Apr
13

Methusalixe

Wer eine Rede hält, sollte möglichst etwas zu sagen haben, sonst wird es fad. Davor hat man auf japanischen Festivitäten anscheinend eher keine Angst. „Japaner mögen Reden sehr gerne“, sagt Noriko. „Stimmt“, sage ich.

In ihrem steten Bemühen, mir die örtliche Kultur zu vermitteln, nahm Noriko mich zu einem traditionellen Fest mit: das Taue-Maturi. Bei diesem Fest versammeln sich die Einwohner einer kleinen Gemeinde auf Tokunoshima, um gemeinsam ein eigens präpariertes Reisfeld zu bepflanzen – eine Art Ernte-Dank-Ritual.

Dabei wird ein spezielles Lied gesungen, dessen Text und Melodie inzwischen nur noch von einer Handvoll greiser Männer und Frauen beherrscht wird. Die Methusalixe bilden einmal im Jahr eine Art Buena-Vista-Social-Club japanischer Art: die mit Abstand älteste Band, die ich je gesehen und gehört habe. Mit brüchigen Stimmen singen sie das von alters her überlieferte Lied immer wieder von vorne, begleitet von Trommeln, während die restliche Festgesellschaft im lauwarmen Schlamm herumwatet und Reis pflanzt. Auch ich durfte teilnehmen, was nicht nur für mich ein besonderes Erlebnis war, sondern auch aus Sicht der Dorfbewohner recht absurd gewirkt haben muss. Etwa zur Hälfte gab es eine Pause, in der sich die Band samt improvisierter PA auf die andere Seite des Feldes schleppte, um dort weiter für uns zu singen. Das dauert. Traditionell diene das Lied dazu, die Menschen beim Pflanzen zu motivieren, erklärt mir meine Feldnachbarin in der Pause. Der Zustand der Band ist diesem Zweck allerdings eher weniger zuträglich, da eigentlich fortwährend zu befürchten ist, dass einzelne Mitglieder während ihrer Performance das Zeitliche segnen. Es geht dann aber doch alles gut.

Feste wie dieses gab es früher in ganz Japan. Inzwischen sind sie selten geworden, das Taue-Maturi ist vielleicht sogar das letzte seiner Art. Von rund 130 Gemeindemitgliedern konnten etwa 70 nicht erscheinen, weil sie zu alt oder zu krank sind – also noch älter und kränker als die, die da waren. Japan hat, das ist bekannt, ein demographisches Problem, das besonders auf dem Land offenbar wird. Das Taue-Maturi ist koureikashakai („alternde Gesellschaft“) live.

Nach dem Pflanzen gab es Essen und Trinken für alle. Super, dachte ich. Hauptzweck der Mahlzeit schien es allerdings zu sein, alle Anwesenden an einem Ort zu versammeln, um sie mit endlosen Redebeiträgen in den Wahnsinn zu treiben. Der Reihe nach wurden zahl- und gelegentlich zahnlose Menschen ans Mikrofon zitiert, um irgendwas zu sagen. Viele kamen aber auch freiwillig. Ich hab nicht immer zugehört und längst nicht alles verstanden, der Grundtenor war aber in etwa: Ich bin xy, lasst uns weiter zusammen durchhalten, alles Gute, Prost, und das in etwa 35 Varianten, bevor – ich ahnte es schon lange – endlich auch ich zu einem Beitrag genötigt wurde. „Na los, stell dich vor“, meinte Noriko gnadenlos und schickte mich trotz meines flehenden Blicks ans Mikro, anstatt mir das Gestotter zu ersparen. Ich habe versucht, mich aufs „Prost“ zu beschränken – erfolglos. Furchtbar unangenehme anderthalb Minuten später war es vorbei.  Wenn nur jemand was sagt, ist alles gut. Egal was.

2 Comments

Schreibe ein Kommentar
  • Andrej Said:

    Ich stelle einfach mal die Vermutung auf, dass die Motivationskraft dieser Band darin besteht, dass die Arbeitende sich eben deshalb beeilen um fertig zu werden bevor einer der Singenden am Sonnenstich oder Ähnlichem zu veränden – kurzum: hey laß uns schneller machen bevor da einer abtritt.

  • Karin Said:

    Vielleicht solltest Du Dir für solche Fälle ein T-Shirt mit einer Rede drauf drucken lassen. Auf Deutsch wär das dann auch noch voll trendy. Wenn Dich dann einer fragt kannste Dir dann Zeit lassen, weil Übersetzen dauert ja eben etwas…
    (http://www.zeit.de/reisen/2010-04/tokyo-deutsch?page=2)

Kommentare RSS Feed   TrackBack URL

Hinterlasse ein Kommentar


Oben