Mrz
04

Geheimnisse

Ein sehr erfüllter Tag liegt hinter mir: Nakagawa und ich haben zahllose Löcher gegraben und Stangen versenkt, alles bei schönem Wetter und vor bergiger Kulisse.

Der Bohrer ist aufgrund seiner Form und seiner Funktion das schwanzverlängerndste Werkzeug, mit dem ich je hantiert habe. Auf einer entsprechenden Skala rangiert er wahrscheinlich direkt hinter Flugabwehrkanonen und Löschschläuchen in der absoluten Spitzengruppe. Dazu ist das Anlegen eines neuen Feldes die bisher einzige Gelegenheit in meinem Leben, bei der ich aktiv auf die Geometriekenntnisse zurückgreifen musste, die mir in der Schule gegen meinen Willen vermittelt wurden. Die Arbeit war zwar sehr anstrengend, dafür aber wirklich interessant.

Nakagawa auf dem Feld

Nach der Arbeit haben Ogi, seine Frau und ich noch einen Ausflug in eine nahe gelegene heiße Quelle unternommen, die mitten in den umliegenden Bergen liegt – sehr japanisch, sehr nackig, aber sehr angenehm, das ganze. Wie bei allen Freizeitaktivitäten (das heißt normalerweise: Fernsehen) wurde Bier getrunken. Mit dabei war auch Ogis Freund Kazu. Kazu habe ich unter im wahrsten Sinne des Wortes mysteriösen Umständen kennengelernt:
Auf dem Rückweg vom Feld nach Hause hielten wir an einem anderen Feld an, wo ein junger Mann in Baggy Pants und weitem Pullover mit Jamaika-Muster an einer großen, brennenden Tonne stand. Das sei sein Freund Kazu, erklärte Ogi, er komme heute mit zu uns. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass Kazu Bücher und Hefte zerriss, um die einzelnen Blätter anschließend ins Feuer zu werfen. Weil ich sonst nix zu tun hatte, bot ich meine Hilfe an. „Gerne“, meinte Kazu. Nach ein paar Heften fragte ich, was wir da eigentlich verbrennen, und warum? Das seien geheime Dokumente, meinte Kazu. Ich musste lachen, ja klar, geheime Dokumente, haha, guter Witz, hab ich verstanden. Und was ist es nun wirklich? Geheime Dokumente, war die Antwort, Bücher, die ausschließlich für die Mitglieder der imperialen Wachpolizei am Kaiserpalast und deren Vorgesetzte bestimmt seien. Da steht also ein Typ in Skater-Outfit mitten auf einem Feld und verbrennt Polizeiakten?! Wobei helfe ich da eigentlich? Ist das legal? Woher zum Teufel hat er das Zeug? Kommt gleich Quentin Tarantino um die Ecke und schreit „Cut!“? Ich beschloss sofort, dass ich eines der „geheimen Bücher“ (er sagte tatsächlich shimitu no hon, für die Japanisch-sprachigen Leser_innen!) haben müsse – und jetzt: hab ich eins! Kazu fand nach einigem Zögern, dass die Dokumente in Deutschland keinen Schaden anrichten könnten und überließ mir eine Ausgabe des Wachtruppen-Magazins. In der Tat arbeitet Kazu aushilfsweise für diese spezielle Polizeieinheit, hat er mir später am Abend erzählt. Ansonsten ist er Pfirsich-Farmer. Wir haben uns gut unterhalten, sogar auf Japanisch. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick entzieht sich mir die Brisanz der im Geheimdokument gebotenen Informationen übrigens vollkommen. Ich werde trotzdem versuchen, sie beim BND zu Bargeld zu machen.

1 Kommentar

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  • Sebastian Said:

    Ein erfüllter Tag war’s auch immer dann, wenn in Japan ein neuer Blogbeitrag aufgesetzt wurde. Ich fürchte, Du wirst damit weiter machen müssen, wenn Du wieder da bist…

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