Jul
02

Kernlos

Traubenfarmer im Sommer muss ein lauer Job sein: Man wartet, bis die Dinger reif sind, und dann wird geerntet. So dachte ich noch, als ich das erste Mal in Enzan gearbeitet habe. Stimmt aber nicht. Japanische Tafeltrauben brauchen beim Wachsen mehr Aufmerksamkeit als jedes Ritalin-Kind. Jeden Tag sind wir acht bis neun Stunden auf den Feldern und in den Gewächshäusern unterwegs, Ogi und Mari sogar mehr. Wir verpassen den kleinen grünen Früchten eine unfassbar aufwändige Luxusbehandlung. Das Ziel: die perfekte Traube. Der japanische Markt fordert Makellosigkeit.

Dafür bekommt zum Beispiel jede einzelne Rebe ein Schirmchen aus Papier aufgesetzt, gegen den Regen. Sonst werden die Trauben krank. Ich kann nur grob schätzen, wie viele Reben auf dem großen Feld wachsen, das wir nun seit Wochen bearbeiten. Es müssen tausende sein. Die Schirmchen sind aber nur der Anfang. Ab nächste Woche werden die Reben auch von unten verpackt, mit extra angelieferten Tütchen. Vorher muss allerdings die wahnsinnigste Aufgabe erledigt sein: Jede Rebe wird von Hand mit einer kleinen Schere zurechtgestutzt, so dass die einzelnen Trauben Platz haben, zu ordentlicher Größe heranzuwachsen. Früchte, die nach oben oder unten wachsen, Mutanten jedweder Art, gelbliche Trauben und sonstige Störenfriede werden abgeschnitten. Und dabei immer auf die Balance achten, gleichmäßig soll es aussehen. Etwa 35 Früchte pro Rebe sind erlaubt, nur dann kann sie sich so entwickeln, dass der zu erzielende Preis am Ende den Aufwand rechtfertigt.

Wer gerade nicht als Frisör unterwegs ist, kann sich bei der Entkernung der Trauben nützlich machen. Kernlos und damit perfekt zu essen werden die Früchte nämlich nicht von alleine, durch ein genetisches Wunder zum Beispiel, sondern ebenfalls durch Handarbeit. Jede Rebe muss in eine knallrote Flüssigkeit namens „Jibe“ getunkt werden. Jibe ist ein Hormoncocktail, der die Entwicklung der Kerne hemmt. Um die Erfindung der Traubentunke scheint es einen Wissenschaftler-Streit zu geben. Das Mittel wurde entweder in den USA oder eben hier in der Präfektur Yamanashi entwickelt. Eine Statue zu Ehren des Jibe- Erfinders in einer Nachbarstadt von Enzan soll im Konflikt wohl für vollendete Tatsachen sorgen.

Meine Erfahrungen mit Jibe belaufen sich auf einen halben Tag Tunken, der aufgrund meines undichten Geräts und meiner Tollpatschigkeit darin resultierte, dass ich knallrot gefärbt war. „Nein, das ist nicht giftig!“, wurde mir auf meine Bedenken hin versichert. Trotzdem befürchte ich seitdem, selber kernlos zu werden, oder eben das menschliche Äquivalent dazu. Noch merke ich allerdings nichts.

Die Trauben, die Ogi zur Weinherstellung anbaut, erweisen sich bisher als etwas pflegeleichter – hier kommt es ja auch nicht so sehr auf das Erscheinungsbild an, sondern auf Aroma und Zuckergehalt. Trotzdem haben Aaron und ich mehrere Tage und über einen Kilometer weißen Draht darauf verwendet, die wuchernden Ranken der Weintrauben auf verschiedenen Feldern hochzubinden, damit die Früchte Sonne und vor allem Frischluft bekommen. Der Anbau von Cabernet Sauvignon und Co im feuchtheißen Klima von Yamanashi ist nämlich laut Aaron nicht gerade risikofrei. Zweifler unken, dass die Früchte vergammeln, bevor sie überhaupt reif werden können. Der Klimawandel verschärft die Lage noch zusätzlich. Ogi ist allerdings wild entschlossen, europäische Spitzentrauben in Enzan zu produzieren – mit ungewissem Ausgang.

Neben der drohenden Kernlosigkeit lauern auf den Feldern noch andere Gefahren. Meine Beine präsentierten sich nach der Arbeit so, wie Guido Westerwelles Gesicht in seiner Jugend ausgesehen haben muss: alles voll mit juckenden Ekzemen. Normale Mücken kamen für die Attacke jedoch nicht in Frage: Über Nacht schwollen die betroffenen Stellen dick an. Mein rechtes unteres Schienbein und das linke Knie waren am stärksten betroffen. Kurzfristig sah es aus, als hätte man mit heimlich das Knie eines fettleibigen Menschen an den Körper geschummelt, und wenn ich es anstupste, wackelte es wie Pudding. Das Schienbein wurde komplett dick und tat nach acht Stunden Stehen und Gehen auf dem Feld richtig weh. Jetzt weiß ich schon mit 26, wie es ist, im Alter Wasser in den Beinen zu haben, eine wertvolle Erfahrung. Zufällig habe ich die Verursacher der Schwellungen in flagranti erwischt: Kleine Fliegen machten sich an meinen Beinen zu schaffen. Offenbar stechen die Monster nicht einfach zu, sondern fressen einem die Haut von den Knochen. Seit dieser beunruhigenden Entdeckung trage ich bei der Arbeit lange Hosen und Stiefel, trotz der Hitze.

2 Comments

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  • Rolf Said:

    „Kernlos und damit perfekt zu essen werden die Früchte nämlich nicht von alleine, durch ein genetisches Wunder zum Beispiel, sondern ebenfalls durch Handarbeit. Jede Rebe muss in eine knallrote Flüssigkeit namens ‚Jibe‘ getunkt werden. Jibe ist ein Hormoncocktail, der die Entwicklung der Kerne hemmt.“

    Gewissenskonflikt: Wem soll ich glauben, dem Hanno oder der Zeit? Die schreibt nämlich, dass die Trauben sehr wohl durch Züchtung (aka „genetisches Wunder“) kernlos sind – und die Hormonpaste einen anderen Zweck erfüllt:

    http://www.zeit.de/2003/50/Stimmts_kernlose_Weintrauben

    Grüße,

    R.

  • bloginjapan Said:

    Ehrlich gesagt glaube ich es selber nicht. Tunken wirklich alle traubenbauern ihre Trauben in Jibe? Wohl kaum. Anderswo verpackt ja auch keiner alle Fruechte in Papiertueten. Deine Zweifel sind also berechtigt!

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