Jul
21

Big Brother

In meiner ersten WG ging es nicht gerade zivilisiert zu. Wir hatten viel Spaß an unserer eigenen Unordentlichkeit, und manchmal haben wir in der Wohnküche mit alten Pizzakartons und rundlichem Abfall verschiedenster Art ein Spiel gespielt, das wir „Mülltennis“ nannten. Aber wir hatten eine funktionierende Klospülung und einen Elektroherd. In meiner momentanen Bleibe in Sasayama gibt es derlei Luxus nicht. Gekocht wird über Holzfeuer, unser Plumpsklo wird mit einer improvisierten Wasserspritze gereinigt, die Waschmaschine hat keinen Deckel und ist nur zum Teil automatisiert. Eine stets wechselnde Besetzung von etwa 15 jungen Leuten aus aller Welt lebt in einem alten, notdürftig renovierten Haus, das immer und zu allen Seiten offen ist. In der Küche nisten Schwalben.

Unser Gastgeber heißt Gen, ist Ende Zwanzig und leitet ein ambitioniertes Projekt: Um der drohenden Vergreisung der Landwirtschaft in Sasayama entgegenzuwirken, hat er eine Art WWOOFer-Kommune gegründet. Wir, die Bewohner des Hauses, schwärmen tagsüber aus, um den alten Farmern bei der Arbeit zu helfen, die sie alleine nicht mehr bewältigen können. „Nô En“ – Landwirtschaftliche Hilfe – nennt er seine Idee. Für unsere Arbeit erhalten wir Lebensmittel, meist frisches Gemüse, um uns zu ernähren. Das Leben im Haus ist einfach, manchmal primitiv, aber dadurch stets unterhaltsam. Im Idealfall soll die Kommune autark funktionieren. Was fehlt, wird und von Gen zur Verfügung gestellt.

An meinem zweiten Tag fehlt offenbar Fleisch. Jedenfalls hängt in der Garage plötzlich ein toter Hirsch von der Decke. Aiden aus Australien ist gerade mit ganzer Kraft dabei, die Organe zu entfernen, als ich dazukomme. Aiden hat einen Körper wie ein Bär – ein martialischer Anblick, ich bin gefesselt und schaue zu. So ein Hirsch hat eine Menge Organe, die in einer blutigen Prozedur nach und nach in einen großen Eimer plumpsen. Den Hirsch habe ein Freund gefunden, erklärt Gen beiläufig, während er mit Aiden daran geht, das Tier mehr oder weniger fachgerecht zu zerteilen. Später beteilige ich mich am Schlachten, indem ich kiloweise Fleisch durch einen manuellen Wolf drehe, eine anstrengende Arbeit. Normalerweise bin ich nicht mal scharf drauf, das Putenfilet aus dem Supermarkt anzufassen. „Man gewöhnt sich an alles“, denke ich, während das Fleisch geräuschvoll aus der Mangel quillt und in einen Eimer fällt. Am Abend wird gegrillt.

Der Alltag im Haus und im Dorf lebt von seinem archaischen Big-Brother-Feeling. Wir sind ein zusammengewürfelter internationaler Haufen, dessen Besetzung mehrmals wöchentlich wechselt – organisiert von den wenigen Fixpunkten, die sich auf lange Zeit dem Projekt verschrieben haben. Privatsphäre gibt es nicht. Im Zimmer über mir vögelt sich ein australisch-französisches Pärchen allabendlich durch seine Kommunen-Affäre. Lediglich vom Zeitpunkt der Anreise hängt es ab, ob man sich einen winzigen Raum mit einem wildfremden WWOOFer teilen muss (wie ich) oder das Privileg besitzt, alleine zu schlafen. Jeder Tag ist ein abwechslungsreiches soziales Minenfeld. Es wird zusammen gelacht, gekocht, gegessen, abgewaschen. Weil sich die Gruppe ständig verändert, herrscht ein ständiger Druck, auf neue Mitbewohner einzugehen, Freundschaften zu schließen oder zumindest aufgeschlossen zu bleiben. Unter der Oberfläche herrscht ein undurchschaubares Chaos aus potenziellen Konflikten, Sympathie, Antipathie und sozialer Positionierung. Jeder beobachtet jeden, schätzt ab, wo sie oder er in der Gruppe steht, wer mit wem und wer was macht.

Kameras gibt es keine – beobachtet werden wir aber trotzdem, rund um die Uhr. Unser Haus steht in einem winzigen Dorf im ländlichen Japan. Gens Projekt ist in den Augen der Bevölkerung kompletter Wahnsinn. Niemand würde hier sein Haus an einen Ausländer verkaufen, vielleicht nicht mal an einen ortsfremden Japaner. Gen jedoch stellt ein ganzes Haus einer Gruppe von jungen Menschen aus aller Welt zur Verfügung – und zwar kostenlos. Jeder Schritt des exotischen Haufens wird im Dorf kritisch, bisweilen hochgradig misstrauisch beäugt. Das Vertrauen der Farmer ist allerdings für das Projekt existenziell wichtig. Wir sind daher angehalten, stets freundlich zu grüßen und uns gefälligst zu benehmen. Unsere Arbeit für die Farmer ist jedes Mal auch ein Test für die Funktionsfähigkeit des Projektes. Recht machen kann man es den alten Bauern kaum – aber immerhin erledigen wir die Arbeit, für die sie eine Woche und mehr brauchen würden, in einem Vormittag, wenn wir mit bis zu zehn Leuten auf ihren Feldern auftauchen. Und die Bauern wissen das zu schätzen, versichert uns Gen.

Unsere Einsatzgebiete erreichen wir zumeist per Fahrrad. Auch auf diesen Fahrten fallen wir selbstverständlich auf. Eines Abends kommt uns Gen besuchen: „Wer ist heute bei Rot über die Ampel gefahren?“, fragt er gut gelaunt. Mehrere potenzielle Verkehrssünder drucksen betreten herum. Ein Polizist habe ihn angerufen und ihm gesagt, er solle seine Ausländer daran erinnern, sich an die Regeln zu halten, berichtet Gen. Was auch immer wir tun wird registriert, ob wir es merken oder nicht, das schärft er uns immer wieder ein. Mit der Polizei hat er allerdings ansonsten ein gutes Verhältnis. Der Hirsch aus der Vorwoche wurde selbstverständlich nicht legal erlegt. Es war jedoch ein Polizist, der Gen dabei half, das tote Tier zum Haus zu bringen. Man kennt sich eben.

2 Comments

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  • Julia Said:

    Hallo Hanno,
    ich seßnde dir ganz herzliche Grüße aus Bochum nach Japan!
    Ich habe gerade deinen Blog gelesen und fühle mich nun bestens informiert und amüsiert.
    Vielen Dank dafür. Julia (ex-bsz)

  • bloginjapan Said:

    Der Hirsch hatte sich in einem Wild-Zaun verfangen, ein Bein gebrochen. Er wurde getoetet und dann zu uns gebracht, um das Fleisch zu verwerten – das ist natuerlich offiziell illegal. Der Wild-Zaun schuetzt das Gemuese, das wir ansonsten essen, wir ernaehren uns unabhaengig von jedem Supermarkt, kein Fleisch ausser Hirsch. Wenn du das nun fuer falsch haeltst, dann halte ich dich fuer ziemlich dumm. Baem!

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