Mai
09

Sex

Der abgewetzte rote Drehstuhl in downtown Beppu gehört zu den seltsamsten Orten, an denen ich je ein Bier getrunken habe. Im Gebäude hinter mir schütteln kichernde Prostituierte ihre Futons aus. Sie tragen Jogginganzüge und unterhalten sich von Fenster zu Fenster. In der Wohnung, die genau über meinem roten Stuhl liegt, versuchen mehrere leichte Mädchen und ihr ältlicher Zuhälter ebenfalls kichernd herauszufinden, ob ich als Kunde in Frage komme. Die Sonne geht gerade unter. Vor mir liegen drei lange Stunden, in denen ich auf Ken warten muss, mein Kollege aus der Herberge. Ich trinke aus, kaufe mir ein paar neue Bierdosen und gehe zum Meer.

Ken ist 23. Heute lässt er sich in Beppu entjungfern. Unser Zwei-Tages-Ausflug in die Hafenstadt ist die finale Phase eines Planes, den er sich mit akribischer Gründlichkeit zurechtgelegt hat. Während wir stundenlang durch die berühmt-berüchtigte Rotlichtmetropole streifen, erfahre ich nach und nach die Details dieses Plans und seine Hintergründe.
Eigentlich ist an Ken nichts auszusetzen: Er ist ein kluger, stiller Junge – klug genug, um an einer renommierten Uni erfolgreich Amerikanistik studiert zu haben. Sein Englisch ist hervorragend. Er ist klein, aber weder fett noch pickelig. Er hat Humor und riecht neutral. In Zukunft will er als Regierungsbeamter die Geschicke seiner hinterwäldlerischen Heimatprovinz zum Besten wenden. Er lebt nicht in einer Computerspiel-Parallelwelt, hört keinen Fantasy-Metal und hat auch ansonsten keines der klassischen Merkmale, die für eine verspätete Defloration sprechen würden. Aber seit der Grundschule hat sich kein Mädchen mehr für ihn interessiert, sagt er. Er erzählt mir die Geschichte seiner sexuellen Erfolglosigkeit mit entwaffnender Offenheit und voller Selbstironie. Es ist ja nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Eher im Gegenteil. Aber nichts an ihm, sagt Ken mit fatalistischem Lachen, ist Jäger. Ken ist unauffällig, schreibt gerne und, das ist wohl das größte Hindernis, denkt viel nach. Und so ist er in langen Grübeleien zu dem Schluss gekommen, dass seine absolut einzige Chance auf Sex der Gang zu einer Prostituierten sei. „Bist du da ganz sicher?“, frage ich ungläubig. „Vollkommen sicher“, lacht Ken. Nicht ganz zufällig führte ihn seine WWOOF-Route also nach Kyûshû, in die Nähe von Beppu. Hier soll es so weit sein, das hat er längst entschieden. 40.000 Yen hat Ken für seine Unternehmung eingeplant, die High Class-Version von käuflicher Entjungferung: 100 Minuten im Sex-Onsen, inklusive Waschen und Wahl der Dame via Menü-Karte. Ken hat tatsächlich einen Notizblock mit handschriftlichen Infos dabei, das Ergebnis seiner gründlichen Recherche. In Beppu gibt es die verschiedensten Spielarten, vom weit verbreiteten, weitgehend keuschen „Snakku“ bis hin zum Hochhaus-Bordell. Das Image der käuflichen Liebe ist gar nicht so schlecht: Im Land der Geishas ist ein Puffgang wesentlich gesellschaftsfähiger als ein Zug am Joint. Das blumige japanische Wort ist baishun: Frühling kaufen.


Was er in Beppu vorhat, hatte mir Ken bereits in Yufuin kurz erzählt. Ich musste unwillkürlich an peinliche Autos mit unangenehmen Gestalten darin denken, die einen vorm Bochumer Rathaus nach dem Weg zum Eierberg fragen, und dass ich die Gesellschaft des durchschnittlichen männlichen Stangenbarbesuchers ansonsten doch um jeden Preis zu vermeiden trachte. Aber weil ich mir die Chance auf Nachtleben und Großstadt nicht nehmen wollte, bin ich dann doch mitgekommen. Im Laufe unserer Suche nach dem geeigneten Laden bin ich dann mehr und mehr froh, Ken Gesellschaft leisten zu können. Die Art, wie er in den tragik-komischsten Situationen seinen Humor, seine Würde und seine Höflichkeit behält, rührt mich. Als wir auf einmal statt im Rotlichtbezirk in einem Wohnviertel stehen, geht Ken kurzerhand auf den nächsten Passanten zu, um ihn nach dem Weg zu fragen. Es ist ein alter Mann, der zwei Chihuahuas Gassi führt. Ich beobachte das höfliche Gespräch der beiden mit etwas Abstand und denke an Techno aus Autoboxen und den Satz „Ey, wo isn hier der Eierberg?!“
Nach stundenlanger Suche haben wir sowohl das Viertel als auch Kens Wahladresse endlich gefunden, und es ist Zeit für mich zu verschwinden. „Ich bin nervös, was soll ich machen?“, fragt Ken zuletzt. Ich habe mir bereits im Kopf eine Rede zurechtgelegt, die ihn davon abhalten soll, jetzt in diesen Club zu gehen, verkneife mir das dann aber zum Glück noch und sage nur: „Keine Ahnung“. Ich kaufe mir ein Bier, setze mich auf den abgewetzten roten Stuhl mitten in Beppus berühmtem Rotlichtbezirk und gebe mich meiner Melancholie hin.


Als ich Ken noch vor der verabredeten Zeit am Bahnhof treffe, bin ich hunderten hübschen, kurzberockten, unkäuflichen Mädchen begegnet. Sex ist in Japan allgegenwärtig. Trotzdem liegt das Land in den einschlägigen „Wer-vögelt-am-meisten“-Untersuchungen immer ganz hinten. Umgeben von einem ständigen Überangebot an nackten Schenkeln und maskaraschweren Augenlidern haben Typen wie Ken das Gefühl, für sie sei nix zu holen.
Nach getaner Arbeit ist Ken noch offener und selbstironischer als vorher. Es sei komisch gewesen, eine interessante Erfahrung, schon, aber Masturbieren mache mehr Spaß, lautet sein nüchternes, aber fröhlich vorgetragenes Fazit. Ich muss mich nach der kurzen Pause erst wieder an diese entwaffnende Informationslust gewöhnen. Wir gehen schnurstracks in eine Bar, wo wir einen Freund von Ken treffen. Auch ihm wird detailgetreu von der heutigen „speziellen Aktivität“ erzählt, wie er es nennt. Wir bestellen „nomi-hôdai – all you can drink“. Als wir später bei dem Freund in der Wohnung ankommen, schläft Ken sofort ein.

Eine Anmerkung zu Persönlichkeitsrechten: Ken hat mich von sich aus gebeten, einen Artikel über sein Vorhaben zu schreiben und hat den Text (in englischer Übersetzung) abgenommen und der Veröffentlichung zugestimmt.

2 Comments

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  • Robert Said:

    Lieber Hanno! Deine Geschichten sind nach wie vor klasse! Freut mich, dass Du es nach den Kekse-Ausbeutern inzwischen wieder gut angetroffen hast.

  • de Said:

    Brilliante Geschichte!

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