Apr
28

Dienstreise

Oguni liegt im Schatten des größten noch aktiven Vulkans der Welt. Der Mount Aso ist nicht sehr hoch, aber gigantisch: Die ganze Stadt Aso und eine Menge Felder finden in der tellerflachen Ebene Platz, die der Kraterboden des Vulkans heute ist. Rund um diese Ebene ragt rauh der Kraterrand als Bergkette in die Höhe, mit qualmenden Spitzen und grün-brauner Ödnis. Vielleicht liegt es am Riesenvulkan, dass das Wetter in Oguni immer schlechter ist als im Rest von Kyûshû.

Neulich haben wir die Wettergrenze Aso-san überquert, um eine Dienstreise in die nächstgelegene Großstadt zu machen, ins sonnige Kumamoto.

Tao-Communications ist nicht nur in Oguni aktiv. Takeshi hält Gastvorträge über makrobiotische Küche im ganzen Land. Diesmal mit dabei: Hiroko-sensei, die freundliche, aber freudlose gute Seele der Firma, und ich, in meiner Funktion als exotisches Ausstellungsstück und Handlanger. Im Gemeinschaftsraum des Bürotrakts eines Supermarktes treffen wir auf die Lerngruppe: Eine Yoga-Lehrerin samt sechs Schülerinnen zwischen 25 und 65, grob geschätzt. Bevor Takeshi seinen denkwürdigen Vortrag hält, haben alle inklusive mir kurioserweise eine Stunde koreanisches Yoga zu absolvieren, dessen Besonderheit darin besteht, dass man sich die meiste Zeit aus Gesundheitsgründen selber verprügelt.

Dann ist Takeshi dran. Warum bloß, so die Leitfrage, halten viele Japaner und Japanerinnen makrobiotische Küche für uncool, dagegen aber Fastfood für hip? Mit Power-Point und argumentativen Geniestreichen folgt die Gegenrede. Makrobiotisches Essen ist nämlich doch cool! Der ultimative Beweis: Beeindruckende Menschen wie Madonna und Tom Cruise essen makrobiotisch, oh ja. Und John Lennon auch, früher. Die Leib-Köchin von Madonna ist sogar Japanerin und hat darüber hinaus mit Takeshi zusammen studiert. Ergo: Makrobiotische Küche muss super sein. Dann folgt Hiroko-senseis Auftritt. Sie leitet die Kochkurse bei Tao-Communications – Takeshi selbst kann nämlich gar nicht kochen und ist zudem viel zu sehr japanischer Mann, um sich jemals dazu herabzulassen. Das erledigt schließlich seine Mutter. Auch eine Art Leib-Köchin, irgendwie. Hiroko-sensei serviert allen Anwesenden Nigiri aus braunem Reis, der, wie die Powerpointfolie im Hintergrund erklärt, viel gesünder ist als der übliche weiße Reis. Dazu gibt es Topinambur, die ultimative Tao-Gesundheits-Allzweckwaffe. Schmeckt leider furchtbar. Anderswo füttert man damit Schweine, wurde mir mal erzählt. Nach dem gesunden Snack sind alle gerne bereit, Reiscracker zu kaufen, die, das wird selbstverständlich erwähnt, von keinem geringeren als von mir hergestellt wurden. Allgemeines Raunen.

Hiroko-sensei macht sich anschließend auf dem Weg zurück ins Regendorf, während ich mit Takeshi zur nächsten Vortragsstation aufbreche. Takeshi nimmt am Abend an einer Tagung zum Thema psychologische Krebsbekämpfung teil. Diesmal bin ich allerdings nicht mit eingeplant – es gibt ja auch nix zu verkaufen. Stattdessen genieße ich Kumamoto in der Abenddämmerung. Die Stadt ist richtig groß und wirkt sofort angenehm und lebhaft. Während ich mir in der frühlingswarmen Metropole eine Nudelsuppen-Spelunke suche, merke ich, dass ich die Großstadt vermisst habe – zum Glück kann ich im Mai eine Weile in Osaka leben.

Auf dem Rückweg erzählt mir Takeshi dann noch von seinem anderen berühmten Freund: Hironobu Sakauchi. Er ist in Oguni geboren, hat Final Fantasy erfunden und ist bis heute Präsident der Produktionsfirma Square. Ich bin ehrlich beeindruckt, obwohl ich das Spiel noch nie gespielt habe. Für echte Gamer ist er der Gott des Computerspiels, heißt es im japanischen Wikipedia-Eintrag. Er sei aber nicht sehr gesund, fügt Takeshi hinzu, der ihn einmal im Monat besucht. Isst wohl keinen braunen Reis, der Gute.


Apr
20

Bänder

Die meisten Tiernamen halten nicht, was sie versprechen. Die gemeine Stubenfliege hat zum Beispiel gar nicht die kognitiven Fähigkeiten, um wirklich hinterhältig zu sein, und Weiße Haie sind bestenfalls zur Hälfte weiß. Fliegende Fische dagegen sind keine Mogelpackung. Als meine Fähre den Hafen von Tokunoshima verlässt, tauchen sie plötzlich am Bug auf. Drei, vier, manchmal zehn Fische flitzen aus dem Wasser vor dem Schiff und fliegen mit ihren langen Flossen hundert Meter weit über die Wellen, bevor sie wieder untertauchen.

Ich erlebe das Schauspiel auf Deck, einen großen Ballen bunte Papierbänder in den Händen haltend, übrig gebliebene Requisiten einer Abschiedszeremonie, zu deren Hauptperson ich nichtsahnend bei meiner Abreise gemacht wurde. Regie führten Saori und Kyoko, denen ich in der Zeit auf der Insel Englisch-Unterricht gegeben habe. Bevor ich die Fähre betrat, drückte mir Kyoko ein paar Rollen Papierschlangen in die Hand, offenbar ging sie davon aus, dass ich wüsste, was zu tun sei. Vom obersten Deck aus warf ich eine der Rollen uninspiriert im Ganzen nach unten – falsch! Stattdessen, so wurde mir nun erklärt, müsse ich die Enden der Papierschlangen beim Werfen in den Händen behalten, damit sich zwischen mir und den Zurückbleibenden nach und nach viele Bänder spannen, die im Wind flattern. Also gut. Das Ganze wurde mir etwas unangenehm. Es reicht mir für gewöhnlich schon, durch mein Aussehen aufzufallen wie ein bunter Hund, da brauchen es nicht auch noch bunte Bänder zu sein. Aber einmal gespannt, sahen die Papierschlangen tatsächlich schön aus. Dummerweise dauerte es nun noch etwa 15 Minuten, bis sich die Fähre in Bewegung setzte. In dieser Zeit blieb mir nichts anderes übrig, als mit den flatternden Dingern in der Hand auf Deck zu stehen und mir den Unmut der Hafenarbeiter vorzustellen, die den ganzen Kram danach würden aufräumen müssen. Dann und wann riss ein Band und wehte anderen Passagieren im Gesicht herum. Viele Meter unter mir amüsierten sich Kyoko und Saori prächtig.

Als die Fähre ablegte, kam die reizende Symbolkraft der ganzen Zeremonie zur Geltung: Nach und nach rissen die Bänder zwischen mir und meinen Schülerinnen am Ufer, bis am Ende alle Papierschlangen an der Bordwand herumflatterten. Das ist schön. Nun doch gerührt, holte ich die Fetzen ein und entsorgte das Bündel schließlich artig, allerdings nicht ohne ein paar Zentimeter als Andenken zu behalten.

Vierundzwanzig Stunden später komme ich endlich in Oguni an. Hier, im Hinterland von Kyûshû, sieht es ganz anders aus als erwartet. Eigentlich genau wie im Harz, oder im Sauerland, nur dass es keine Bratwurst gibt. Ein gottverlassener Ort, an dem es anscheinend immer regnet. Mein Gastgeber heißt Takeshi und hat eine Tao-Schule, in der Kalligraphie, makrobiotisches Kochen und dergleichen unterrichtet werden, und zwei Söhne. Die beiden sind Saori und Kyoko in puncto Englisch weit überlegen: Sie können sich selber vorstellen und ein paar Sätze sagen, dabei sind sie erst neun und zwölf Jahre alt, und nicht 25 und 27. Im verregneten Oguni ist an Feldarbeit nicht zu denken. Stattdessen stelle ich Reiscracker her. Aus ungekochtem Reis und Salz entstehen in einer Presse diese runden, geschmacksneutralen Dinger, die man aus dem Reformhaus kennt. Der Materialwert pro Stück kann nicht mehr als ein Yen betragen, die Herstellung dauert exakt sieben Sekunden (nicht mehr, sonst wird aus Puffreis in der Presse Explosionsreis). Unter dem Label „Tao-Communications“ gehen sieben Reiscracker für 350 Yen über den Ladentisch. „Weg der Wertschöpfung“ nennt man das wohl.


Apr
13

Methusalixe

Wer eine Rede hält, sollte möglichst etwas zu sagen haben, sonst wird es fad. Davor hat man auf japanischen Festivitäten anscheinend eher keine Angst. „Japaner mögen Reden sehr gerne“, sagt Noriko. „Stimmt“, sage ich.

In ihrem steten Bemühen, mir die örtliche Kultur zu vermitteln, nahm Noriko mich zu einem traditionellen Fest mit: das Taue-Maturi. Bei diesem Fest versammeln sich die Einwohner einer kleinen Gemeinde auf Tokunoshima, um gemeinsam ein eigens präpariertes Reisfeld zu bepflanzen – eine Art Ernte-Dank-Ritual.

Dabei wird ein spezielles Lied gesungen, dessen Text und Melodie inzwischen nur noch von einer Handvoll greiser Männer und Frauen beherrscht wird. Die Methusalixe bilden einmal im Jahr eine Art Buena-Vista-Social-Club japanischer Art: die mit Abstand älteste Band, die ich je gesehen und gehört habe. Mit brüchigen Stimmen singen sie das von alters her überlieferte Lied immer wieder von vorne, begleitet von Trommeln, während die restliche Festgesellschaft im lauwarmen Schlamm herumwatet und Reis pflanzt. Auch ich durfte teilnehmen, was nicht nur für mich ein besonderes Erlebnis war, sondern auch aus Sicht der Dorfbewohner recht absurd gewirkt haben muss. Etwa zur Hälfte gab es eine Pause, in der sich die Band samt improvisierter PA auf die andere Seite des Feldes schleppte, um dort weiter für uns zu singen. Das dauert. Traditionell diene das Lied dazu, die Menschen beim Pflanzen zu motivieren, erklärt mir meine Feldnachbarin in der Pause. Der Zustand der Band ist diesem Zweck allerdings eher weniger zuträglich, da eigentlich fortwährend zu befürchten ist, dass einzelne Mitglieder während ihrer Performance das Zeitliche segnen. Es geht dann aber doch alles gut.

Feste wie dieses gab es früher in ganz Japan. Inzwischen sind sie selten geworden, das Taue-Maturi ist vielleicht sogar das letzte seiner Art. Von rund 130 Gemeindemitgliedern konnten etwa 70 nicht erscheinen, weil sie zu alt oder zu krank sind – also noch älter und kränker als die, die da waren. Japan hat, das ist bekannt, ein demographisches Problem, das besonders auf dem Land offenbar wird. Das Taue-Maturi ist koureikashakai („alternde Gesellschaft“) live.

Nach dem Pflanzen gab es Essen und Trinken für alle. Super, dachte ich. Hauptzweck der Mahlzeit schien es allerdings zu sein, alle Anwesenden an einem Ort zu versammeln, um sie mit endlosen Redebeiträgen in den Wahnsinn zu treiben. Der Reihe nach wurden zahl- und gelegentlich zahnlose Menschen ans Mikrofon zitiert, um irgendwas zu sagen. Viele kamen aber auch freiwillig. Ich hab nicht immer zugehört und längst nicht alles verstanden, der Grundtenor war aber in etwa: Ich bin xy, lasst uns weiter zusammen durchhalten, alles Gute, Prost, und das in etwa 35 Varianten, bevor – ich ahnte es schon lange – endlich auch ich zu einem Beitrag genötigt wurde. „Na los, stell dich vor“, meinte Noriko gnadenlos und schickte mich trotz meines flehenden Blicks ans Mikro, anstatt mir das Gestotter zu ersparen. Ich habe versucht, mich aufs „Prost“ zu beschränken – erfolglos. Furchtbar unangenehme anderthalb Minuten später war es vorbei.  Wenn nur jemand was sagt, ist alles gut. Egal was.


Apr
08

Benzin

Und schon wieder hab ich dem Tod ins Auge geblickt. Tokunoshima ist anscheinend der geeignete Ort dafür. Diesmal war allerdings keine Schlange im Spiel, nur ich und ein Kanister Benzin.

Ich arbeite seit ein paar Tagen alleine auf Norikos kleinem Feld. Das ist ein wunderschöner Ort in den Hügeln hinter der Stadt, hoch über dem Meer, mit einer kleinen Hütte, einer Liege für die Pausen und einer Menge Unkraut. Jäten ist meine Aufgabe, und es gibt viel zu tun.

Alle paar Meter treffe ich kriechend und zupfend auf einen kleinen Haufen Asche, Überreste von verbranntem Müll. Schnell musste ich feststellen, dass diese Haufen die bevorzugte Heimstatt einer krabbeligen Wohngemeinschaft sind: kleine, schwarze Grillen und winzige, sehr flinke Kakerläkchen nisten hier Flügel an Flügel. Wenn man der Asche zu nahe kommt, fühlen sie sich gestört und flüchten.Weil es die Viecher gerne dunkel haben, laufen sie dabei nur zu oft schnurstracks in die Falten meiner Hose, in meine Schuhe oder unter meine Knie. Das ist eher unerfreulich.

Nach einem halben Tag voll Einsamkeit und Unkraut traf ich auf den nächsten Aschehaufen und beschloss kurzerhand, mir einen kleinen Spaß zu gönnen. Bevor ich wieder von den Krabbeltieren überfallen werde, vertreibe ich sie lieber, dachte ich mir. Und weil mir langweilig war, wollte ich das auf amüsante Art und Weise tun. Also ab in die Hütte, das Benzin holen. Spätestens ab hier habe ich etwas vernachlässigt, was mir meine Freundin schon länger erfolglos einzutrichtern versucht: Erst nachdenken, dann agieren. Die N-A-Kette nennt sie das.

Ich schraube also den Tankstutzen auf den Kanister und gieße etwas Benzin auf den Haufen. Alles wäre in Ordnung gewesen, hätte ich den Kanister vor dem Anzünden beiseite gestellt. Hab ich aber nicht, ich konnte es wohl kaum erwarten. Das Feuer greift vom Haufen aus sofort um sich, und plötzlich brennt der Kanister selber. Erschreckt mache ich eine schnelle Bewegung, verschütte dabei noch mehr Benzin, und innerhalb von Sekunden stehe ich inmitten eines großen Feuerrings, den brennenden Kanister noch in der Hand. Rechts von mir brennt der Haufen, vor und hinter mir die Erde, links der Brokkoli. Panisch stelle ich den Kanister ab und renne ein paar Meter zur Seite. Explodiert das Ding jetzt, mit zehn Litern Benzin drin? Das Feld ist mein Lieblingsort, höre ich Noriko noch sagen. „Like heaven“. Jetzt sieht es eher nach Hölle aus. Als nach ein paar Sekunden noch nix passiert ist, hüpfe ich zum Kanister und schraube den brennenden Tankstutzen ab. Zum Glück explodiert dabei nichts, anders als einem in Filmen weisgemacht wird. Wäre wohl fatal gewesen, so mit der Hand am Stutzen und dem Gesicht direkt darüber. Den Kanister bringe ich schnell aus der Gefahrenzone – und plötzlich ist der Spuk vorbei. Nur der Stutzen hat Feuer gefangen, warum auch immer. Die anderen Brandherde erlöschen langsam, bis auf den Aschehaufen, wo ich wohl sehr erfolgreich alles Leben vernichtet habe. Ich untersuche den Brokkoli (es geht ihm den Umständen entsprechend gut) und lache mich vor Adrenalin und Erleichterung zitternd minutenlang aus. Noriko erzähle ich lieber nichts von der ganzen Sache. Erst nachdenken, dann agieren. Kann doch nicht so schwer sein!


Apr
02

Beliebtheitswettbewerb

Heute wird es mal ein bisschen fachlich: Politik statt Schlangen und Intrigen. Immerhin arbeite ich ja für Sakita-san, inzwischen geschlagener Kandidat im Rennen um einen Stadtverordneten-Sitz. Dass ich hier mitten im Lokalwahlkampf angekommen bin ist für mich, so komisch das klingen mag, ein echter Glücksfall. Ich bekomme auf dem Präsentierteller serviert, was ich sonst nur in trockenen Texten lese.

Wahlkampf in Japan ist generell laut. Die Kandidaten werden tagelang in mit Lautsprechern ausgerüsteten Autos durch die Straßen gefahren und bitten die Menschen winkend um ihre Stimme. An allen Ecken stehen Leute, die mit Verbeugungen und Grußformeln für den einen oder anderen Kandidaten werben. Der Unterstützerstab, den Sakita-san für die Wahl um sich geschart hat, ist beachtlich. In einer Art Scheune hat er sein Hauptquartier eingerichtet. Es wehen Fahnen mit seinem Namen, Wahlgeschenke in Form von Sake und Bier stapeln sich kistenweise, ein Heer von Frauen kocht Eintöpfe. Das Rennen um einen Platz im Stadtrat ist aufwändig und teuer. Sakita ist ein großer, reicher Mann, der eine Menge Autorität ausstrahlt, was nicht zuletzt daran liegt, dass er eine klassische Boxervisage hat. Für seine Wahlplakate hat er sich in Anzug und Schlips geworfen und macht so einen mehr als halbseidenen Eindruck.

Insgesamt sind 20 Kandidaten angetreten, bei 16 zu vergebenen Plätzen. Sakita-san zählt nun zu den vier geschlagenen Kandidaten – mit nur fünf Stimmen Unterschied zur vor ihm platzierten einzigen Frau im Rennen. Die Niederlage ist bitter, denn die Wahl ist letztlich nichts anderes als ein Beliebtheitswettbewerb. Eigentlich wie eine Klassensprecherwahl für Erwachsene. Gewählt wird ausschließlich entlang Verwandschafts- Geschäfts- und Freundschaftsbeziehungen. Wer davon nicht genug hat, hat keine Chance. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Die grobe Orientierungshilfe, die die Parteizugehörigkeit in Deutschland auch auf Kommunalebene gibt, entfällt hier völlig. Es gibt daher im Ergebnis auch keine Ausreißer nach oben und abgeschlagene Verlierer. Die Stimmenzahl verteilt sich beinahe gleichmäßig auf die zwanzig Kandidaten, deren soziale Position letztlich an der Ergebnistafel in Sakitas Scheune in Zahlen ablesbar ist. Sakita-san: 366 Stimmen. Fünf Freunde zu wenig.

Die Nachricht von der Niederlage kommt via Handy und macht die Partystimmung zunichte, die am Wahlabend in der Scheune herrscht. Etwa 50 Unterstützer haben sich hier versammelt, um im Falle des Sieges „Banzai“ zu schreien. Es wird gesoffen bis an die Grenzen des guten Geschmacks. Ein betrunkener Wahlhelfer wechselt seine Anrede für mich im Laufe der Biere von „Hanno-san“ über „Herr Deutsch“, bis er endlich bei „Ey, Ausländer“ angekommen ist. Ich unterhalte mich lange mit einem netten und klugen Mann namens Kuroda-san. Sein Motiv, Sakita zu wählen, ist klassisch: Kurodas Sohn und Sakitas Tochter waren in der Schule Klassenkameraden, das reicht dicke. Meine Gastgeberin dagegen erzählt mir, sie hätte Sakita gewählt, weil der die lokale Landwirtschaft unterstützen würde. Ich glaube ihr kein Wort. Sie hat eine freundschaftliche Geschäftsbeziehung mit ihm, das ist der ausschlaggebende Grund. Als sozial aktive Frau wäre Noriko fast noch in Probleme geraten, erzählt sie außerdem. Der Bruder eines Freundes ihres Mannes gehörte ebenfalls zu den Kandidaten. Eine solche Überschneidung zweier konkurrierender sozialer Netzwerke kann unangenehm werden, weil man im Zweifelsfall einer Seite eine Absage erteilen muss. Zum Glück hat der andere Kandidat nicht um ihre Stimme gebeten.

Geld wird für die Stimmen übrigens nicht bezahlt – nicht mehr jedenfalls, wie Kuroda-san sagt. Darin unterscheidet sich die Wahl von lokalen Wahlen auf Taiwan, deren Ergebnisse ebenfalls hauptsächlich von der sozialen Position der Kandidaten abhängen. Auf Taiwan gehört allerdings der Transfer von symbolischen Geldbeträgen als Bestätigung für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Netzwerk immer noch zum Wahlkampf dazu, obwohl Stimmenkauf wie in Japan selbstverständlich illegal ist.

Als klar ist, dass Sakita-san verloren hat, herrscht minutenlang betretene Stille. Vereinzelt werden hilflose Versuche gemacht, das völlig eindeutige Ergebnis noch einmal nachzurechnen – allerdings eher, um möglichst plakativ die Überraschung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass Sakita wirklich nicht genug Stimmen hat. Keiner traut sich, den Geschlagenen anzuschauen oder anzusprechen. Endlich erhebt sich Sakita-san und hält eine kleine Rede, in der er sich für die Niederlage entschuldigt. Kurz darauf zerstreut sich die Wahlparty eiligst in alle vier Winde. Am nächsten Morgen taucht Sakita-san in Arbeitskleidung auf dem Feld auf und übernimmt schweigend den „Harvester“.


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