Jun
10

Feuer

Landwirtschaft in Japan geht nicht ohne Feuer. Von der Hobbygärtnerin bis zum Großbauern wird gezündelt, was das Zeug hält. Ständig brennen irgendwo kleine Haufen, manchmal auch ganze Berghänge. Das Noyaki – so heißt der kontrollierte Feldbrand – ist fest verankert in der landwirtschaftlichen Tradition Japans.

Ein zünftiges Noyaki ist in mehrerlei Hinsicht praktisch. Man spart sich zum Beispiel den Weg zum Kompost und dort auch eine Menge Platz. Abgeschnittene Gräser werden einfach liegen gelassen, bis sie trocken sind, um sie dann in einem knisternden Strohfeuer zu verbrennen. In Japans feucht-heißem Sommer ist Gras schneiden ununterbrochen notwendig. Ohne den ständigen Einsatz der knatternden Benzin-Sensen würde das ganze Land innerhalb weniger Wochen im Gras versinken, so scheint es. Es wächst unaufhörlich, wird geschnitten, verbrannt, wächst, brennt, wächst… und wenn es dann mal wieder brennt, ist das gleich eine willkommene Gelegenheit, wahllos anderen Müll mit ins Feuer zu werfen. Je giftiger, desto besser. Ein Noyaki steht unter dem launigen Motto: „Alles kann, nichts muss“. Plastik? Klar! Liegt ja eh überall rum. Textilien, Styropor, warum denn nicht? Wenn es brennt, ist es gut. Wenn nicht, wird nachgeholfen. Absolut unbrennbare Materialien können mit kanisterweise Benzin immerhin angekokelt werden. Ein ordentliches Noyaki ist eben immer auch ein großer Spaß.

Der zweite Vorteil des Feldbrands: Gemeine Schädlinge gehen mit dem toten Material in Flammen auf. Das behaupten jedenfalls die Farmer ganz überzeugt, wenn die Gelegenheit zu einem Noyaki zu verstreichen droht. „Klar müssen wir das jetzt verbrennen, dann sterben nämlich die Insekten“, heißt es dann. Diese Begründung scheint allerdings eher eine über Generationen überlieferte Legende zu sein, die heute als Rechtfertigung dafür herhält, endlich mal wieder ordentlich was abzufackeln. Warum sich nämlich sämtliche zu tilgende Schädlinge in einem kleinen Haufen Heu verbergen sollten, anstatt in der Wiese und den Feldern drumherum ein sattes Leben zu führen, ist schlicht nicht ersichtlich.

Noyaki gibt es nicht nur als Privat-Veranstaltung, sondern auch in groß. Die kahle Hochebene von Mount Aso, hinter der das Regendorf Oguni sein trostloses Dasein fristet, ist nicht natürlich, sondern von Menschenhand verbrannt. Jedes Frühjahr werden auf und um den Riesenvulkan ganze Berghänge angezündet und dadurch kahl gehalten. Bei Noyakis dieser Größenordnung ist das Insektenvernichtungsargument sicherlich mehr wert – vernichtet wird jedenfalls ordentlich. Auf dem Höhepunkt der Brandsaison feiern die Menschen in Aso traditionell ein Feuerfestival, bei dem unter anderem das chinesische Schriftzeichen für Feuer in Übergroße gebaut und verbrannt wird: . Das Fest macht vielleicht deutlich, dass der Feldbrand neben seinen praktischen Vorzügen auch – oder eher: vor allem? – eine große kulturelle Bedeutung hat.

Das Noyaki ist aus der japanischen Landwirtschaft nicht wegzudenken – obwohl die Brände mit erheblichen Risiken einhergehen. Allein in der Gegend um Mount Aso und Oguni sterben jedes Jahr drei oder vier Menschen in den absichtlich gelegten Feuern. Das erzählte mir damals Hiro, ein Freund der Firma TAO Communications, während wir im Auto an kahlen Hängen und schwarzen Baumstümpfen vorbei fuhren. Aber auch in und um Yufuin ist Brandrodung beliebt – und gefährlich.

Ein außer Kontrolle geratenes Noyaki konnte ich dort eines Vormittags selber bewundern. Ein kompletter Hang brannte auf der Rückseite des Yufu-dake lichteloh. Nicht nur die Belegschaft der Country Roads-Herberge starrte fasziniert in die Flammen: Dutzende Schaulustige waren den Feuerwehrautos gefolgt, um das Spektakel zu besichtigen. Auf der riesigen, verrauchten Fläche wuselten einige hilflose Feuerwehrmänner herum, die ihre Löschfahrzeuge nicht ins steile Terrain lenken konnten. In atemberaubender Geschwindigkeit erreichte das Feuer den Waldrand, wo es glücklicherweise von allein erstarb. Der Schaden muss trotzdem erheblich gewesen sein – aber wegen solcher Unglücke hört noch lange keiner auf, den Gasbrenner zu zücken, wenn es irgendwo was zu verbrennen gibt. Auch ich bin an meinem neuen Arbeitsplatz in Kobe begeistert dabei. Wie schnell allerdings so ein kleines Noyaki außer Kontrolle geraten kann, habe ich mir auf Tokunoshima bereits selber bewiesen.

Die Fotos in diesem Artikel stammen von Johannes. Johannes und sein Reisekamerad Julian unterhalten ebenfalls einen Reiseblog mit vielen Fotos: http://www.weltwinkel.org/Nihon Ryouko

Schaut mal rein!

1 Kommentar

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  • Daniel Said:

    tja nachdem du ja bereits schon einmal eine fast verhängnisvolle erfahrung mit feuer und brandbeschleunigern gemacht hast, weisst du ja dann bei noyaki wenigstens, dass das gefährlich werden kann 🙂

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