – als wäre alles nicht schon seltsam genug – eine mir komplett unbekannte Frau, die offenbar im Haus übernachtet hatte und nun am Küchentisch saß. Mein Verdacht bestätigte sich schnell: Ogi bedeutete mir, den Finger auf die Lippen legend, dass ich nicht zu packen bräuchte. Zusammen mit Aaron hatte er sich eine völlig überzogene Story zusammengeschustert, um Rob so schnell wie möglich loszuwerden. Keine Beerdigung, keine neuen WWOOFer, ich könne ganz normal bleiben. Mari war indes wirklich indisponiert: Ihr war schlecht. Plötzlich selbst Teil des Rob-Komplotts, ging ich wieder nach oben, wo ich innerlich feixend so tat, als würde ich meine Sachen packen. Rob schien egozentrisch genug, die hanebüchene Planänderung für bare Münze zu nehmen, anstatt sie irgendwie mit seiner Person in Verbindung zu bringen, und wurde von Ogi so bald als möglich zum Bahnhof verbracht. In seinen letzten Minuten schaffte er es weiterhin, sich wie die Axt im Walde zu verhalten. Als er endlich weg war, stellten Ogi und ich vergnügt unser Einvernehmen über Rob her. Ogi entschuldigte sich sogar für seine Laune am Vortag – und ich war vollkommen rehabilitiert. Das habe ich wohl nicht zuletzt Aaron zu verdanken, der Ogi gegenüber das ein oder andere gute Wort für mich eingelegt hat. Statt Strafarbeit gab es für mich also normale Jobs, dazu später eine Einladung ins Onsen und zum Essen und die Gewissheit, dass ich im Sommer wieder hierher kommen kann, in dieses zerwühlte Haus, das mir schon sehr ans Herz gewachsen ist. Am Abend bekam ich eine Mail von Rob: Ich solle Aaron und seine Freundin grüssen. Sicher.


Mrz
17

Country-Show

Manchmal, am Wochenende, kommen Stadtmenschen nach Yamanashi. Ogi kennt sie aus dem Internet. Sie kommen aus Tokio, weil sie sich für den Traubenanbau interessieren, vor allem, wenn es sich um Trauben zur Weinherstellung handelt: Japanischer Wein ist Exotik pur. Samstag und Sonntag war jeweils eine Gruppe zu Besuch. Sie essen mit uns zu Mittag und freuen sich dann, wenn Ogi mit ihnen aufs Feld geht, wo sie mal einem echten Bauern bei der Arbeit helfen dürfen. Ogis drei Ausländer sind Teil der Country-Show: Ein blonder Deutscher und ein Kalifornier auf den Weinfeldern in Enzan, dazu der ebenfalls blonde Aaron, der, das beweisen zahllose kleine Scherze, offenbar auch noch ein guter Freund von Ogi ist, das ist… verrückt! Ogis Rolle bei diesen Wochenend-Besuchen ist es – laut Aaron – den Städtern (und besonders den Städterinnen) glaubhaft den Redneck vom Lande zu geben, was ihm naturgemäß sehr leicht fällt. Beim Mittagsessen wird plötzlich eine Flasche Wein aus Nagano geköpft. Gekocht wird auf einer großen Pfanne direkt auf dem Tisch, Ogi schüttet mit lässiger Geste einen großen Schluck Nagano-Wein ins Essen. Es schmeckt furchtbar, weil es einfach nicht passt (etwa so wenig wie Sake in eine klassische Lasagne passen würde). Der Wein selber ist schaurig, Aaron erzählt mir später, dass er (wie viele japanische Weine) einfach aus Tafeltrauben zusammengepanscht ist – und alle sind verzückt. Die Stimmung ist ausgelassen. Genau für so etwas sind sie gekommen.
Als ich am Samstag von der Arbeit zurückkehre, erklärt Ogi den pflichtgemäß staunenden Besuchern gerade die Technik, mittels Siegelwachs und jungen Zweigen neue Triebe sprießen zu lassen. In seinen dreckigen Klamotten, Bier trinkend, Zweige schnitzend und mit Wachs hantierend gibt er offenbar ein tolles Motiv ab – jedenfalls zücken die Landwirtschafts-Touristen geschlossen ihre Handys und Kameras, um diesen Moment eifrig raunend zu dokumentieren. Da mich das blendend amüsiert hat, habe ich sie ihrerseits dokumentiert.

Mittags geben Ogi und Aaron an beiden Wochenendtagen ein gut durchchoreographiertes Schauspiel zum Besten. Dabei lenkt Ogi die Aufmerksamkeit der Städter mehr, eher jedoch weniger unauffällig auf Aaron (den die meisten Besucher bereits flüchtig kennen) und betont, dass dieser ja über Wein in Yamanashi forsche und zufällig ein paar Aufkleber mitgebracht habe, auf denen der Yamanshi-Traube gehuldigt würde. Aaron ziert sich noch ein wenig, dann stellt er sein Forschungsprojekt und vor allem seine Aufkleber vor. Sollte jemand die Aufkleber kaufen wollen – sie kosten nur 300 Yen! – würde das den Weinanbau in der Gegend und ihn als armen Doktoranden unterstützen. Was soll man sagen? Die Masche zieht blendend. Gehorsam zeigen sich alle Besucher hochgradig interessiert, geben die entsprechenden Laute (Eeeeeeeee? Omoshiroi!!) von sich, und kaufen jeder mindestens einen Sticker, manche gar gleich fünf.

Alles an dieser Szene ist gestellt: Ogi und Aaron sprechen den Zeitpunkt der Werbeveranstaltung aufreizend offensichtlich ab, er ist fest eingeplanter Bestandteil des Mittagessens. Aaron hat die Dinger schließlich extra dafür mitgebracht, und das Interesse der Weinjünger an den Stickern ist derart groß, dass es nur noch als überzogen bezeichnet werden kann. Gehört alles zur Country-Show, die eben irgendwie auch eine Japan-Show ist.
Noch vor dem Abendessen brechen die Reisegruppen wieder auf in ihre Weltstadt. Einige von ihnen planen tatsächlich, irgendwann ein Feld in Yamanshi zu pachten, um dort ihre eigenen Trauben zu züchten. Bis dahin kommen sie einigermaßen regelmäßig vorbei und machen bei Ogi den Hilfsarbeiter. Hat er nix gegen.


Mrz
15

Relativitätstheorie

Ich habe Walfleisch gegessen. Walspeck, um genau zu sein. Das wollte ich eigentlich nicht tun. Hatte ich mir vorgenommen, Japan hin oder her. Schließlich spende ich regelmäßig an eine Anti-Walfang-Organisation. War dann wohl nix. Mein kulinarischer Fauxpas hat einen Hintergrund: Aaron (siehe „Schwindel“) wollte mir eine ordentliche Lektion in Sachen kultureller Relativismus erteilen. Er hat mitbekommen, dass ich, ganz Europäer, das japanische Beharren auf Walfang und -verzehr ablehne. Ich kenne die ganzen Geschichten: Niemand könne den Japanern verbieten, auf Wal zu verzichten, erst Recht nicht der Westen, der ja  eh nix versteht. Dem Wal verdankt das japanische Volk Wärme, Nahrung und damit Leben in der harten Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, so lautet die kitschige Ideologie, die der Jagd hier zugrunde liegt. Japan fängt daher trotz internationaler Ächtung Wale, offiziell „zu Forschungszwecken“. Ist doch lächerlich! Jeder in Deutschland, in Europa sieht das so. Die Wale sind kurz vorm Verschwinden, und die „Ach-was-sind-wir-speziell“-Japaner wollen nicht aufhören, Walfleisch zu essen, und das auch noch vor allem aus Nationalismus, nicht etwa, weil sie es brauchen.


Ich hätte meine Klappe halten sollen. Meine Rede hat Aaron, das Integrationsgenie, offenbar herausgefordert. Spät am Abend schrieb er mir eine Mail. Ich solle auf meine Ideale scheißen und einfach essen, hieß es da. Niemand hier würde meine Bedenken ernst nehmen, im Gegenteil, wenn ich weg bin, lachen sie wahrscheinlich über mich, und die Wale würde ich damit ganz sicher nicht retten. Gut, er war betrunken. Hat er auch dazugeschrieben. Am nächsten Tag war ihm das Ganze vielleicht sogar ein bisschen peinlich: „Wenn ich getrunken habe, sollte ich keine Mails schreiben und nicht meine Freundin anrufen. Gestern habe ich beides getan“, meinte er.
Vor dem Mittagessen hat er mich aber doch noch mit zum Supermarkt genommen, um mein „Unterrichtsmaterial“ zu besorgen. Ja, zum Supermarkt. Walfleisch (oder zumindest Walspeck) gibt es nämlich hier in jedem großen Supermarkt. Auf der Packung ist – meine Europäeraugen konnten es kaum glauben – ein niedlicher grinsender Comic-Wal abgebildet, der Messer und Gabel in den Flossen hält und sich die Lippen leckt. Unfassbar! Was für eine Walart wir essen würden, war übrigens nicht ersichtlich – da muss wohl noch ein bisschen geforscht werden, bis das klar ist, haha. Ursprünglich hatten Aaron und Mari sogar noch vor, dem Fisch essenden Vegetarier Steven zu erzählen, der Walspeck sei ein „ganz spezieller japanischer Fisch“. Mari war aber dann letztendlich doch dagegen, die Gute. Wen’s interessiert: Walspeck schmeckt öde, ein wenig nach Fisch, ein wenig nach Fleisch, ist ja auch nur Fett, die Konsistenz erinnert eher an rohes Gemüse. Eher nicht so lecker.
Und was habe ich jetzt gelernt? Vor allem das: Meine Standards sind dehnbar. Ich hab den Kram gegessen, und ich finde Walfang immer noch falsch, auch den japanischen. Ich bleibe Pate von Kira, dem Schwertwal. Ich schäme mich auch nicht, naja, nicht sehr. Und ich bin – das ist das Wichtigste –  nicht in der Position, hier hinzukommen, um den Japanern zu erklären, wie dumm sie sind, den Walfang zu unterstützen. Es ist ja auch eher anders: Der Walfang wird schlicht nicht in Frage gestellt. Im Fernsehen waren kürzlich die Bilder eines Zusammenstoßes zwischen Greenpeace-Aktivisten und einem japanischen Walfänger zu sehen. Tenor der Berichterstattung: Diese unverschämten Westler greifen böswillig ein braves Schiff an. Die verstehen einfach nix von japanischer Kultur. Eine Gegenmeinung ist in den Mainstream-Medien hier nicht zu finden, nirgendwo. Keine Diskussion. Und das soll Hanno Jentzsch aus Bochum ändern? Quatsch. Und der Wal auf dem Tisch ist tot, ob ich ihn mitesse oder nicht. Danke Aaron, sehr anschaulich.

Als Fußnote noch dies: Ein ausnahmsloses, gut sanktioniertes Fang-Verbot würde ganz sicher jenseits aller kultureller Relativismen auch in Japan beeindrucken. Auf manche Sachen reagieren eben doch alle Menschen ähnlich, empfindliche Strafen zum Beispiel.


Mrz
13

Krähberrch

Das Wort der Woche ist tukuru – herstellen. Seit Tagen arbeiten Steven, Nakagawa und ich daran,ein neues Feld „herzustellen“. Dafür müssen unzählige Stangen auf einem terassenförmig abfallenden Terrain versenkt werden, und zwar bitte genau im Abstand von fünf Metern (Länge) und vier Metern (Breite).

Das erwähnte schwanzverlängernde Grabgerät können wir indes nicht verwenden, da der Boden extrem schwer und mit teils mannsschweren Felsbrocken gespickt ist. Drei Spaten müssen also ausreichen. Es gilt, die Stangen sehr exakt aufzustellen und auszurichten, mit jeweils drei Stützstreben aufrecht zu halten, um sie dann mithilfe zweier Wasserwaagen lotrecht zu bekommen. Anschließend werden die Stangen oben längs und quer miteinander verbunden, so dass ein stabiles Gerüst entsteht, an dem die Drähte befestigt werden, an denen sich später die Trauben entlangranken. Wenn also nicht exakt gemessen wurde, geht das alles nicht. Weil ich mit Nakagawa bereits auf einem anderen Feld Stangenerfahrung – wenn auch in stark abgeschwächter Form – gesammelt habe, hat mir Ogi ehrenvollerweise die Verantwortung für das Gelingen des neuen Weinbergs übertragen. Das hat allerdings selbstredend keine Konsequenzen praktischer Natur. Die Arbeit ist anspruchsvoll und anstrengend, zumal das Feld nach dem erwähnten massenhaften Schneefall zwei Tage lang am ehesten mit dem Wattenmeer zu vergleichen war – Riesenwürmer inklusive, übrigens. Es macht Spaß, das Gerüst langsam wachsen zu sehen und dabei zu wissen, dass die Stangen wahrscheinlich in den nächsten 30 Jahren nicht mehr bewegt werden.

„Hergestellt“ wurde dann auch in der Freizeit. Am Abend würden wir – Steven und ich – mit zum Töpfern gehen, eröffnete uns Ogi neulich überraschend. Das sei sehr interessant, Herstellen ist immer gut, da könne man was lernen über Chemie und so weiter. Steven redete sich und mir ein, dass Töpfern ein wichtiger Teil japanischer Kultur sei (und damit selbstverständlich großartig), ich dachte eher an die Grundschule und wie ich damals schon keinen Bock auf so was hatte. Außer uns waren an diesem Abend noch drei alte bis sehr alte Frauen, ein alter Mann und zwei dazugehörige sehr junge Enkel zum Töpfern erschienen. Der Vorarbeiter war ein älterer, lebensfroher und von Grund auf sympathischer Typ, der allerdings von Beginn an keinerlei Zweifel daran aufkommen ließ, dass hier ausschließlich nach seinen Anweisungen getöpfert werden würde. Ich entschied mich also gezwungenermaßen für das Modell „Tasse“, Steven wählte das Modell „Becher“, dafür gabs Schablonen, und dann los. Später stellte sich heraus, dass diese Normierung unserer Handwerkskunst monetäre Gründe hatte: Pro Kopf, Stunde und verbrauchtem Ton wurde nämlich am Ende abgerechnet. Während ich nach genauester Anleitung eine unglaublich schmucklose Tasse zusammenstümperte, die ob ihrer Deformiertheit jedem Drittklässler die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, stellte sich heraus, dass der nette Vorarbeiter den Text von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ nicht nur beherrscht, sondern auch gerne zum Besten gibt. Ich brachte ihm daraufhin das Wort „Kleber“ bei, dass er in einer Mischung aus dem ostasiatischen Unvermögen, r und l zu unterscheiden und dem Bemühen, die typische Härte der deutschen Sprache zu imitieren, konsequent wie „Krähberrrch“ aussprach.

Bevor irgendeine Gelegenheit aufkommen konnte, das tassenartige Machwerk mit einer persönlichen Note zu versehen (z.B. eingeritzte Herzen, Diddlemäuse, eine gewagte Delle im Henkel, oder so), wurde es bereits als fertig deklariert und weggestellt. Ich konnte wenigstens noch ein Foto schießen. Macht dann 1500 Yen. Morgen stellen wir wieder Felder her, das ist besser.



Mrz
09

Schleim

Während vor der Tür so wie in ganz Japan das Schneechaos ausgebrochen ist, wird es Zeit, ein paar Worte über alltägliche Kleinigkeiten zu verlieren, die sonst unberücksichtigt bleiben müssten. Zum Beispiel Geräusche. Ogi liebt Geräusche, er macht sie ununterbrochen. Er furzt leidenschaftlich und drückt Gefühle wie Kälte, Müdigkeit, Hunger oder Sättigung am liebsten nonverbal aus. Wenn er im Begriff ist, ordentlich einen abzuseilen, kündigt er das Minuten vorher durch kehlige Laute an, illustriert seinen Zustand durch Griffe an den unteren Rücken oder den Bauch, sagt irgendwann endlich „Wartet mal eben“ (Worauf?!), sucht sich demonstrativ eine Zeitung und geht. Ist alles erledigt, macht er noch eine Weile andere Geräusche, die seine Zufriedenheit ausdrücken sollen. Wenn wir grade bei Toiletten sind: Ja, wir haben hier beheizte Klobrillen, und ja: Das ist super!
Wie bereits kurz erwähnt, ist auch jede Mahlzeit ein Festival an Geräuschen. Es wird geschlürft in einer Vehemenz, die kaum zu beschreiben ist. Wer nicht mitschlürft, fällt auf, wahrscheinlich unangenehm. Auch Mari, die sonst sehr still ist, gibt beim Essen Laute von sich, die in anständigen deutschen Restaurants zum Rausschmiss führen würden.
Neulich habe ich übrigens Bekanntschaft mit einem Gericht gemacht, das schon im Erstsemester-Japanischkurs von Legenden umrankt war: Natto. Das sei ein für nichtjapanische Gaumen ungenießbares Zeug, hieß es. Vergorene Sojabohnen, vielleicht angereichert mit Seetang, die in ihrem Zustand der Verwesung stinken und Fäden ziehen. Ekelhaft sei das, aber die Japaner seien eben anders, hier sei das eine Spezialität. Wer im Unterricht mit schlechtem Japanisch einen billigen Lacher kassieren wollte, musste nur sagen: „Natto-wo tabetai! Ich möchte Natto gegessen!“. Haha, verrückt.
Ich habe es also nun gegessen. Ich weiß Bescheid, und ich muss leider sagen: Es ist wirklich widerlich. Ekelhaft. Abstoßend. In der Tat eigentlich völlig ungenießbar, nur mit Mühe habe ich meinen mit Natto vermischten, nein, kontaminierten Reis runterbekommen. Es zieht wirklich Fäden, es stinkt, es schäumt in kleinen, zähen Blasen, und vor allem schleimt es. Es ist eigentlich so, als würde man ein paar Sojabohnen schlucken, sie einige Stunden später mit möglichst viel Magenschleim anverdaut wieder hervorwürgen und das Ganze als Mahlzeit präsentieren. Der Schleim hängt einem in der Kehle, an den Stäbchen, bedeckt den ganzen Mundraum, als wären Schnecken dort rumgekrochen, man kann es kaum schlucken, überall finden sich die klebrigen Fäden, es schmeckt darüber hinaus eigentlich nach nix, kurz: Es gibt absolut keinen Grund, sich diesen ekelhaften Kram reinzuziehen. Nur den einen: Ich wollte meinen Gastgebern den Triumph nicht gönnen. Und außerdem hat Steven die Bohnen-Kotze begeistert gegessen. Steven ist mein neuer Kollege, ein WWOOFer aus Kalifornien. Daneben ist Steven vor allem Japan-Fan. Er hat die obligatorische japanische Freundin, hat bereits ein halbes Jahr in Yamanshi als Student verbracht und beginnt nun, nach seinem B.A. in Wirtschaft, ein neues Leben in Japan als WWOOFer. Sein Hobby ist Japanisch lernen, in Kürze macht er sich auf die Suche nach einem Job im gelobten Land. Wir kommen eigentlich gut zurecht. Neben ihm fühle ich mich auf dem Feld fast wie ein alter Hase. Außerdem verdanke ich es ihm, dass nun vielmehr Japanisch gesprochen wird, denn Steven spricht und liest sehr gut, davon kann auch ich profitieren. Und NATÜRLICH mag er Natto, den er mag ja alles an Japan. In den USA habe er keine Freunde, erzählt er, in Japan hat er nicht nur die, sondern sogar eine Freundin. Es ist wirklich gut, dass er da ist.


Mrz
07

Schwindel

Die Höhepunkte im Hause Ogihara sind die Tage, an denen Besuch kommt. Und Besuch gab es reichlich: Die nachmittägliche Feldarbeit erledigten wir am Samstag zusammen mit Matsu, seiner Partnerin, dem in Japan lebenden Amerikaner Aaron und seiner japanischen Freundin.

Matsu ist – so heißt es – einer der führenden Agrikultur-Forscher Japans. Aaron dagegen arbeitet momentan noch an seiner Doktorarbeit über Weinanbau in Yamanashi.
Vor diesem Projekt hat Aaron in 27 verschiedenen Ländern gelebt. Unser Gespräch beginnt am Nachmittag mit einem Hammer: Er fragt, wo ich herkomme, ich sage es ihm, er stutzt kurz und fängt dann an, das Wattenscheid 09-Lied zu singen. Als Wattenscheid noch erstklassig war, hat er nämlich in der Jugendmannschaft gespielt. Ich bin naturgemäß komplett baff. Da hockt man irgendwo in Japan, trifft einen Amerikaner, der sich im Übrigen ansonsten nur in nahezu perfekten Japanisch unterhält, und dann so was! Aaron spricht auch fließend Deutsch. Wattenscheid ist nur eine seiner zahllosen Stationen im Leben, studiert hat er in Kassel, seinen Doktor macht er als Student der Universität von Hawaii, er hat Straßen besetzt im Berlin der Wendejahre, in Rumänien Entwicklungshilfe geleistet, in Tschechien gelebt und ist irgendwann in Japan hängen geblieben – inzwischen ein überzeugter kultureller Relativist, dem unterwegs seine Ideale abhandengekommen sind, sagt er. Ogi hat er kennengelernt, weil er als WWOOFer zu ihm kam und sich dann mit ihm angefreundet. So kanns gehen! Mir wird jedenfalls schwindelig von diesem Lebenslauf, ihm wird schwindelig, weil er unter all dem Japanisch sein Deutsch hervorkramen muss, allen wird schwindelig vom Wein aus Yamanashi und der Hopfenbrause (= Bier im weitesten Sinne). Wir führen bis in die Nacht ein desillusionierendes Gespräch über die Hürden, die einen daran hindern, in die japanische Gesellschaft vorzudringen. Gelegentlich zwingt Aaron mich dazu, Japanisch zu reden, was noch weiter zur Desillusionierung beiträgt. Ich erfahre außerdem, dass man schon vor meiner Ankunft über mich geredet hat. Es komme ein deutscher WWOOFer, hat Ogi Aaron erzählt. Man sollte sich doch aus Spaß einen Hitlerbart stehen lassen und mich mit einem freundlichen „Sieg-Heil“ begrüßen. Sie haben es dann doch nicht gemacht.

Am Freitag habe ich meine Freizeit zu einem Spaziergang genutzt und dabei besagte Hürden deutlich gespürt. Eine Horde Schulkinder lief mir hinterher, weil ich so riesengroß sei, wie sie dann sagen. Sie wollen wissen, wo ich herkomme. Ihre Vermutung: Russland. Später treffe ich einen unglaublich unfreundlichen alten Mann, der gerade dabei ist, einen japanischen Affen Gassi zu führen. Man kann – wie Aaron – noch so gut Japanisch können, Freunde und Partnerin hier haben, leben, arbeiten, essen; wenn man an Orte geht, an denen einen keiner kennt, fängt man wieder von vorn an. Ich sowieso.


Mrz
04

Geheimnisse

Ein sehr erfüllter Tag liegt hinter mir: Nakagawa und ich haben zahllose Löcher gegraben und Stangen versenkt, alles bei schönem Wetter und vor bergiger Kulisse.

Der Bohrer ist aufgrund seiner Form und seiner Funktion das schwanzverlängerndste Werkzeug, mit dem ich je hantiert habe. Auf einer entsprechenden Skala rangiert er wahrscheinlich direkt hinter Flugabwehrkanonen und Löschschläuchen in der absoluten Spitzengruppe. Dazu ist das Anlegen eines neuen Feldes die bisher einzige Gelegenheit in meinem Leben, bei der ich aktiv auf die Geometriekenntnisse zurückgreifen musste, die mir in der Schule gegen meinen Willen vermittelt wurden. Die Arbeit war zwar sehr anstrengend, dafür aber wirklich interessant.

Nakagawa auf dem Feld

Nach der Arbeit haben Ogi, seine Frau und ich noch einen Ausflug in eine nahe gelegene heiße Quelle unternommen, die mitten in den umliegenden Bergen liegt – sehr japanisch, sehr nackig, aber sehr angenehm, das ganze. Wie bei allen Freizeitaktivitäten (das heißt normalerweise: Fernsehen) wurde Bier getrunken. Mit dabei war auch Ogis Freund Kazu. Kazu habe ich unter im wahrsten Sinne des Wortes mysteriösen Umständen kennengelernt:
Auf dem Rückweg vom Feld nach Hause hielten wir an einem anderen Feld an, wo ein junger Mann in Baggy Pants und weitem Pullover mit Jamaika-Muster an einer großen, brennenden Tonne stand. Das sei sein Freund Kazu, erklärte Ogi, er komme heute mit zu uns. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass Kazu Bücher und Hefte zerriss, um die einzelnen Blätter anschließend ins Feuer zu werfen. Weil ich sonst nix zu tun hatte, bot ich meine Hilfe an. „Gerne“, meinte Kazu. Nach ein paar Heften fragte ich, was wir da eigentlich verbrennen, und warum? Das seien geheime Dokumente, meinte Kazu. Ich musste lachen, ja klar, geheime Dokumente, haha, guter Witz, hab ich verstanden. Und was ist es nun wirklich? Geheime Dokumente, war die Antwort, Bücher, die ausschließlich für die Mitglieder der imperialen Wachpolizei am Kaiserpalast und deren Vorgesetzte bestimmt seien. Da steht also ein Typ in Skater-Outfit mitten auf einem Feld und verbrennt Polizeiakten?! Wobei helfe ich da eigentlich? Ist das legal? Woher zum Teufel hat er das Zeug? Kommt gleich Quentin Tarantino um die Ecke und schreit „Cut!“? Ich beschloss sofort, dass ich eines der „geheimen Bücher“ (er sagte tatsächlich shimitu no hon, für die Japanisch-sprachigen Leser_innen!) haben müsse – und jetzt: hab ich eins! Kazu fand nach einigem Zögern, dass die Dokumente in Deutschland keinen Schaden anrichten könnten und überließ mir eine Ausgabe des Wachtruppen-Magazins. In der Tat arbeitet Kazu aushilfsweise für diese spezielle Polizeieinheit, hat er mir später am Abend erzählt. Ansonsten ist er Pfirsich-Farmer. Wir haben uns gut unterhalten, sogar auf Japanisch. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick entzieht sich mir die Brisanz der im Geheimdokument gebotenen Informationen übrigens vollkommen. Ich werde trotzdem versuchen, sie beim BND zu Bargeld zu machen.


Mrz
02

Draht

Machen wir uns nix vor: Arbeit ist Arbeit, ob nun in Japan oder in Deutschland. Langsam kehrt der Alltag ein: Drähte, Schnüre, Feld. Dabei trage ich Gummistiefel, die so hart sind, dass ich ein paar ordentliche Abschürfungen auf den Schienbeinen habe. Die KPCh wusste schon, warum sie die Intellektuellen zur Erziehung aufs Feld geschickt hat. Ich bin jedenfalls ein zartes Pflänzchen.

Seit ein paar Tagen arbeite ich mit Herrn Nakagawa zusammen. Herr Nakagawa ist der behinderte Kollege von Ogi. Behinderter Kollege im Wortsinn jetzt – nicht im Bochum-Hamme-Sinn. Nakagawa ist fast taub und minderbegabt. Ich kann mich mit ihm nur schriftlich auf Japanisch verständigen. Wir haben uns von Anfang an super verstanden. Nakagawa unterhält sich sehr gerne, inzwischen haben wir gut 50 kleine Zettel vollgeschrieben. Er kann sprechen, sehr laut, allerdings undeutlich, das macht es für mich nicht gerade leichter. Aber wir finden immer irgendein Thema. Meistens stellt Nakagawa Fragen über Deutschland, die ich auch mit meinem rudimentären Japanisch souverän beantworten kann. Ob Ost- und Westdeutsche die gleiche Sprache sprechen, zum Beispiel. Natürlich nicht! Mit Nakagawa zusammen habe ich bis heute das ganze Feld entdrahtet und entschnurt. Er ist einer der nettesten Menschen, die mir je untergekommen sind. Ich war gerührt, als er mir aufgeschrieben hat, dass ich bisher der WWOOFer sei, mit dem er am besten reden könne.
Die japanische Gesellschaft ist Behinderten gegenüber offenbar sehr verschlossen. Es ist jedenfalls eine große Ausnahme, wenn jemand wie Ogihara einen Behinderten einstellt, obwohl er auch andere Arbeiter haben könnte, mit denen die Absprachen einfacher wären. Während Ogi mich also mit seinem Rassismus gegenüber Chinesen noch vor den Kopf gestoßen hat, ist er auf diesem Gebiet ein Vorbild an Toleranz und Nächstenliebe.
Ab morgen werden wir ein anderes Feld beackern. Diesmal machen wir das Gegenteil: Streben aufstellen und dann Drähte spannen. Einen neuen Weinstock baut man nur sehr selten auf, etwa alle dreißig Jahre. Deshalb werden wir nach getaner Arbeit unsere Namen dort eingravieren. Die Drähte, die wir auf dem alten Feld entfernt haben, hat noch Ogiharas Vater gespannt. Ich verewige mich also im Yamanashi-Weinbaugebiet.


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