Mrz
07

Schwindel

Die Höhepunkte im Hause Ogihara sind die Tage, an denen Besuch kommt. Und Besuch gab es reichlich: Die nachmittägliche Feldarbeit erledigten wir am Samstag zusammen mit Matsu, seiner Partnerin, dem in Japan lebenden Amerikaner Aaron und seiner japanischen Freundin.

Matsu ist – so heißt es – einer der führenden Agrikultur-Forscher Japans. Aaron dagegen arbeitet momentan noch an seiner Doktorarbeit über Weinanbau in Yamanashi.
Vor diesem Projekt hat Aaron in 27 verschiedenen Ländern gelebt. Unser Gespräch beginnt am Nachmittag mit einem Hammer: Er fragt, wo ich herkomme, ich sage es ihm, er stutzt kurz und fängt dann an, das Wattenscheid 09-Lied zu singen. Als Wattenscheid noch erstklassig war, hat er nämlich in der Jugendmannschaft gespielt. Ich bin naturgemäß komplett baff. Da hockt man irgendwo in Japan, trifft einen Amerikaner, der sich im Übrigen ansonsten nur in nahezu perfekten Japanisch unterhält, und dann so was! Aaron spricht auch fließend Deutsch. Wattenscheid ist nur eine seiner zahllosen Stationen im Leben, studiert hat er in Kassel, seinen Doktor macht er als Student der Universität von Hawaii, er hat Straßen besetzt im Berlin der Wendejahre, in Rumänien Entwicklungshilfe geleistet, in Tschechien gelebt und ist irgendwann in Japan hängen geblieben – inzwischen ein überzeugter kultureller Relativist, dem unterwegs seine Ideale abhandengekommen sind, sagt er. Ogi hat er kennengelernt, weil er als WWOOFer zu ihm kam und sich dann mit ihm angefreundet. So kanns gehen! Mir wird jedenfalls schwindelig von diesem Lebenslauf, ihm wird schwindelig, weil er unter all dem Japanisch sein Deutsch hervorkramen muss, allen wird schwindelig vom Wein aus Yamanashi und der Hopfenbrause (= Bier im weitesten Sinne). Wir führen bis in die Nacht ein desillusionierendes Gespräch über die Hürden, die einen daran hindern, in die japanische Gesellschaft vorzudringen. Gelegentlich zwingt Aaron mich dazu, Japanisch zu reden, was noch weiter zur Desillusionierung beiträgt. Ich erfahre außerdem, dass man schon vor meiner Ankunft über mich geredet hat. Es komme ein deutscher WWOOFer, hat Ogi Aaron erzählt. Man sollte sich doch aus Spaß einen Hitlerbart stehen lassen und mich mit einem freundlichen „Sieg-Heil“ begrüßen. Sie haben es dann doch nicht gemacht.

Am Freitag habe ich meine Freizeit zu einem Spaziergang genutzt und dabei besagte Hürden deutlich gespürt. Eine Horde Schulkinder lief mir hinterher, weil ich so riesengroß sei, wie sie dann sagen. Sie wollen wissen, wo ich herkomme. Ihre Vermutung: Russland. Später treffe ich einen unglaublich unfreundlichen alten Mann, der gerade dabei ist, einen japanischen Affen Gassi zu führen. Man kann – wie Aaron – noch so gut Japanisch können, Freunde und Partnerin hier haben, leben, arbeiten, essen; wenn man an Orte geht, an denen einen keiner kennt, fängt man wieder von vorn an. Ich sowieso.

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