Mai
06

Country Roads

Es ist ein Schlagwort, wie es ausgelutschter kaum sein könnte: „Servicewüste Deutschland“ – weniger eine Aussage über den deutschen Service als vielmehr ein Hinweis auf eine chronische Lust am Nachplappern überflüssiger Nörgeleien. Als ehemaliger Klassenreisender mit dem üblichen Grad an Erfahrung mit deutschen Jugendherbergen, ihren fettschürzigen Kantinendrachen, ihrem Hang zum Linoleumboden und dem vielbeschworenen „Tee“ komme ich allerdings selbst nicht umhin, meinen neuen Arbeitsplatz als wahres Serviceparadies zu empfinden.

Das „Country Roads Youth Hostel“ ist eine Jugendherberge von gehobenem Niveau. Jeden Morgen und jeden Abend bereiten wir den Gästen ein Menü, das seinesgleichen sucht. Zum Beispiel: gebackener Lachs, eingelegter Rettich, marinierter Tofu, eine kleine Pastete, Kartoffelsalat, Pasta, Gemüsebrühe, Reis und zum Nachtisch Sojapudding. Das alles wird von uns Helfern drapiert und serviert, und zwar gemäß einem vorher aufgestellten, exakt zu befolgenden Plan, der die Positionen der Speisen auf dem Tischdeckchen festlegt. Weil in Japan gerade Golden Week ist, ist die Herberge ausgebucht – 25 mal acht Gerichte müssen wir so möglichst gleichzeitig servieren, bevor die Gäste per Durchsage zum Essen gebeten werden. Morgens um halb sieben beginnen wir mit dem Frühstück, das wie das Abendessen als Menü daherkommt, und nicht etwa als Buffet.

Rund um die Mahlzeiten herrscht eine familiäre Atmosphäre. Herbergsvater Ryô hat den starken Drang, immer neue Aktivitäten aus dem Hut zu zaubern, um sich, uns und die Gäste zu unterhalten. Am ersten Abend geht es nach dem Abendessen mit allen Mitarbeitern und einem Haufen Gäste in die Sporthalle, um Fußball und Völkerball zu spielen. Auf einer Nachtwanderung erklärt Ryô den Gästen den Sternenhimmel über Yufuin und präsentiert mich und meine Gitarre für ein Überraschungskonzert vor dunkler, waldiger Kulisse. Anderntags wird spontan ein Talentwettbewerb aus dem Boden gestampft, mit Eis-Wettessen, Regenschirm-Balancieren und wiederum mir als Musik-Joker. Wenn sonst nichts ansteht, sitzen Ryô und seine Frau Tomo mit den Urlaubern zumindest im Speiseraum und unterhalten sich. Jederzeit können Gäste und Belegschaft die hauseigene heiße Quelle benutzen.

Der merkwürdige Höhepunkt der Servicebemühungen ist allerdings das Abreiseritual. Kündigt sich ein Aufbruch an, greift Ryô zu seiner verstimmten Gitarre und singt mit seiner Frau und allen Helfern zum Abschied „Country Roads“ – der Text des Liedes prangt eigens zu diesem Zweck auf einer Holztafel über dem Eingang. Die meisten Gäste bleiben nur eine Nacht. In der Golden Week heißt das somit: Mindestens fünf Mal Tag ruft Ryô „Shuppatsu! Aufbruch!“ durch das Haus, und wir müssen sofort alles stehen und liegen lassen und zum Klatschen und Singen antreten. Bis zum Schreiben dieses Beitrags habe ich also rund dreißig Mal „Country Roads“ geträllert, was definitiv weit jenseits der zu empfehlenden Dosis für eine ganze Lebzeit liegt. Ryô und Tomo schaffen es irgendwie, dieses Ritual nicht albern zu finden, sondern behandeln es immer wieder aufs Neue mit einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit.

Ist das Haus leer und der Boden gewienert, werden gegen elf Uhr die Vormittagsaktivitäten festgelegt. Mal rennen wir unter absichtlicher Missachtung jeder Form von Wanderwegen einen Berg hinauf, um oben zu picknicken, mal verfolgen wir mit dem Auto die Feuerwehr, um zu gucken, wo es brennt. Gestern waren wir Krebse fangen, die den Gästen nach dem Abendessen zum Bier kredenzt wurden, die passenden Stories von der Jagd gab es selbstverständlich gleich dazu. Nachmittags bin ich aufgrund des unstillbaren Aktionsbedürfnisses meines Chefs meistens komplett erschlagen und verschlafe die Zeit bis zur Abendschicht. Die Golden Week neigt sich nun aber ihrem Ende zu, ganz Japan kehrt vom Heimattourismus zurück ins Arbeitsleben, und wir ruhen uns ein bisschen aus.

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