Mai
20

Uniformen

Foto: wikipedia.org

Sie sind überall, wie blau-weiße Ameisen: Strömen die Treppen zum Peace-Park herauf und herunter, umschwärmen die Statue, formieren sich für Fotos, folgen den Anweisungen, die verzerrt aus den Megaphonen der Aufsichtspersonen plärren, reißen mich mit. Eigentlich wollte ich mir den Ort des Atombombenabwurfs auf Nagasaki ansehen – das Hyperzentrum, den Park, der dort heute an die Katastrophe erinnert, die gigantische metallene Staue. Das ist Pflichtprogramm für Nagasaki-Reisende. Es ist aber auch Pflichtprogramm für japanische Schulklassen. Abertausende uniformierte Schülerinnen und Schüler bieten an der Stätte des nationalen Traumas vom 9. August 1945 ein Schauspiel, das die eigentlichen Sehenswürdigkeiten verblassen lässt.

Der große Platz vor der monumentalen Statue ist ein wogendes Meer aus dunkelhaarigen Schöpfen, Faltenröcken, Anzughosen und weißen Hemden. Die einzelnen Herden sind für mich kaum zu unterscheiden. Sie folgen aber jeweils geschlossen einer fahnentragenden Fremdenführerin, die an ein paar Stationen Erklärungen gibt. An eigens aufgestellten Bänken werden schichtweise Fotos für das Jahrbuch geschossen, immer etwa 150 Schülerinnen und Schüler auf einmal, eine Schule nach der nächsten. Ebenso gut organisiert ist die Andacht. Auf Kommando eines megaphonierten Lehrers senken sich jeweils hunderte Häupter zum Gebet für die Opfer des Atombombenabwurfs, bis ein weiteres Megaphon-Kommando das Gedenk-Ende bestimmt. Vorher ausgewählte Schüler treten dann vor, um im Namen der Schule eine buntes Band am Schrein neben der Statue zu hinterlassen. In Zweierreihen geht es weiter, Richtung Museum, während sich die nächste Gruppe bereits zur Andacht formiert.
Allein in dieser uniformierten Menschenmasse bin ich ein 1,85 Meter großer Fremdkörper. Tausende Augenpaaren folgen mir, mal verstohlen, mal unverhohlen neugierig. Wenn ich jetzt plötzlich ausraste, wild um mich schlage und brülle, könnte ich vielleicht eine Stampede auslösen, die die Stadt abermals in Schutt und Asche legt, denke ich mir gehässig, gehe dann aber lieber auch ins Museum. Auf dem Weg dahin lande ich aus Versehen in der Tiefgarage des Parks, wo ich auf ein  beeindruckendes Heer von Reisebussen stoße, das darauf wartet, die Schulklassen wieder in ihre Heimatprovinzen zu fahren.


Am selben Abend mache ich Bekanntschaft mit Tan Tran. Tan ist Australier mit vietnamesischen Wurzeln und reist momentan durch Japan. Wir verabreden uns dazu, in ein paar Tagen den Mount Yufu zu erklimmen. Yufudake ist 1584 Meter hoch und erhebt sich mit seinen Zwillingsgipfeln genau hinter der Country Roads-Herberge. Damit ist er der mit Abstand höchste Berg, den ich je bestiegen habe. Auf etwa 1200 Metern Höhe erreichen wir die Wolken und laufen von nun an durch eine stürmische, nasskalte weiße Suppe. Hinter einer Wegbiegung taucht plötzlich ein Soldat in voller Uniform aus dem Nebel auf. Einigermaßen überrascht sagen wir höflich „Hallo“ und erhalten als Antwort einen militärischen Gruß. Die Aufgabe des einsamen Soldaten war es offenbar, den Weg auszukundschaften. Nach und nach begegnen wir nämlich jetzt einem ganzen Haufen Soldaten, zwei haben eine Trage dabei, alle machen uns dienstbar Platz und sagen hintereinander „Guten Tag“, jeder einzeln. Als wären wir Staatsmänner, die eine Parade abnehmen.

Ich kann mir das Lachen nur schwer verkneifen. 20 Uniformierte auf einem feucht-nebligen Touristenberg, die auf ihrem „Einsatz“ alle paar Meter den Hobbykletterern im Weg stehen – das ist einfach albern. Die Kommiss-Brüder kommen offenbar aus der Kaserne der japanische Armee in Yufuin. Weil die japanische Verfassung im berühmten Friedensartikel 9 die Aufstellung von Land- See- und Luftstreitkräften untersagt, heißt das Heer hierzulande Jieitai, also „Selbstverteidigungsstreitkräfte“.

In Sachen Militärbudget ist man zuverlässig in den Top Ten, 2005 sogar noch in den Top Five der Welt. Japan hat mehr als 200.000 Männer und Frauen unter Waffen – zu  Land, zu Luft und zu See. Seit Jahren schwelt eine Debatte, diesen verfassungsrechtlich eigentlich unerträglichen Zustand durch eine Revision zu beseitigen – bisher ergebnislos. So richtig für voll nehmen können viele Japaner und Japanerinnen ihre Jieitai denn auch nicht. Auf Tokunoshima beharrte Noriko mir gegenüber felsenfest darauf, dass Nippon gar keine Armee habe. Und Ryô war sich im Gespräch mit einem Gast nicht mehr ganz so sicher, wie das Heer heißt, das ihn beschützen soll. Er sprach deshalb konsequent von „Soft Defense Forces“, schließlich lautet die englische Abkürzung ja auch SDF. Ein beredter Fehler, irgendwie.

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