Mrz
26

Das Rob-Komplott

Der vorletzte Tag in Enzan stand ganz im Zeichen dessen, was fortan als das „Rob-Komplott“ in meine Japan-Annalen eingehen soll. Rob, 37, war einige Tage mein Kollege. Er ist ein amerikanischer Weltenbummler, der sich mit Unterbrechungen seit neun Jahren als Englischlehrer in Japan durchschlägt. 30 Minuten lang fand ich ihn nett. Dann fing er an, mir exponentiell auf die Nerven zu gehen, jede Minute mehr. Rob redet ununterbrochen von sich selber, erzählt Geschichte über Geschichte, manchmal interessant, meistens langweilig, immer auf Englisch. Japanisch kann er nämlich so gut wie gar nicht, obwohl er mit einer Japanerin verheiratet ist. Ein Satz zu Rob mündete zwangsläufig in dutzenden Episoden aus seinem Leben, auch bei der Arbeit, und wenn er mal nicht redete, machte er Fotos von allem und jedem, die er sofort bei Facebook postete, um auch die nicht direkt anwesenden Menschen über sich auf dem Laufenden zu halten. Auf die Dauer einfach unerträglich. Mit Aaron fing ich schnell an, mir das Maul über Rob zu zerreißen. Was Mari und Ogi von Rob hielten, blieb erst einmal unklar. Dann kam es allerdings zu einem arbeitstechnischen Zwischenfall: Wir haben falsche Weinsorten gepflanzt, was ehrlich gesagt nicht nur Robs Schuld war. Von da an überschlugen sich die Ereignisse, zuerst weitgehend ohne mein Wissen. Ogi war stinksauer, ließ Steven am nächsten Morgen mehr oder weniger grußlos abreisen und teilte mich und Rob in düsterer Stimmung zu einer zermürbenden Strafarbeit ein: Steine sammeln. Schon früh um sechs war Ogi aufs Feld gefahren, um unseren Fehler zu korrigieren. Zu allem Überfluss hatte Rob auch noch eine Heckenschere verloren. Einen ganzen Tag habe ich Ogi nicht mehr gesehen, dafür aber Aaron und eben Rob, dessen Penetranz sich zuverlässig ins Unermessliche steigerte. Am Abend gingen Aaron, Mari und Ogi zu einer Party, auf der sie offenbar ordentlich einen wegsoffen und das Rob-Komplott schmiedeten. Gleichzeitig durfte ich zu Hause mehr über Rob, seine Youtube-Videos (er rappt), seinen Podcast, seine Frau, seine Plattensammlung mit Schwerpunkt auf südamerikanischer Musik der 60er und 70er Jahre (!), sein Haus in Tokio, seine Arbeit, seinen Alkoholkonsum, seine Bier brauenden Freunde und die geläufigsten Fehler beim Aussprechen spanischer Namen erfahren, um hier nur ein paar Auszüge zu nennen.

Am nächsten Morgen weckte mich Rob um 7.30 Uhr. Ogis Pläne hätten sich geändert, erzählte er mir verwirrt. Aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Ereignissen müsste Rob sofort nach Tokio zurückkehren, ich dagegen solle zu Aaron in die Nachbarstadt fahren und dort bleiben, bis mein Bus nach Osaka abfährt. Von einer plötzlich dazwischengekommenen buddhistischen Beerdigungszeremonie war die Rede, von zwei neuen WWOOFern, die angeblich bald kommen würden, und irgendwas stimme nicht mit Mari-san. Das Ganze kam mir sofort komisch vor. In der Küche traf ich auf einen verkaterten Ogi und – als wäre alles nicht schon seltsam genug – eine mir komplett unbekannte Frau, die offenbar im Haus übernachtet hatte und nun am Küchentisch saß. Mein Verdacht bestätigte sich schnell: Ogi bedeutete mir, den Finger auf die Lippen legend, dass ich nicht zu packen bräuchte. Zusammen mit Aaron hatte er sich eine völlig überzogene Story zusammengeschustert, um Rob so schnell wie möglich loszuwerden. Keine Beerdigung, keine neuen WWOOFer, ich könne ganz normal bleiben. Mari war indes wirklich indisponiert: Ihr war schlecht. Plötzlich selbst Teil des Rob-Komplotts, ging ich wieder nach oben, wo ich innerlich feixend so tat, als würde ich meine Sachen packen. Rob schien egozentrisch genug, die hanebüchene Planänderung für bare Münze zu nehmen, anstatt sie irgendwie mit seiner Person in Verbindung zu bringen, und wurde von Ogi so bald als möglich zum Bahnhof verbracht. In seinen letzten Minuten schaffte er es weiterhin, sich wie die Axt im Walde zu verhalten. Als er endlich weg war, stellten Ogi und ich vergnügt unser Einvernehmen über Rob her. Ogi entschuldigte sich sogar für seine Laune am Vortag – und ich war vollkommen rehabilitiert. Das habe ich wohl nicht zuletzt Aaron zu verdanken, der Ogi gegenüber das ein oder andere gute Wort für mich eingelegt hat. Statt Strafarbeit gab es für mich also normale Jobs, dazu später eine Einladung ins Onsen und zum Essen und die Gewissheit, dass ich im Sommer wieder hierher kommen kann, in dieses zerwühlte Haus, das mir schon sehr ans Herz gewachsen ist. Am Abend bekam ich eine Mail von Rob: Ich solle Aaron und seine Freundin grüssen. Sicher.

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