Mrz
27

Reisebekanntschaften

Als der Nachtbus das, was von mir übrig ist, am Hauptbahnhof von Osaka ausspuckt, ist es 6.15 Uhr am Morgen. Dauerregen, Koffer, Rucksack, Gitarre, eine schlaflose Nacht und noch 11 Stunden bis zur Abfahrt der Fähre, das sind schlechte Voraussetzungen für einen guten Tag. Aber ich bin nun mal in Japan, und schwupps – sitze ich in einem Franchise-Café und gebe den Star des Tages. Besagtes Café befindet sich ungefähr dort, wo laut Rob ein ultracooles anderes Etablissement hätte sein sollen, in dem er auflegt, Freunde von ihm, vor ein paar Jahren, ein Russe, und so weiter und so fort. Ist auch egal, habs eh nicht gefunden.

Also rein in das Franchise-Café, weniger cool, aber Hauptsache warm und sitzen. Was für ein Glücksfall! Die Chefin des Ladens ist unstillbar neugierig, was ich mit meinem Gepäck und meiner Verzweiflung in ihrem Laden will. Ich holpere es ihr vor, und huch?, der blonde Mann kann Japanisch, nein, nur ein bisschen, auf der Uni in Deutschland, Deutschland? Ja, genau, Bochum. Bonn? Nein. Ich bin auf dem Weg nach Tokunoshima… Nach Tokunoshima?! … um dort auf einer Farm zu arbeiten… Landwirtschaft?! Eh ich mich versehe, habe ich einen zweiten Kaffee und ein Hotdog vor mir, als Geschenk natürlich, und der Tag sieht auf einmal gar nicht mehr so übel aus. So kann es hier gehen, und ich finde es toll.

Von nun an gerate ich in einen wahren Hilfsbereitschaftsexzess: Mein Gepäck kann ich im Laden deponieren, um einkaufen zu gehen. Der Weg zum Buchladen und zum Supermarkt wird mir genauestens erläutert, und weil es etwas weiter ist, leiht mir die Chefin sogar ihr Fahrrad. Ich weiß leider nicht mal mehr ihren Namen. Außerdem gebe ich mein Bestes, auch im Ausland ganz ich selbst zu bleiben und verliere unterwegs ihr Zahlenschloss. Natürlich besorge ich ihr ein Neues, und natürlich nimmt sie das Geld dafür nicht an. Ich verbringe Stunde um Stunde im Café, trinke umsonst und biete als Gegenleistung nur mich als Gesprächspartner, was offenbar völlig reicht. Bevor ich aufbreche, lädt sie mich auch noch zum Essen ein. Völlig erschlagen von so viel Freundlichkeit mache ich mich auf den Weg zum Hafen.

Die Fährfahrt ist scheußlich-schaukelig, eng, laut, langweilig und 24 Stunden kürzer als erwartet – ich komme also einen Tag zu früh in Tokunoshima an. Gut so: Dadurch lerne ich Urs kennen. Urs ist mein WWOOF-Vorgänger bei Noriko, meiner neuen Gastgeberin. Als ich am Morgen aufwache, packt er grade seine Sachen. Urs ist… richtig: Schweizer. Und 65. Ein überaus distinguierter älterer Herr, die Höflichkeit in Person, pensionierter (aber noch aktiver) Ingenieur, schnauzbärtig, penibel, kurz: Die letzte Person, die ich dort erwartet habe. Wir fangen an, uns zu unterhalten und hören damit die nächsten Stunden nicht mehr auf. Auch Urs lädt mich zum Essen ein (ich scheine das irgendwie anzuziehen) und weiht mich in die dunklen Geheimnisse der Arbeit bei Noriko ein. Ein externer Arbeitgeber im Lokalwahlkampf? Zuckerrohr? Unvorhersehbar ausschwenkende Erntemaschine? Ekelhafte Instant-Mahlzeiten? Gar Sklaverei? Hochinteressant…

Urs‘ Frau scheint jedenfalls ziemlich Haare auf den Zähnen zu haben. Eines Tages beim Essen habe sie ihm unterstellt, dass er geistig träge geworden sei, erzählt er. Das hat ihn herausgefordert, Japanisch zu lernen und Oboe zu spielen. Beides tut er nun leidenschaftlich gerne, ersteres führte ihn über Umwege nach Tokunoshima. Er wirkt beängstigend erleichtert, wieder von hier zu verschwinden. Ich amüsiere mich prächtig in unserem Gespräch. In seinem Schweizerdeutsch drückt sich Urs gestochen scharf aus. Richtig witzig wird es immer dann, wenn er Japanisch spricht. Schweizerjapanisch nenne ich es mal: Profunde Vokabelkenntnisse, gepaart mit einer Sprachmelodie, die schweizerischer (und damit weniger japanisch) nicht sein könnte, Silbe für Silbe einzeln betont, vorgetragen in der höchstmöglichen Höflichkeitsstufe – grandios! Leider ist Urs nun weg, und ich stecke tatsächlich bis zum Hals im Zuckerrohr und im Lokalwahlkampf. Banzai!

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