Mai
03

Abrechnung

Beurteilen kann man Dinge am besten mit Abstand. Seit ich aus Oguni entkommen bin, merke ich erst so richtig, wie schrecklich es dort war. Diese Erkenntnis verdanke ich natürlich vor allem der Tatsache, dass ich mich an meinem neuen Arbeitsplatz sehr wohl fühle. Ich bin seit drei Tagen Hotel-Boy in einer Jugendherberge in Yufuin, einem traumhaft gelegenen Touristenort in den Bergen von Kyûshû. Zeit für ein kurze Abrechnung.

Man kann seinem unbezahlten Hilfsarbeiter jeden verdammten Tag braunen Reismatsch, die immer gleichen eingelegten Gemüseschnipsel und muffig-kalte Miso-Suppe servieren. Man sollte dann aber nicht erwarten, auf große Dankbarkeit zu stoßen – vor allem, wenn man jenen unbezahlten Hilfsarbeiten grundsätzlich selber bezahlen lässt, wenn man mal auswärts essen geht oder in ein Onsen fährt. Man kann durchaus behaupten, makrobiotisches Essen sei deshalb super, weil Tom Cruise und Madonna es auch essen, man sollte dann aber nicht unbedingt erwarten, für seinen Scharfsinn bewundert zu werden. Man muss seinem unbezahlten Hilfsarbeiter nicht unbedingt immer erzählen, wann man wohin geht und was man dort macht. Wenn man das aber generell nie tut, sollte man nicht davon ausgehen, dass jener Hilfsarbeiter sich in irgendeiner Art ins Familien- und Arbeitsleben integriert fühlt und so etwas wie Motivation entwickelt. Wirklich perplex war ich allerdings bei meiner Abreise. Als Gastgeschenk für meinen nächsten Arbeitgeber wollte ich eine Packung Reiscracker mitnehmen, die ich selber (unbezahlt und unterernährt, ich erwähnte es bereits, oder?) produziert habe. Ich musste die geschmacklosen Dinger bezahlen, die vollen 350 Yen.

Kaum mehr als zwei Busstunden später stehe ich am belebten Bahnhof von Yufuin – eine andere Welt. In Oguni war es langweilig, trist und einsam, zwölf Tage lang hatte ich keinerlei Kontakt mit Menschen in meinem Alter. Yufuin dagegen brummt vor touristischer Geschäftigkeit. Meine neuen Gastgeber sind Mitte 30 und machen von Anfang an einen lockeren, unkomplizierten Eindruck. Zusammen mit drei weiteren jungen Helfern bilden wir ein Team, in dem die durchaus stressige Herbergsarbeit richtig Spaß macht.

In Oguni war meine einzige Kollegin die komplett vergnügungsresistente Hiroko-sensei. Hiroko erzählt manchmal von ihren Déja-vus und glaubt ansonsten, dass die Art, wie die Menschen ihre Schuhe anordnen etwas über ihren Seelenzustand verrät: Unordentlich abgelegte Schuhe sprechen für einen unsteten Geist. Ich muss einen extrem unsteten Eindruck auf sie gemacht haben. Sie dagegen ruht in sich selbst. Wenn sie mit Takeshi im Büro saß, ruhte sie gelegentlich so sehr, auf den ungeübten Beobachter musste es wirken, als sei sie mitten im „Meeting“ (wie Takeshi es großspurig nannte) eingeschlafen. Das ist aber sicher die Fehleinschätzung eines rastlosen Schuh-Maniacs.

Takeshi und ich haben übrigens so gut wie nie zusammen gearbeitet: Weder zum Herstellen von Crackern noch zum Befüllen von Teebeuteln wollte sich der gewiefte Rhetoriker je herablassen. Takeshi ist eben Kopfarbeiter, und geniale Plädoyers in Sachen Selbstheilung durch Reiscracker schreiben sich ja auch nicht von selbst, nicht wahr? Naja, mit meiner Geschichte von Tom „Makrobiotik“ Cruise konnte ich in Yufuin wenigstens noch den ein oder anderen Lacher ernten.

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