Apr
20

Bänder

Die meisten Tiernamen halten nicht, was sie versprechen. Die gemeine Stubenfliege hat zum Beispiel gar nicht die kognitiven Fähigkeiten, um wirklich hinterhältig zu sein, und Weiße Haie sind bestenfalls zur Hälfte weiß. Fliegende Fische dagegen sind keine Mogelpackung. Als meine Fähre den Hafen von Tokunoshima verlässt, tauchen sie plötzlich am Bug auf. Drei, vier, manchmal zehn Fische flitzen aus dem Wasser vor dem Schiff und fliegen mit ihren langen Flossen hundert Meter weit über die Wellen, bevor sie wieder untertauchen.

Ich erlebe das Schauspiel auf Deck, einen großen Ballen bunte Papierbänder in den Händen haltend, übrig gebliebene Requisiten einer Abschiedszeremonie, zu deren Hauptperson ich nichtsahnend bei meiner Abreise gemacht wurde. Regie führten Saori und Kyoko, denen ich in der Zeit auf der Insel Englisch-Unterricht gegeben habe. Bevor ich die Fähre betrat, drückte mir Kyoko ein paar Rollen Papierschlangen in die Hand, offenbar ging sie davon aus, dass ich wüsste, was zu tun sei. Vom obersten Deck aus warf ich eine der Rollen uninspiriert im Ganzen nach unten – falsch! Stattdessen, so wurde mir nun erklärt, müsse ich die Enden der Papierschlangen beim Werfen in den Händen behalten, damit sich zwischen mir und den Zurückbleibenden nach und nach viele Bänder spannen, die im Wind flattern. Also gut. Das Ganze wurde mir etwas unangenehm. Es reicht mir für gewöhnlich schon, durch mein Aussehen aufzufallen wie ein bunter Hund, da brauchen es nicht auch noch bunte Bänder zu sein. Aber einmal gespannt, sahen die Papierschlangen tatsächlich schön aus. Dummerweise dauerte es nun noch etwa 15 Minuten, bis sich die Fähre in Bewegung setzte. In dieser Zeit blieb mir nichts anderes übrig, als mit den flatternden Dingern in der Hand auf Deck zu stehen und mir den Unmut der Hafenarbeiter vorzustellen, die den ganzen Kram danach würden aufräumen müssen. Dann und wann riss ein Band und wehte anderen Passagieren im Gesicht herum. Viele Meter unter mir amüsierten sich Kyoko und Saori prächtig.

Als die Fähre ablegte, kam die reizende Symbolkraft der ganzen Zeremonie zur Geltung: Nach und nach rissen die Bänder zwischen mir und meinen Schülerinnen am Ufer, bis am Ende alle Papierschlangen an der Bordwand herumflatterten. Das ist schön. Nun doch gerührt, holte ich die Fetzen ein und entsorgte das Bündel schließlich artig, allerdings nicht ohne ein paar Zentimeter als Andenken zu behalten.

Vierundzwanzig Stunden später komme ich endlich in Oguni an. Hier, im Hinterland von Kyûshû, sieht es ganz anders aus als erwartet. Eigentlich genau wie im Harz, oder im Sauerland, nur dass es keine Bratwurst gibt. Ein gottverlassener Ort, an dem es anscheinend immer regnet. Mein Gastgeber heißt Takeshi und hat eine Tao-Schule, in der Kalligraphie, makrobiotisches Kochen und dergleichen unterrichtet werden, und zwei Söhne. Die beiden sind Saori und Kyoko in puncto Englisch weit überlegen: Sie können sich selber vorstellen und ein paar Sätze sagen, dabei sind sie erst neun und zwölf Jahre alt, und nicht 25 und 27. Im verregneten Oguni ist an Feldarbeit nicht zu denken. Stattdessen stelle ich Reiscracker her. Aus ungekochtem Reis und Salz entstehen in einer Presse diese runden, geschmacksneutralen Dinger, die man aus dem Reformhaus kennt. Der Materialwert pro Stück kann nicht mehr als ein Yen betragen, die Herstellung dauert exakt sieben Sekunden (nicht mehr, sonst wird aus Puffreis in der Presse Explosionsreis). Unter dem Label „Tao-Communications“ gehen sieben Reiscracker für 350 Yen über den Ladentisch. „Weg der Wertschöpfung“ nennt man das wohl.

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