Mrz
13

Krähberrch

Das Wort der Woche ist tukuru – herstellen. Seit Tagen arbeiten Steven, Nakagawa und ich daran,ein neues Feld „herzustellen“. Dafür müssen unzählige Stangen auf einem terassenförmig abfallenden Terrain versenkt werden, und zwar bitte genau im Abstand von fünf Metern (Länge) und vier Metern (Breite).

Das erwähnte schwanzverlängernde Grabgerät können wir indes nicht verwenden, da der Boden extrem schwer und mit teils mannsschweren Felsbrocken gespickt ist. Drei Spaten müssen also ausreichen. Es gilt, die Stangen sehr exakt aufzustellen und auszurichten, mit jeweils drei Stützstreben aufrecht zu halten, um sie dann mithilfe zweier Wasserwaagen lotrecht zu bekommen. Anschließend werden die Stangen oben längs und quer miteinander verbunden, so dass ein stabiles Gerüst entsteht, an dem die Drähte befestigt werden, an denen sich später die Trauben entlangranken. Wenn also nicht exakt gemessen wurde, geht das alles nicht. Weil ich mit Nakagawa bereits auf einem anderen Feld Stangenerfahrung – wenn auch in stark abgeschwächter Form – gesammelt habe, hat mir Ogi ehrenvollerweise die Verantwortung für das Gelingen des neuen Weinbergs übertragen. Das hat allerdings selbstredend keine Konsequenzen praktischer Natur. Die Arbeit ist anspruchsvoll und anstrengend, zumal das Feld nach dem erwähnten massenhaften Schneefall zwei Tage lang am ehesten mit dem Wattenmeer zu vergleichen war – Riesenwürmer inklusive, übrigens. Es macht Spaß, das Gerüst langsam wachsen zu sehen und dabei zu wissen, dass die Stangen wahrscheinlich in den nächsten 30 Jahren nicht mehr bewegt werden.

„Hergestellt“ wurde dann auch in der Freizeit. Am Abend würden wir – Steven und ich – mit zum Töpfern gehen, eröffnete uns Ogi neulich überraschend. Das sei sehr interessant, Herstellen ist immer gut, da könne man was lernen über Chemie und so weiter. Steven redete sich und mir ein, dass Töpfern ein wichtiger Teil japanischer Kultur sei (und damit selbstverständlich großartig), ich dachte eher an die Grundschule und wie ich damals schon keinen Bock auf so was hatte. Außer uns waren an diesem Abend noch drei alte bis sehr alte Frauen, ein alter Mann und zwei dazugehörige sehr junge Enkel zum Töpfern erschienen. Der Vorarbeiter war ein älterer, lebensfroher und von Grund auf sympathischer Typ, der allerdings von Beginn an keinerlei Zweifel daran aufkommen ließ, dass hier ausschließlich nach seinen Anweisungen getöpfert werden würde. Ich entschied mich also gezwungenermaßen für das Modell „Tasse“, Steven wählte das Modell „Becher“, dafür gabs Schablonen, und dann los. Später stellte sich heraus, dass diese Normierung unserer Handwerkskunst monetäre Gründe hatte: Pro Kopf, Stunde und verbrauchtem Ton wurde nämlich am Ende abgerechnet. Während ich nach genauester Anleitung eine unglaublich schmucklose Tasse zusammenstümperte, die ob ihrer Deformiertheit jedem Drittklässler die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte, stellte sich heraus, dass der nette Vorarbeiter den Text von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ nicht nur beherrscht, sondern auch gerne zum Besten gibt. Ich brachte ihm daraufhin das Wort „Kleber“ bei, dass er in einer Mischung aus dem ostasiatischen Unvermögen, r und l zu unterscheiden und dem Bemühen, die typische Härte der deutschen Sprache zu imitieren, konsequent wie „Krähberrrch“ aussprach.

Bevor irgendeine Gelegenheit aufkommen konnte, das tassenartige Machwerk mit einer persönlichen Note zu versehen (z.B. eingeritzte Herzen, Diddlemäuse, eine gewagte Delle im Henkel, oder so), wurde es bereits als fertig deklariert und weggestellt. Ich konnte wenigstens noch ein Foto schießen. Macht dann 1500 Yen. Morgen stellen wir wieder Felder her, das ist besser.


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