Jun
25

Blut

Manchmal lese ich die Eurosport-News, wenn ich Fußball-Ergebnisse wissen will. Und immer wieder bleibe ich auf den Kommentarseiten hängen, ich kann nicht anders, es ist Selbstgeißelung, abstoßend, dramatisch dumm, aber ich lese weiter: jeder Post ein potentieller Polit-Skandal. Das „Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-Deutschland“ zeigt seine rassistische Fratze, fordert Boatengs Kopf, greift in seinen Tiraden gegen die Vuvuzuelas tief in die xenophobe Mottenkiste und hat es am Ende natürlich wieder gar nicht so gemeint. „Afrika, das heißt für mich Fröhlichkeit, Gesang, Trommeln und Tanz“, schreibt irgendeine Michaela. Igitt. Ich schäme mich zutiefst, wenn ich das lese und rege mich, so sinnlos das ist, ernsthaft auf.

Enzan ist weit weg von Deutschland, weiter weg geht kaum. Ich lebe ein schlichtes und zufriedenes Leben bei Ogi-san, in dem liebenswerten Chaos aus Arbeit, Bier und feuchter Hitze. Nach meiner Rückkehr dauert es nur ein paar Stunden, bevor Ogi einem anderen WWOOFer seine Sicht auf „die Chinesen“ erläutert. Sie hat sich nicht verändert, Mittelfinger inklusive. Aber so wütend wie im Internet werde ich deshalb nicht.Warum eigentlich nicht? Diese Frage stellen Aaron und ich uns eines Nachts im Gespräch. Klar, wir sind letztlich beide abhängig von Ogis Gunst. Aber Ogi ist ja nur ein Beispiel. Jeden Tag wird man in Japan mit Rassismus konfrontiert, persönlich, im Fernsehen, in Erzählungen. Ein Morgenmagazin berichtet zehn Minuten von einem Franzosen, der die japanische Teezeremonie beherrscht. Man ist begeistert. Dass der das kann, obwohl er doch Ausländer ist! Der Chef erzählt von seinen nur mühsam besiegten Hemmungen, den Franzosen einzustellen, und die Frau des Teemeisters sorgt für spitze Überraschungslaute, als sie bekennt, lieber Kaffee als Tee zu trinken. Unglaublich! Das Weltbild, dass dem Programm zu Grunde liegt, ist gleichzeitig zutiefst rassistisch und vollkommen akzeptiert in der japanischen Gesellschaft. Als Japaner oder Japanerin kann man nur geboren werden, alles andere ist eine Sensation.

Überall, wo Schulkinder in Massen auftreten, wird mit dem Finger auf mich gezeigt. Im Touristenort Nara sagen mir bestimmt 150 Kinder hintereinander „Hallo“, um dann kichernd wegzulaufen. Später muss ich Autogramme geben, weil eine Lehrkraft für die Klassenreise eine spezielle Aufgabe aus dem Hut gezaubert hat:  Die Kinder sollen Ausländer anzusprechen und sie bitten, ihre Namen und ihr Heimatland in ein eigens konzipiertes Formblatt einzutragen. Sie rennen los und suchen nach Menschen, die möglichst anders aussehen als sie. Na bravo, Lektion gelernt.

In Tokunoshima spricht mich ein Mann in der Bar an. Er freue sich, einen Deutschen zu treffen, sagt er, und kommt dann ohne Umschweife zum Punkt: Unsere Zusammenarbeit im Krieg war kein Zufall, auch der parallele Aufstieg unserer Länder zu Wirtschaftsnationen nicht. Japaner und Deutsche sind fleißig und bauen die besten Autos. Und woran liegt das? An unserem Blut! Es ist einer der wenigen Momente, in denen es mir zu viel wird. Ich beende das Gespräch vergleichsweise ruppig. Ansonsten jedoch, da sind Aaron und ich uns einig, scheinen nicht nur wir, sondern viele Ausländer in Japan bis zu einem schwer fassbaren Grad bereit, den alltäglichen Rassismus hier zu ignorieren oder zumindest unsere Gegenrede herunterzuschlucken.

Warum das so ist, ist schwer zu sagen. Es liegt sicher auch daran, dass die ständige implizite oder explizite Abgrenzung gegenüber uns „Gaijin“ vor allem im persönlichen Kontakt oft freundlich und positiv geschieht. Es ist zwar anstrengend, aufgrund seiner Haut- und Haarfarbe automatisch zum ahnungslosen Alien abgestempelt zu werden – wenn das japanische Gegenüber sein national-kulturelles Sendungsbewusstsein dann aber mit einer Einladung zum Essen bekräftigen will: aber bitte doch! Und die Legendenbildung um den westlichen Riesenpimmel ist auch nicht so schlimm, eigentlich.

So gut geht es aber nicht immer: Ein Gaijin auf Wohnungssuche hat es nur zu oft sehr schwer, der Zutritt zu einigen Bars ist Ausländern untersagt, das Becken im Onsen leert sich gerne mal ganz schnell, wenn ein blonder Gast ins Wasser steigt, und die Erlangung der Staatsbürgerschaft ist beinahe ein Akt der Unmöglichkeit. Bis vor einigen Jahren mussten sich Neubürger sogar noch einen japanischen Namen geben.

Nicht zuletzt könnte unsere Akzeptanz der japanischen Lust an der eigenen Einzigartigkeit aber auch unserem eigenen Hang zum Rassismus zuzuschreiben sein, fällt Aaron irgendwann ein. Im westlichen Umgang mit Japan und seinen Menschen schwingt oft Arroganz mit. Davon bin ich selbst nicht frei. Zehn Minuten TV, und ich halte alle hier für komplett bescheuert, zum Beispiel. Es ist unser eigener Rassismus, der es uns einfacher macht, den japanischen zu verdauen. Etwa so: Haha, die Japaner mal wieder, von einer korrekten Sicht auf die Menschen haben sie eben keine Ahnung. Kennt man ja, erwartet man in Japan auch eigentlich gar nicht anders, so stolz ist man auf die europäische Aufklärung. Und eine witzige Geschichte über das verrückte Land springt auch immer noch dabei heraus. Man stelle sich vor, ein deutscher Lehrer erteilt die Aufgabe, auf der Straße nach, sagen wir mal, Schwarzen zu suchen, haha, so was Blödes. Wir wissen es eben besser. Oder?

Keine Kommentare

Schreibe ein Kommentar

Keine Kommentare.

Kommentare RSS Feed   TrackBack URL

Hinterlasse ein Kommentar


Oben