Jun
03

Osaka orthopädisch

Wer auch im Privatleben auf Sit-Com steht, dem sei der Arztbesuch in einer fremden Großstadt empfohlen. In Osaka zum Beispiel, meiner momentanen Station. Man lernt nützliche neue Wörter („Diagnose“ – 診断), medizinische Fachbegriffe („Meniskusruptur“ – 半月版損傷) und erschreckende Ausdrücke („Operation“ – 手術). Auf Sightseeing-Tour in Naras weltberühmten historischen Stätten, mitten zwischen Tempeln, Buddhas und zahmen Hirschen, hat mein Knie den Geist aufgegeben. Also ab in die Klinik, denn das Knie brauche ich nun mal zum Arbeiten.

Am nächsten Tag startet die Operation Heilung mit einem Besuch in der Police-Box vor der Haustür. Die Polizei in Japan hängt größtenteils in diesen Baracken rum und gibt in Ermangelung anderer Aufgaben Auskunft zu Orientierungsfragen. „Mein Knie tut weh, ich bräuchte einen passenden Arzt“, sage ich, und dass ich nicht weit laufen könne. Mit Nachdruck und ohne jeden Zweifel beschreibt mir der Polizist den Weg zu einer Klinik einige hundert Meter entfernt. „Danke“, sage ich noch zuversichtlich, humpele los, und ernte dann in der Praxis doch nur verständnislose Blicke. „Aber das hier ist doch die Innere Medizin.“ Ein paar Straßen weiter sei ein Orthopäde, da solle ich es versuchen. Na gut. Leider erweist sich der empfohlenen Orthopäde als wenig selbstbewusst. Das Knie, was? Na, damit gehen sie lieber ins Krankenhaus. Hier können wir nix machen. Klar, wieso auch? Und wie komme ich da hin? „Tja, ist etwas weiter. Ich rufe Ihnen ein Taxi.“ Das Taxi kommt und chauffiert mich vom Selbstzweifler direkt zu einer großen orthopädischen Heilanstalt. Ich vermute angesichts der Taximassen vorm Eingang eine geheime geschäftliche Absprache zwischen dem orthopädischen Drückeberger, der Klinik und dem Taxiunternehmen. Wieder etwas zuversichtlicher gehe ich in die marmorne Lobby. „Mir tut mein Knie weh“, sage ich am Empfang. Fünf Empfangsdamen reagieren voller Anteilnahme mit Geräuschen, eine ergreift das Wort: „Wir schließen jetzt. Aber es gibt einen Orthopäden ganz hier in der Nähe. Haben Sie ein Fahrrad?“ Das darf doch wohl nicht wahr sein, denke ich, inzwischen vollkommen entnervt. Nein, habe ich nicht. Ich humpele also einen halben Kilometer durch ein fremdes Viertel und darf mich in der vierten Praxis endlich in das vollgestopfte Wartezimmer setzen.

Die Behandlung ist dann zur Abwechslung mal kurz. Meniskus gerissen, vielleicht jedenfalls, „over use“, Operation angeraten. Niedergeschlagen von dieser Diagnose verbringe ich ein ganzes Wochenende in der Wohnung meiner Gastgeberin Aiko, mache mir ziellos Sorgen und langweile mich zu Tode. Vielleicht haben diese zwei Tage das am Ende katastrophale Verhältnis zwischen mir und Aiko besiegelt, wer weiß.

Am Montag bin ich jedenfalls fest entschlossen, mir eine zweite Meinung von einem deutschsprachigen Arzt zu holen, um vernünftig entscheiden zu können, ob und wo ich weiterarbeite. Aiko hat mir den Namen einer Klinik aufgeschrieben, in der angeblich ein Deutschkönner praktiziert. Ich rufe an und verabrede einen Termin. Dazu reichen die Sprachkenntnisse meines Arztes in spe gerade so noch aus. Wenig ermutigend. Nun aber das größere Problem: Wo ist die Praxis? Ich kann die Adresse nicht lesen, nur Zeichen, die ich nicht kenne. Das Internet spuckt mir letztlich das Fragment eines Stadtplans und einen Bahnhof aus – auf halbem Weg nach Kobe! Die Klinik sei in der Nähe von ihrer Wohnung, meinte Aiko doch. Aber was heißt schon „in der Nähe“ in einer Metropolregion mit 20 Millionen Einwohnern? Ich pilgere also los, erst die Röntgenbilder aus der anderen Klinik holen, dann stundenlang mit dem Zug durch das Häusermeer, dann durch die Gassen des Viertels im Irgendwo. Gefunden!

„Hallo, ich habe angerufen, ich habe einen Termin“, sage ich am Empfang. Alles klar, fünf Minuten warten. „Sie können also Deutsch?“, frage ich den Arzt, nochmal zur Sicherheit „Nein. Wieso?“, ist die Antwort. „Englisch?“ „Kaum. Was tut denn weh?“ Resigniert reiche ich ihm die Röntgenbilder. Der ganze Weg umsonst. Den Meniskus könne man darauf ja gar nicht sehen, findet mein neuer Arzt. Wie komme der Kollege denn zu seiner Diagnose? Eine Operation sei jetzt jedenfalls erst mal nicht nötig.

Gleichermaßen erleichtert und entnervt humpele ich aus der Praxis und fahre zur Entspannung in „mein“ Café in Osaka, dessen Besitzerin vor zwei Monaten so außerordentlich hilfsbereit war. Dort klärt sich dann alles auf. Es gibt nämlich im Bereich Osaka zwei Orthopädien mit dem gleichen Namen. Die mit dem deutschsprachigen Arzt wäre zehn Fahrradminuten von Aikos Wohnung entfernt gewesen. Dort sitzt ein germanophiler Arzt und wartet vielleicht noch immer auf mich. Nur: Eine Internetseite haben die wohl leider nicht. Warum die Empfangsdamen in der falschen Klinik weder widersprechen noch nachfragen, wenn ein Wildfremder hereinschneit, einen nicht existenten Termin einfordert und nach „dem Arzt, der deutsch kann“ fragt, ist mir indes nach wie vor ein Rätsel. Ich lasse das Gelächter der Café-Chefin und der restlichen Belegschaft über mich ergehen und erkläre das Kapitel „Arztbesuch“ vorerst für beendet. Die Chancen stehen immerhin 50/50, dass die zweite, optimistischere Einschätzung stimmt. Ab morgen, auf einem Feld in Kobe, wird sich das vielleicht zeigen.

1 Kommentar

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  • Tobias Said:

    Aus eigener Erfahrung möchte ich Dir raten, auf keinen Fall eine Operation am Knie machen zu lassen, ohne vorher alle Optionen genauestens zu prüfen und mehrere Meinungen einzuholen. Wenn Du nur den leisesten Zweifel hast, nicht machen lassen. Dafür bist Du noch zu jung und willst noch eine Weile mit dem Bein rumlaufen. Gute Besserung!

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