Apr
02

Beliebtheitswettbewerb

Heute wird es mal ein bisschen fachlich: Politik statt Schlangen und Intrigen. Immerhin arbeite ich ja für Sakita-san, inzwischen geschlagener Kandidat im Rennen um einen Stadtverordneten-Sitz. Dass ich hier mitten im Lokalwahlkampf angekommen bin ist für mich, so komisch das klingen mag, ein echter Glücksfall. Ich bekomme auf dem Präsentierteller serviert, was ich sonst nur in trockenen Texten lese.

Wahlkampf in Japan ist generell laut. Die Kandidaten werden tagelang in mit Lautsprechern ausgerüsteten Autos durch die Straßen gefahren und bitten die Menschen winkend um ihre Stimme. An allen Ecken stehen Leute, die mit Verbeugungen und Grußformeln für den einen oder anderen Kandidaten werben. Der Unterstützerstab, den Sakita-san für die Wahl um sich geschart hat, ist beachtlich. In einer Art Scheune hat er sein Hauptquartier eingerichtet. Es wehen Fahnen mit seinem Namen, Wahlgeschenke in Form von Sake und Bier stapeln sich kistenweise, ein Heer von Frauen kocht Eintöpfe. Das Rennen um einen Platz im Stadtrat ist aufwändig und teuer. Sakita ist ein großer, reicher Mann, der eine Menge Autorität ausstrahlt, was nicht zuletzt daran liegt, dass er eine klassische Boxervisage hat. Für seine Wahlplakate hat er sich in Anzug und Schlips geworfen und macht so einen mehr als halbseidenen Eindruck.

Insgesamt sind 20 Kandidaten angetreten, bei 16 zu vergebenen Plätzen. Sakita-san zählt nun zu den vier geschlagenen Kandidaten – mit nur fünf Stimmen Unterschied zur vor ihm platzierten einzigen Frau im Rennen. Die Niederlage ist bitter, denn die Wahl ist letztlich nichts anderes als ein Beliebtheitswettbewerb. Eigentlich wie eine Klassensprecherwahl für Erwachsene. Gewählt wird ausschließlich entlang Verwandschafts- Geschäfts- und Freundschaftsbeziehungen. Wer davon nicht genug hat, hat keine Chance. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Die grobe Orientierungshilfe, die die Parteizugehörigkeit in Deutschland auch auf Kommunalebene gibt, entfällt hier völlig. Es gibt daher im Ergebnis auch keine Ausreißer nach oben und abgeschlagene Verlierer. Die Stimmenzahl verteilt sich beinahe gleichmäßig auf die zwanzig Kandidaten, deren soziale Position letztlich an der Ergebnistafel in Sakitas Scheune in Zahlen ablesbar ist. Sakita-san: 366 Stimmen. Fünf Freunde zu wenig.

Die Nachricht von der Niederlage kommt via Handy und macht die Partystimmung zunichte, die am Wahlabend in der Scheune herrscht. Etwa 50 Unterstützer haben sich hier versammelt, um im Falle des Sieges „Banzai“ zu schreien. Es wird gesoffen bis an die Grenzen des guten Geschmacks. Ein betrunkener Wahlhelfer wechselt seine Anrede für mich im Laufe der Biere von „Hanno-san“ über „Herr Deutsch“, bis er endlich bei „Ey, Ausländer“ angekommen ist. Ich unterhalte mich lange mit einem netten und klugen Mann namens Kuroda-san. Sein Motiv, Sakita zu wählen, ist klassisch: Kurodas Sohn und Sakitas Tochter waren in der Schule Klassenkameraden, das reicht dicke. Meine Gastgeberin dagegen erzählt mir, sie hätte Sakita gewählt, weil der die lokale Landwirtschaft unterstützen würde. Ich glaube ihr kein Wort. Sie hat eine freundschaftliche Geschäftsbeziehung mit ihm, das ist der ausschlaggebende Grund. Als sozial aktive Frau wäre Noriko fast noch in Probleme geraten, erzählt sie außerdem. Der Bruder eines Freundes ihres Mannes gehörte ebenfalls zu den Kandidaten. Eine solche Überschneidung zweier konkurrierender sozialer Netzwerke kann unangenehm werden, weil man im Zweifelsfall einer Seite eine Absage erteilen muss. Zum Glück hat der andere Kandidat nicht um ihre Stimme gebeten.

Geld wird für die Stimmen übrigens nicht bezahlt – nicht mehr jedenfalls, wie Kuroda-san sagt. Darin unterscheidet sich die Wahl von lokalen Wahlen auf Taiwan, deren Ergebnisse ebenfalls hauptsächlich von der sozialen Position der Kandidaten abhängen. Auf Taiwan gehört allerdings der Transfer von symbolischen Geldbeträgen als Bestätigung für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Netzwerk immer noch zum Wahlkampf dazu, obwohl Stimmenkauf wie in Japan selbstverständlich illegal ist.

Als klar ist, dass Sakita-san verloren hat, herrscht minutenlang betretene Stille. Vereinzelt werden hilflose Versuche gemacht, das völlig eindeutige Ergebnis noch einmal nachzurechnen – allerdings eher, um möglichst plakativ die Überraschung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass Sakita wirklich nicht genug Stimmen hat. Keiner traut sich, den Geschlagenen anzuschauen oder anzusprechen. Endlich erhebt sich Sakita-san und hält eine kleine Rede, in der er sich für die Niederlage entschuldigt. Kurz darauf zerstreut sich die Wahlparty eiligst in alle vier Winde. Am nächsten Morgen taucht Sakita-san in Arbeitskleidung auf dem Feld auf und übernimmt schweigend den „Harvester“.

3 Comments

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  • Daniel Said:

    hm sehr interessant mal wieder. gibts n foto wo sakita drauf zu sehen ist, interessiert mich mal wie so ne lokale nicht-größe aussieht 🙂 geiler strand und hanno sag mal du hast schon mehr pullis mit als den einen den du auf JEDEM foto trägst oder 😀

  • Kira Said:

    Hey,
    habe ein bißchen in deinem Blog gelesen. Das ist so seltsam, ich habe selbst von meinem 11. bis zum 17. Lebensjahr mit meiner Familie in Japan gelebt (in Kobe, genauer gesagt) und wenn ich das alles hier lese, kommen soooo viele tolle Erinnerungen wieder. Ich wünsche dir (unbekannterweise) noch ganz viel Spaß!!

  • bloginjapan Said:

    Danke! In Kobe werde ich im Juni arbeiten. Dann erinnerst du dich unter Umständen noch mehr.

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