Mrz
09

Schleim

Während vor der Tür so wie in ganz Japan das Schneechaos ausgebrochen ist, wird es Zeit, ein paar Worte über alltägliche Kleinigkeiten zu verlieren, die sonst unberücksichtigt bleiben müssten. Zum Beispiel Geräusche. Ogi liebt Geräusche, er macht sie ununterbrochen. Er furzt leidenschaftlich und drückt Gefühle wie Kälte, Müdigkeit, Hunger oder Sättigung am liebsten nonverbal aus. Wenn er im Begriff ist, ordentlich einen abzuseilen, kündigt er das Minuten vorher durch kehlige Laute an, illustriert seinen Zustand durch Griffe an den unteren Rücken oder den Bauch, sagt irgendwann endlich „Wartet mal eben“ (Worauf?!), sucht sich demonstrativ eine Zeitung und geht. Ist alles erledigt, macht er noch eine Weile andere Geräusche, die seine Zufriedenheit ausdrücken sollen. Wenn wir grade bei Toiletten sind: Ja, wir haben hier beheizte Klobrillen, und ja: Das ist super!
Wie bereits kurz erwähnt, ist auch jede Mahlzeit ein Festival an Geräuschen. Es wird geschlürft in einer Vehemenz, die kaum zu beschreiben ist. Wer nicht mitschlürft, fällt auf, wahrscheinlich unangenehm. Auch Mari, die sonst sehr still ist, gibt beim Essen Laute von sich, die in anständigen deutschen Restaurants zum Rausschmiss führen würden.
Neulich habe ich übrigens Bekanntschaft mit einem Gericht gemacht, das schon im Erstsemester-Japanischkurs von Legenden umrankt war: Natto. Das sei ein für nichtjapanische Gaumen ungenießbares Zeug, hieß es. Vergorene Sojabohnen, vielleicht angereichert mit Seetang, die in ihrem Zustand der Verwesung stinken und Fäden ziehen. Ekelhaft sei das, aber die Japaner seien eben anders, hier sei das eine Spezialität. Wer im Unterricht mit schlechtem Japanisch einen billigen Lacher kassieren wollte, musste nur sagen: „Natto-wo tabetai! Ich möchte Natto gegessen!“. Haha, verrückt.
Ich habe es also nun gegessen. Ich weiß Bescheid, und ich muss leider sagen: Es ist wirklich widerlich. Ekelhaft. Abstoßend. In der Tat eigentlich völlig ungenießbar, nur mit Mühe habe ich meinen mit Natto vermischten, nein, kontaminierten Reis runterbekommen. Es zieht wirklich Fäden, es stinkt, es schäumt in kleinen, zähen Blasen, und vor allem schleimt es. Es ist eigentlich so, als würde man ein paar Sojabohnen schlucken, sie einige Stunden später mit möglichst viel Magenschleim anverdaut wieder hervorwürgen und das Ganze als Mahlzeit präsentieren. Der Schleim hängt einem in der Kehle, an den Stäbchen, bedeckt den ganzen Mundraum, als wären Schnecken dort rumgekrochen, man kann es kaum schlucken, überall finden sich die klebrigen Fäden, es schmeckt darüber hinaus eigentlich nach nix, kurz: Es gibt absolut keinen Grund, sich diesen ekelhaften Kram reinzuziehen. Nur den einen: Ich wollte meinen Gastgebern den Triumph nicht gönnen. Und außerdem hat Steven die Bohnen-Kotze begeistert gegessen. Steven ist mein neuer Kollege, ein WWOOFer aus Kalifornien. Daneben ist Steven vor allem Japan-Fan. Er hat die obligatorische japanische Freundin, hat bereits ein halbes Jahr in Yamanshi als Student verbracht und beginnt nun, nach seinem B.A. in Wirtschaft, ein neues Leben in Japan als WWOOFer. Sein Hobby ist Japanisch lernen, in Kürze macht er sich auf die Suche nach einem Job im gelobten Land. Wir kommen eigentlich gut zurecht. Neben ihm fühle ich mich auf dem Feld fast wie ein alter Hase. Außerdem verdanke ich es ihm, dass nun vielmehr Japanisch gesprochen wird, denn Steven spricht und liest sehr gut, davon kann auch ich profitieren. Und NATÜRLICH mag er Natto, den er mag ja alles an Japan. In den USA habe er keine Freunde, erzählt er, in Japan hat er nicht nur die, sondern sogar eine Freundin. Es ist wirklich gut, dass er da ist.

4 Comments

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  • jens Said:

    Nie mehr „Natto“ vom Brutto. Habe mir gerade Fotaos angesehen und es sieht wirklich außerirdisch aus.Sehr tapfer Deinerseits !!! Bin dabei über einen Erfahrungsgefährten gestossen.Vielleicht tröstet es oder regt an : http://goinglocoinyokohama.wordpress.com/2009/01/07/some-more-things-i-just-love-about-japan/
    Lieben Gruß – Jens

  • Tobias Said:

    Ich würde Hanno niemals widersprechen, aber ich fand Nattobohnen mal sehr schmackhaft. Schleimig ja, ungewöhnlich ja, dennoch eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.

  • bloginjapan Said:

    Ja, Steven fand es auch super, und meine Gastgeber sowieso. Geschmackssache. Aber auch wenn man die drastischen Beschreibungen unter „gewollte Uebertreibung“ subsummiert, bleibt das Zeug fuer mich ekelhaft.

  • Robert Said:

    Hey Hanno, du scheinst ja gut angekommen zu sein. Dein Blog ist super, die Schreibe wirklich gut! Macht viel Spaß das zu lesen, also bitte weiter machen!
    Bis bald mal,
    Robert

    P.S.: Das Button für Kommentare hängt irgendwie so in die älteren Artikel mit rein, dass man nicht weis, zu welchem Artikel es nun gehört…

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