Mrz
02

Draht

Machen wir uns nix vor: Arbeit ist Arbeit, ob nun in Japan oder in Deutschland. Langsam kehrt der Alltag ein: Drähte, Schnüre, Feld. Dabei trage ich Gummistiefel, die so hart sind, dass ich ein paar ordentliche Abschürfungen auf den Schienbeinen habe. Die KPCh wusste schon, warum sie die Intellektuellen zur Erziehung aufs Feld geschickt hat. Ich bin jedenfalls ein zartes Pflänzchen.

Seit ein paar Tagen arbeite ich mit Herrn Nakagawa zusammen. Herr Nakagawa ist der behinderte Kollege von Ogi. Behinderter Kollege im Wortsinn jetzt – nicht im Bochum-Hamme-Sinn. Nakagawa ist fast taub und minderbegabt. Ich kann mich mit ihm nur schriftlich auf Japanisch verständigen. Wir haben uns von Anfang an super verstanden. Nakagawa unterhält sich sehr gerne, inzwischen haben wir gut 50 kleine Zettel vollgeschrieben. Er kann sprechen, sehr laut, allerdings undeutlich, das macht es für mich nicht gerade leichter. Aber wir finden immer irgendein Thema. Meistens stellt Nakagawa Fragen über Deutschland, die ich auch mit meinem rudimentären Japanisch souverän beantworten kann. Ob Ost- und Westdeutsche die gleiche Sprache sprechen, zum Beispiel. Natürlich nicht! Mit Nakagawa zusammen habe ich bis heute das ganze Feld entdrahtet und entschnurt. Er ist einer der nettesten Menschen, die mir je untergekommen sind. Ich war gerührt, als er mir aufgeschrieben hat, dass ich bisher der WWOOFer sei, mit dem er am besten reden könne.
Die japanische Gesellschaft ist Behinderten gegenüber offenbar sehr verschlossen. Es ist jedenfalls eine große Ausnahme, wenn jemand wie Ogihara einen Behinderten einstellt, obwohl er auch andere Arbeiter haben könnte, mit denen die Absprachen einfacher wären. Während Ogi mich also mit seinem Rassismus gegenüber Chinesen noch vor den Kopf gestoßen hat, ist er auf diesem Gebiet ein Vorbild an Toleranz und Nächstenliebe.
Ab morgen werden wir ein anderes Feld beackern. Diesmal machen wir das Gegenteil: Streben aufstellen und dann Drähte spannen. Einen neuen Weinstock baut man nur sehr selten auf, etwa alle dreißig Jahre. Deshalb werden wir nach getaner Arbeit unsere Namen dort eingravieren. Die Drähte, die wir auf dem alten Feld entfernt haben, hat noch Ogiharas Vater gespannt. Ich verewige mich also im Yamanashi-Weinbaugebiet.

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