Mrz
29

Habu

Heute habe ich mein erstes Geld verdient, seit ich in Japan bin. Nein, nicht einfach Geld – Kopfgeld! 1000 Yen. Normalerweise verdiene ich ja nichts. In Tokunoshima ist meine Situation gar noch eine Stufe prekärer: Ich werde vermietet, vermutlich gegen eine monetäre Gegenleistung. Noriko ist zwar sehr nett, hat aber mit Landwirtschaft in etwa soviel zu tun wie der durchschnittliche deutscher Kleingärtner. Ihre WWOOFer vermietet sie daher an Sakita-san, reicher Großbauer und momentan wahlkämpfender Kandidat für die Stadtverordneten-Versammlung. Jeden Tag muss ich acht Stunden lang Zuckerrohr ernten. Zuckerrohr! Urs sprach nicht umsonst von Sklavenhaltung. Bei der Arbeit benutzen meine beiden Kollegen eine Art Erntepanzer, ausgestattet mit Kettenrädern und allerlei Quetsch- und Schneidegerät. Die Maschine trägt den martialischen Namen „Harvester“. Meine Aufgabe ist es, hinter dem ratternden Ungetüm herzulaufen und das Feld von stehen- und liegengebliebenen Zuckerrohren zu befreien. Das ist nicht nur extrem eintönig, sondern vor allem auch furchtbar anstrengend. Ich laufe, so habe ich es mir ausgerechnet, pro Tag etwa sieben Kilometer, bücke mich alle drei Sekunden und hacke dabei mit einer Axt auf diesem widerborstigen Kraut rum. Wenn ich nicht aufpasse, fährt mich der Harvester beim Zurücksetzen über den Haufen. Die Arbeit hat aber auch ihre guten Seiten. Ich verstehe mich gut mit meinen beiden Kollegen, obwohl wir enorme Kommunikationsschwierigkeiten haben, weil beide nur Dialekt sprechen und die Schule wahrscheinlich zu selten von innen gesehen haben, um jemals ein Wort Englisch daraus mitnehmen zu können. Aber sie finden es gut, dass ich so laut rülpsen kann.

Außerdem ist die Insel enorm schön, ich habe auf allen Feldern Blick aufs Meer und das grüne Hinterland, es weht ein frischer Wind, und ich bin umgeben von allen möglichen exotischen Tieren. Riesenheuschrecken zum Beispiel, oder gigantische bunte Hundertfüßler, Spinnen aller Art, winzige Frösche, Vögel – und Schlangen.

Von der Habu hatte ich bereits im Vorfeld gelesen. Tokunoshima ist laut Wikipedia berühmt für diese hochgiftige Schlangenart. Wandern sei deshalb nicht zu empfehlen. Ich habe das weniger ernst genommen, da ich erstens keine Angst vor Schlangen habe und zweitens ja auch gar nicht wandere. Die Habu lebt allerdings bevorzugt an Feldrändern. Bereits am ersten Tag habe ich gemerkt, dass das nicht witzig ist. Gestandene Bauern unterbrechen ihre Arbeit, wenn es in der Nähe eine oder mehrere Habus geben soll, und erzählen sich Geschichten. Durchschnittlich bleiben einem erwachsenen Menschen dreißig Minuten, um nach dem Biss ein Gegengift zu erhalten, das sind die harten Fakten. Wer das nicht schafft, stirbt. Erwischt die Schlange jedoch die weiche Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger, hat man sogar wesentlich weniger Zeit, erzählt mir Nori-san, mein Kollege. Danach arbeiten wir weiter – zwei tote Habus stinken neben uns vor sich hin.

Heute war es dann soweit. Früh am Morgen roden wir gerade die ersten Reihen Zuckerrohr am Feldrand, als ich genau neben Noris Stiefel eine Schlange sehe, winzig klein, aber bereits aufgerichtet. Ich rufe und ziehe ihn weg. Dann bricht hektische Betriebsamkeit aus. Mit ihren Äxten fixieren Nori-san und sein Freund die Schlange hinter dem Kopf, um sie lebendig zu fangen. Auf Tokunoshima wird nämlich eine Belohnung von 3.500 Yen gezahlt, wenn man eine lebendige Habu zu einer der Sammelstellen bringt – der Bedarf an Gegengift ist eben sehr hoch. Wir stopfen das kleine Tier in einen Plastiksack und fahren in die Stadt, wo unser Fang komplett emotionslos entgegengenommen und in eine Kiste zu den zahlreichen anderen gefangenen Habus geworfen wird. Dann stellt uns der Mann von der Sammelstelle einen Scheck aus, das Geld teilen wir brüderlich. So komme ich zu meinem ersten Kopfgeld. Auf dem Rückweg zum Feld stelle ich fest, das Gefahr auf Tokunoshima offenbar generell in Schlange gemessen wird. „Noch gefährlicher als die Habu: betrunken Auto fahren!“ steht auf einem Schild in der Nähe der Schule.

2 Comments

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  • R. Said:

    Na, dann pass auf dich auf, auch wenn der Lonely Planet über die Viecher (allerdings auf den weit entfernten Nansei-Inseln – andere Art?) spöttelt:

    „Gespräche über die Nansei-Inseln landen meistens irgendwann bei den Habu-Schlangen und ihrem ‚tödlichen‘ Gift. Vielleicht liegt es ja daran, dass es Japan an ernsten Gefahren mangelt.“ http://fb1m2.tk

    Fest steht jedenfalls, dass der Lonely Planet wohl eher nicht für Feldarbeiter geschrieben wurde, und deswegen etwas laxer mit dem Thema umgehen kann. Echte empirisch-statistische Weisheiten kann dagegen die Studie „An Epidemiological Study of the Occurrence of Habu Snake Bite on the Amami Islands, Japan“ verkünden:

    „In general, the risk is higher on Tokunoshima for males and on Amamioshima it is higher for females. There was a significant positive correletion between risk and time spent in the sugar cane fields.“
    http://ije.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/16/3/451

    Mensch, was ich wieder alles gelernt habe durch dein Blog… 🙂

  • bloginjapan Said:

    Hach, Wissenschaft….! Die Korrelation zwischen Schlangenbiss und Zuckerrohrfeld verstehen meine Kollegen auch ohne Studie.

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