Mrz
15

Relativitätstheorie

Ich habe Walfleisch gegessen. Walspeck, um genau zu sein. Das wollte ich eigentlich nicht tun. Hatte ich mir vorgenommen, Japan hin oder her. Schließlich spende ich regelmäßig an eine Anti-Walfang-Organisation. War dann wohl nix. Mein kulinarischer Fauxpas hat einen Hintergrund: Aaron (siehe „Schwindel“) wollte mir eine ordentliche Lektion in Sachen kultureller Relativismus erteilen. Er hat mitbekommen, dass ich, ganz Europäer, das japanische Beharren auf Walfang und -verzehr ablehne. Ich kenne die ganzen Geschichten: Niemand könne den Japanern verbieten, auf Wal zu verzichten, erst Recht nicht der Westen, der ja  eh nix versteht. Dem Wal verdankt das japanische Volk Wärme, Nahrung und damit Leben in der harten Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, so lautet die kitschige Ideologie, die der Jagd hier zugrunde liegt. Japan fängt daher trotz internationaler Ächtung Wale, offiziell „zu Forschungszwecken“. Ist doch lächerlich! Jeder in Deutschland, in Europa sieht das so. Die Wale sind kurz vorm Verschwinden, und die „Ach-was-sind-wir-speziell“-Japaner wollen nicht aufhören, Walfleisch zu essen, und das auch noch vor allem aus Nationalismus, nicht etwa, weil sie es brauchen.


Ich hätte meine Klappe halten sollen. Meine Rede hat Aaron, das Integrationsgenie, offenbar herausgefordert. Spät am Abend schrieb er mir eine Mail. Ich solle auf meine Ideale scheißen und einfach essen, hieß es da. Niemand hier würde meine Bedenken ernst nehmen, im Gegenteil, wenn ich weg bin, lachen sie wahrscheinlich über mich, und die Wale würde ich damit ganz sicher nicht retten. Gut, er war betrunken. Hat er auch dazugeschrieben. Am nächsten Tag war ihm das Ganze vielleicht sogar ein bisschen peinlich: „Wenn ich getrunken habe, sollte ich keine Mails schreiben und nicht meine Freundin anrufen. Gestern habe ich beides getan“, meinte er.
Vor dem Mittagessen hat er mich aber doch noch mit zum Supermarkt genommen, um mein „Unterrichtsmaterial“ zu besorgen. Ja, zum Supermarkt. Walfleisch (oder zumindest Walspeck) gibt es nämlich hier in jedem großen Supermarkt. Auf der Packung ist – meine Europäeraugen konnten es kaum glauben – ein niedlicher grinsender Comic-Wal abgebildet, der Messer und Gabel in den Flossen hält und sich die Lippen leckt. Unfassbar! Was für eine Walart wir essen würden, war übrigens nicht ersichtlich – da muss wohl noch ein bisschen geforscht werden, bis das klar ist, haha. Ursprünglich hatten Aaron und Mari sogar noch vor, dem Fisch essenden Vegetarier Steven zu erzählen, der Walspeck sei ein „ganz spezieller japanischer Fisch“. Mari war aber dann letztendlich doch dagegen, die Gute. Wen’s interessiert: Walspeck schmeckt öde, ein wenig nach Fisch, ein wenig nach Fleisch, ist ja auch nur Fett, die Konsistenz erinnert eher an rohes Gemüse. Eher nicht so lecker.
Und was habe ich jetzt gelernt? Vor allem das: Meine Standards sind dehnbar. Ich hab den Kram gegessen, und ich finde Walfang immer noch falsch, auch den japanischen. Ich bleibe Pate von Kira, dem Schwertwal. Ich schäme mich auch nicht, naja, nicht sehr. Und ich bin – das ist das Wichtigste –  nicht in der Position, hier hinzukommen, um den Japanern zu erklären, wie dumm sie sind, den Walfang zu unterstützen. Es ist ja auch eher anders: Der Walfang wird schlicht nicht in Frage gestellt. Im Fernsehen waren kürzlich die Bilder eines Zusammenstoßes zwischen Greenpeace-Aktivisten und einem japanischen Walfänger zu sehen. Tenor der Berichterstattung: Diese unverschämten Westler greifen böswillig ein braves Schiff an. Die verstehen einfach nix von japanischer Kultur. Eine Gegenmeinung ist in den Mainstream-Medien hier nicht zu finden, nirgendwo. Keine Diskussion. Und das soll Hanno Jentzsch aus Bochum ändern? Quatsch. Und der Wal auf dem Tisch ist tot, ob ich ihn mitesse oder nicht. Danke Aaron, sehr anschaulich.

Als Fußnote noch dies: Ein ausnahmsloses, gut sanktioniertes Fang-Verbot würde ganz sicher jenseits aller kultureller Relativismen auch in Japan beeindrucken. Auf manche Sachen reagieren eben doch alle Menschen ähnlich, empfindliche Strafen zum Beispiel.

5 Comments

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  • Tobias Said:

    Wie habt Ihr den Speck zubereitet? Was kostet denn der abgepackte Walspeck im Supermarkt? Gibt es ein Photo davon? Wäre das nicht ein geeigneter Beitrag zu den Autophagen? So viele offene Fragen.

  • R. Said:

    Tja, Hanno – jetzt wo du Walfleisch isst, musst du wohl Peta-Mitglied werden. Die meiner Meinung nach kontraproduktivste aller Tierrechtsorganisationen kämpft ja schließlich nicht nur gegen den „Holocaust auf deinem Teller“, sondern fordert auch: „Esst die Wale“. Von einem Wal werden schließlich viele satt, während für die gleiche Menge Essen z.B. mehr als eine Viertelmillion Sardinen sterben müssten. Der Link zur inzwischen durch einen „Meinen wir das wirklich ernst?“-Abschnitt abgemilderten Provo-Kampagne: http://www.peta.de/web/esstdiewale.2080.html

    Ähnlichen Quatsch verbreitet übrigens auch der Dalai Lama, der in Interviews dazu aufgefordert hat: Wer nicht auf Fleisch verzichten kann, soll doch wenigstens möglichst große Tiere essen.

    Unabhängig von so einem Unsinn stimmt es natürlich, dass die Wale wenigstens eine durchaus ernstzunehmende Lobby haben, die wenigstens kleine Erfolge erzielen konnten. Mitglieder anderer Tierararten bekommen da wesentlich weniger menschliches Mitgefühl, selbst wenn sie ähnlich bedroht sind.

    Tschau du Langnase – bin gespannt auf deine nächsten Beiträge!

  • bloginjapan Said:

    Hey,

    nix zubereitet. Den gabs roh aus der Packung, mit Sojasauce. Ist spottbillig, das Zeug, ein Euro Fuffzig oder so. Fotos gibt es leider nicht, bevor ich den grinsenden Wal mit dem Besteck dokumentieren konnte, war die Packung weg. Schade, ist echt bizarr!

  • Gebäudereinigung Hamburg Said:

    Super Blog. Weiter so!

  • Till Beckmann Druckstellen | Beckmann Spielkinder Said:

    […] Mesic (Gelsenkirchen/Münster), Hannes Oberlindober (Bochum), Philipp  Winkler (Hildesheim), Hanno Jentzsch (Bochum), Hendrik Denkhaus (Essen), Andrea Reichert (Moers), Robert Reimer (Leipzig), Fabian Mirko […]

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