Apr
08

Benzin

Und schon wieder hab ich dem Tod ins Auge geblickt. Tokunoshima ist anscheinend der geeignete Ort dafür. Diesmal war allerdings keine Schlange im Spiel, nur ich und ein Kanister Benzin.

Ich arbeite seit ein paar Tagen alleine auf Norikos kleinem Feld. Das ist ein wunderschöner Ort in den Hügeln hinter der Stadt, hoch über dem Meer, mit einer kleinen Hütte, einer Liege für die Pausen und einer Menge Unkraut. Jäten ist meine Aufgabe, und es gibt viel zu tun.

Alle paar Meter treffe ich kriechend und zupfend auf einen kleinen Haufen Asche, Überreste von verbranntem Müll. Schnell musste ich feststellen, dass diese Haufen die bevorzugte Heimstatt einer krabbeligen Wohngemeinschaft sind: kleine, schwarze Grillen und winzige, sehr flinke Kakerläkchen nisten hier Flügel an Flügel. Wenn man der Asche zu nahe kommt, fühlen sie sich gestört und flüchten.Weil es die Viecher gerne dunkel haben, laufen sie dabei nur zu oft schnurstracks in die Falten meiner Hose, in meine Schuhe oder unter meine Knie. Das ist eher unerfreulich.

Nach einem halben Tag voll Einsamkeit und Unkraut traf ich auf den nächsten Aschehaufen und beschloss kurzerhand, mir einen kleinen Spaß zu gönnen. Bevor ich wieder von den Krabbeltieren überfallen werde, vertreibe ich sie lieber, dachte ich mir. Und weil mir langweilig war, wollte ich das auf amüsante Art und Weise tun. Also ab in die Hütte, das Benzin holen. Spätestens ab hier habe ich etwas vernachlässigt, was mir meine Freundin schon länger erfolglos einzutrichtern versucht: Erst nachdenken, dann agieren. Die N-A-Kette nennt sie das.

Ich schraube also den Tankstutzen auf den Kanister und gieße etwas Benzin auf den Haufen. Alles wäre in Ordnung gewesen, hätte ich den Kanister vor dem Anzünden beiseite gestellt. Hab ich aber nicht, ich konnte es wohl kaum erwarten. Das Feuer greift vom Haufen aus sofort um sich, und plötzlich brennt der Kanister selber. Erschreckt mache ich eine schnelle Bewegung, verschütte dabei noch mehr Benzin, und innerhalb von Sekunden stehe ich inmitten eines großen Feuerrings, den brennenden Kanister noch in der Hand. Rechts von mir brennt der Haufen, vor und hinter mir die Erde, links der Brokkoli. Panisch stelle ich den Kanister ab und renne ein paar Meter zur Seite. Explodiert das Ding jetzt, mit zehn Litern Benzin drin? Das Feld ist mein Lieblingsort, höre ich Noriko noch sagen. „Like heaven“. Jetzt sieht es eher nach Hölle aus. Als nach ein paar Sekunden noch nix passiert ist, hüpfe ich zum Kanister und schraube den brennenden Tankstutzen ab. Zum Glück explodiert dabei nichts, anders als einem in Filmen weisgemacht wird. Wäre wohl fatal gewesen, so mit der Hand am Stutzen und dem Gesicht direkt darüber. Den Kanister bringe ich schnell aus der Gefahrenzone – und plötzlich ist der Spuk vorbei. Nur der Stutzen hat Feuer gefangen, warum auch immer. Die anderen Brandherde erlöschen langsam, bis auf den Aschehaufen, wo ich wohl sehr erfolgreich alles Leben vernichtet habe. Ich untersuche den Brokkoli (es geht ihm den Umständen entsprechend gut) und lache mich vor Adrenalin und Erleichterung zitternd minutenlang aus. Noriko erzähle ich lieber nichts von der ganzen Sache. Erst nachdenken, dann agieren. Kann doch nicht so schwer sein!

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