Jul
10

Clash of Generations

Auf dem Feld tobt ein Machtkampf. Oma versus Hanno, Japan versus Westen, alt versus jung. Es geht um die richtige Art, die Trauben zu schneiden, und um Ehre und Respekt. Bisher haben wir beide gewonnen.

Ogiharas Mutter ist 76. Sie schnauft bei jedem Schritt, ist nur noch 141 Zentimeter groß und steckt voller Altersstarrsinn. Nichts kann sie davon abhalten, jeden Tag auf dem Feld zu helfen. Im Frühling habe ich „Obâchan“ nur indirekt kennengelernt: Immer wenn Ogi am Telefon unverständliche Laute fluchte und das Handy nach dem Auflegen wütend in die Gegend warf, war seine Mutter dran. Dieses Mal arbeite ich selbst mit der Ursache seiner Wut zusammen.

Der Konflikt zwischen mir und Obâchan bricht aus, als ich eines Tages an einigen Reben herumschnippele, die bereits bearbeitet wurden. Ogi hat mir gezeigt, wie eine fertige Rebe auszusehen hat, und ich bin der Meinung, dass die Trauben noch ein paar Korrekturen benötigen – es sind zu viele. Kaum mache ich mich ans Werk, schlurft Ogis Mutter heran und schleppt mich aufgeregt plappernd zu einer anderen Pflanze. Ihr Dialekt ist für mich kaum zu verstehen. „Dann eben nicht“, denke ich, nicht ahnend, was ich gerade losgetreten habe, und schneide woanders weiter. Auf dem Rückweg erklärt mir Mari-san dann, dass Obâchan sehr wütend auf mich ist. Die Reben, die ich korrigieren wollte, waren nur wenige Minuten zuvor von Ogis Mutter beschnitten und für perfekt erklärt worden. Tausend Mal habe Ogi versucht, seiner Mutter einzuschärfen, dass sie mehr Trauben abschneiden solle, sagt Mari. Ich hätte also eigentlich nichts falsch gemacht. In Obâchans Augen bin ich allerdings nun der unverschämteste Bengel, der ihr je untergekommen ist. Ihr Misstrauen gegenüber mir ist vollkommen. Ein dahergelaufener Westler besitzt die Stirn, ihre perfekten Reben zu kontrollieren, gar zu korrigieren! Dabei hat der doch keine Ahnung! Und ich mache in den kommenden Tagen alles noch schlimmer. Von Ogi und Mari darin bestätigt, dass meine Schneide-Technik richtig ist, schnippele ich mich durch das Feld. Regelmäßig begegne ich dabei der Alten, die meine Aktivitäten grummelnd zur Kenntnis nimmt und sich in den Pausen bei Mari-san und – entsprechend lauter – bei dem schwerhörigen Nakagawa-san beschwert. Dann geht es daran, die Trauben in Tüten zu verpacken – letzte Chance für eventuelle Korrekturen.

Ich arbeite mittlerweile mit zwei jungen Amerikanerinnen zusammen, ich schneide, sie packen. Ein Albtraum für die vom Misstrauen inzwischen ganz aufgewühlte Oma, die mehr und mehr dazu übergeht, in unmittelbarer Nähe von uns mit irgendwas zu hantieren, nur um uns zu überwachen. Sobald ich die Schere zücke, fühle ich ihre Blicke auf mir, wenn ich schneide, schnauft sie bald heran und unterbricht mich. Es ist ein Dilemma: Über die richtige Form der Reben mag es ja noch verschiedene Auffassungen geben – faulende oder kaputte Trauben muss ich aber auf jeden Fall entfernen, bevor die Tüten angebracht werden, sonst ist die ganze Rebe verloren. Also schneide ich weiter, fühle mich im Recht, und Obâchan kocht.

Ganz langsam wird mit dabei klar, wie sehr ich mit meinem Verhalten gegen die Etikette verstoße, die für die alte Weinbäuerin selbstverständlich sind: Sie hat jahrzehntelange Erfahrung. Ich habe schlicht nicht das Recht, sie zu korrigieren, unhöflicher geht es eigentlich kaum. Am nächsten Morgen steigt Obâchan ins Auto und fängt noch in der Tür an, sich über uns zu beschweren. Offenbar hat sie in ihrer Wut vergessen, dass ich doch zumindest verstehe, worum es gerade geht. Mari-san beruhigt sie und erklärt, dass wir nur kranke Trauben entfernen. Obâchan glaubt ihr kein Wort. Auf dem Feld angekommen, folgt sie uns auf Schritt und Tritt. Mir reicht es. Ich entscheide, den Perfektionismus sausen zu lassen und der sturen Alten zu geben, was sie will – egal, ob die Reben zu voll sind. Dann hält sie uns eben für blöd, na und? Manchmal entfernen wir heimlich eine kranke Traube. Den Rest des Tages schnauft Obâchan vor uns her, schneidet die Reben in ihrem Sinn und kommandiert uns herum, wo und wie die Tüten angebracht werden sollen. Ich sage wörtlich: „Heute schneide ich nichts.“ Und Obâchan ist glücklich. In bester Laune kriecht sie durch die Reben, während ich meinen Stolz und meine Arbeitsideale herunterschlucken muss: Kann es sein, dass es besser ist, der Alten ihren Willen zu lassen, als die Arbeit so gut und effektiv wie möglich zu machen? Respekt vor der Seniorität versus besseres Wissen – ist das jetzt so ein klassischer Japan-Westen-Konflikt? Oder ist die Alte einfach nicht ganz richtig im Kopf? „Die Alte ist doch nicht ganz richtig im Kopf!“, flucht Ogi, als ich abends von der Arbeit erzähle. Mari und er bedanken sich bei mir, dass ich ihr ihren Willen gelassen habe. Das tue ihr gut, sie ist allein und hat nicht mehr viel außer der Arbeit auf dem Feld.

Sag ich doch: Wir haben beide gewonnen.

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