Mrz
17

Country-Show

Manchmal, am Wochenende, kommen Stadtmenschen nach Yamanashi. Ogi kennt sie aus dem Internet. Sie kommen aus Tokio, weil sie sich für den Traubenanbau interessieren, vor allem, wenn es sich um Trauben zur Weinherstellung handelt: Japanischer Wein ist Exotik pur. Samstag und Sonntag war jeweils eine Gruppe zu Besuch. Sie essen mit uns zu Mittag und freuen sich dann, wenn Ogi mit ihnen aufs Feld geht, wo sie mal einem echten Bauern bei der Arbeit helfen dürfen. Ogis drei Ausländer sind Teil der Country-Show: Ein blonder Deutscher und ein Kalifornier auf den Weinfeldern in Enzan, dazu der ebenfalls blonde Aaron, der, das beweisen zahllose kleine Scherze, offenbar auch noch ein guter Freund von Ogi ist, das ist… verrückt! Ogis Rolle bei diesen Wochenend-Besuchen ist es – laut Aaron – den Städtern (und besonders den Städterinnen) glaubhaft den Redneck vom Lande zu geben, was ihm naturgemäß sehr leicht fällt. Beim Mittagsessen wird plötzlich eine Flasche Wein aus Nagano geköpft. Gekocht wird auf einer großen Pfanne direkt auf dem Tisch, Ogi schüttet mit lässiger Geste einen großen Schluck Nagano-Wein ins Essen. Es schmeckt furchtbar, weil es einfach nicht passt (etwa so wenig wie Sake in eine klassische Lasagne passen würde). Der Wein selber ist schaurig, Aaron erzählt mir später, dass er (wie viele japanische Weine) einfach aus Tafeltrauben zusammengepanscht ist – und alle sind verzückt. Die Stimmung ist ausgelassen. Genau für so etwas sind sie gekommen.
Als ich am Samstag von der Arbeit zurückkehre, erklärt Ogi den pflichtgemäß staunenden Besuchern gerade die Technik, mittels Siegelwachs und jungen Zweigen neue Triebe sprießen zu lassen. In seinen dreckigen Klamotten, Bier trinkend, Zweige schnitzend und mit Wachs hantierend gibt er offenbar ein tolles Motiv ab – jedenfalls zücken die Landwirtschafts-Touristen geschlossen ihre Handys und Kameras, um diesen Moment eifrig raunend zu dokumentieren. Da mich das blendend amüsiert hat, habe ich sie ihrerseits dokumentiert.

Mittags geben Ogi und Aaron an beiden Wochenendtagen ein gut durchchoreographiertes Schauspiel zum Besten. Dabei lenkt Ogi die Aufmerksamkeit der Städter mehr, eher jedoch weniger unauffällig auf Aaron (den die meisten Besucher bereits flüchtig kennen) und betont, dass dieser ja über Wein in Yamanashi forsche und zufällig ein paar Aufkleber mitgebracht habe, auf denen der Yamanshi-Traube gehuldigt würde. Aaron ziert sich noch ein wenig, dann stellt er sein Forschungsprojekt und vor allem seine Aufkleber vor. Sollte jemand die Aufkleber kaufen wollen – sie kosten nur 300 Yen! – würde das den Weinanbau in der Gegend und ihn als armen Doktoranden unterstützen. Was soll man sagen? Die Masche zieht blendend. Gehorsam zeigen sich alle Besucher hochgradig interessiert, geben die entsprechenden Laute (Eeeeeeeee? Omoshiroi!!) von sich, und kaufen jeder mindestens einen Sticker, manche gar gleich fünf.

Alles an dieser Szene ist gestellt: Ogi und Aaron sprechen den Zeitpunkt der Werbeveranstaltung aufreizend offensichtlich ab, er ist fest eingeplanter Bestandteil des Mittagessens. Aaron hat die Dinger schließlich extra dafür mitgebracht, und das Interesse der Weinjünger an den Stickern ist derart groß, dass es nur noch als überzogen bezeichnet werden kann. Gehört alles zur Country-Show, die eben irgendwie auch eine Japan-Show ist.
Noch vor dem Abendessen brechen die Reisegruppen wieder auf in ihre Weltstadt. Einige von ihnen planen tatsächlich, irgendwann ein Feld in Yamanshi zu pachten, um dort ihre eigenen Trauben zu züchten. Bis dahin kommen sie einigermaßen regelmäßig vorbei und machen bei Ogi den Hilfsarbeiter. Hat er nix gegen.

2 Comments

Schreibe ein Kommentar

Kommentare RSS Feed   TrackBack URL

Hinterlasse ein Kommentar


Oben