Aug
03

Tradition

Betrunkene Halbstarke, große illuminierte Wagen, Fast-Food, Shamisen-Klänge aus antiquierten Lautsprechern: Es ist Festival-Zeit. Bisher habe ich mir japanische Feierlichkeiten weitgehend entgehen lassen. Ich gehe ja auch nicht zum Karneval in Braunschweig oder zum Ernte-Dank-Fest in Bochum-Stiepel, warum also begeistert zu den fernöstlichen Äquivalenten rennen? Das Festival im Nachbardorf wollten wir dann aber doch sehen.

Zu fünft geht es über einen Berg ins nächste Tal. Ein Shinto-Schrein dient dort als Kulisse für eine Art Parade von schweren, hölzernen Wagen, behängt mit kunstvollen Papierlaternen. Flötende und trommelnde Kinder sitzen oben, die ältere Dorfjugend zerrt die Gefährte durch die Straßen zum Schrein. Dabei knipsen sich die Jungs die Birne komplett mit Sake aus, ausnahmsweise ist das mal erlaubt, ganz wie bei einer ordentlichen deutschen Konfirmationsfeier. In der Abenddämmerung sind die leuchtenden Wagen ein schöner Anblick. Am Schrein angekommen, gibt jede Gruppe mit ihrem Wagen eine kleine Kür zum Besten, sie drehen die tonnenschweren Gefährte um die eigene Achse, hieven sie auf und ab, wiederholen mit alkoholschwerer Zunge die Schlachtrufe des Zugführers. Auf dem Platz um den Schrein wuselt die Dorfbevölkerung herum, teils in Kimonos, teils in Bermuda-Shorts. Wir sind die Attraktion des Abends. Eine uralte Frau nähert sich meiner tätowierten Mitbewohnerin Jen. Tolle Tattoos habe sie da, sagt die Alte, dann zieht sie unvermittelt ihr Oberteil hoch und präsentiert ihre eigene Körperkunst. Sie ist über und über tätowiert, der gesamte Oberkörper und wahrscheinlich noch viel mehr – jedenfalls greift die Oma Jen plötzlich in den Schritt und fragt: „Da auch?“ Jen verneint erschrocken. „Warum nicht!?“, ruft die greise Gangsterbraut. Wir gehen an einen anderen Stand.

Bald hat uns eine Gruppe Kinder entdeckt und fragt uns aus. „Übe Englisch“, wispert eine Mutter im Vorbeigehen, und die Kleinen geben ihr Bestes. Wir sind nicht nur eine Gruppe Fremder auf einem kleinen traditionellen Dorffest. Wir haben auch noch Faye dabei. Faye ist eine gute Freundin der Frau unseres Gastgebers und gerade für einen Monat zu Besuch in Japan. Sie kommt, wie sie sehr gerne betont, aus North Carolina, in den „States“. Und Faye ist eine Naturgewalt, unfassbar amerikanisch, überschwänglich, distanzlos, jedermanns beste Freundin nach zwei Sekunden. Ihr Beruf setzt dem Ganzen die Krone auf: Faye spielt Fiddle in einer Bluegrass-Combo in den Apalachen – ein echter Country-Star! Dementsprechend steckt sie auf dem Festival in Minirock und Cowboy-Stiefeln, 180 Zentimeter Bible-Belt in der japanischen Provinz. Sie filmt und fotografiert alles und jeden und erzählt arglosen Passanten in breitem Südstaaten-Amerikanisch von North Carolina, ob die Leute das nun verstehen oder nicht.

Selbst für uns ist Faye nach wie vor eine Attraktion. Wir trafen sie das erste Mal vor zwei Wochen, bei einem Ausflug an einen Fluss. Dass sie mit Leib und Seele Musikerin ist, bewies sie dort eindrucksvoll: Ansatzlos zückte sie die Fiddle, setzte sich halbnackt auf einen Fels über dem Wasser und spielte ihre Bluegrass-Melodien, was für ein Anblick, eine Südstaaten-Ikone in Japan. Wenn Faye nicht geigt, gibt sie Stories über ihr Leben zum Besten, definitiv unterhaltsam, unfreiwillig komisch.

Auf dem Festival hat sie ihre Geige nicht dabei. Dafür spielen einige Dorfbewohner traditionelle Musik. Noch vor einigen Jahren stand der Fortbestand der Veranstaltung auf der Kippe, da dem Fest die Nachwuchs fehlte, um die Wagen zu ziehen und die Musik darzubieten, erzählt uns ein Mann. Der Nachwuchs ist nun da – bei der Qualität mussten aber wohl einige Abstriche gemacht werden: Aus dem Schrein und durch die Boxen schallt schrille Katzenmusik, grob zusammengehalten von einem hoffnungslos überqualifizierten Trommel-Meister, der den Männern und Frauen an der japanischen Geige und der Shamisen elegant und unbeirrt den Takt vorgibt.

Über die Hintergründe des Festivals kann ich wenig in Erfahrung bringen, obwohl ich es redlich versuche. „Was feiern wir hier?“, frage ich einen Besucher. Die Antwort ist wenig erhellend: „Das Fest fand früher im Juni statt, aber nun ist es Ende Juli.“ Aha. „Was hat es mit den Wagen auf sich?“, frage ich daraufhin eine andere Frau. „Das ist alte japanische Tradition“, lautet die Antwort, und wir wissen immer noch nichts. Offenbar hält sie mich für unfähig, die Hintergründe des Festivals auf japanisch zu verstehen, und vielleicht hat sie damit ja auch nicht ganz unrecht. Als wir wenig später uninformiert nach Hause radeln, sind wir uns trotzdem einig, dass das ein schöner Abend war.

Keine Kommentare

Schreibe ein Kommentar

Keine Kommentare.

Kommentare RSS Feed   TrackBack URL

Hinterlasse ein Kommentar


Oben