Aug
03

Tradition

Betrunkene Halbstarke, große illuminierte Wagen, Fast-Food, Shamisen-Klänge aus antiquierten Lautsprechern: Es ist Festival-Zeit. Bisher habe ich mir japanische Feierlichkeiten weitgehend entgehen lassen. Ich gehe ja auch nicht zum Karneval in Braunschweig oder zum Ernte-Dank-Fest in Bochum-Stiepel, warum also begeistert zu den fernöstlichen Äquivalenten rennen? Das Festival im Nachbardorf wollten wir dann aber doch sehen.

Zu fünft geht es über einen Berg ins nächste Tal. Ein Shinto-Schrein dient dort als Kulisse für eine Art Parade von schweren, hölzernen Wagen, behängt mit kunstvollen Papierlaternen. Flötende und trommelnde Kinder sitzen oben, die ältere Dorfjugend zerrt die Gefährte durch die Straßen zum Schrein. Dabei knipsen sich die Jungs die Birne komplett mit Sake aus, ausnahmsweise ist das mal erlaubt, ganz wie bei einer ordentlichen deutschen Konfirmationsfeier. In der Abenddämmerung sind die leuchtenden Wagen ein schöner Anblick. Am Schrein angekommen, gibt jede Gruppe mit ihrem Wagen eine kleine Kür zum Besten, sie drehen die tonnenschweren Gefährte um die eigene Achse, hieven sie auf und ab, wiederholen mit alkoholschwerer Zunge die Schlachtrufe des Zugführers. Auf dem Platz um den Schrein wuselt die Dorfbevölkerung herum, teils in Kimonos, teils in Bermuda-Shorts. Wir sind die Attraktion des Abends. Eine uralte Frau nähert sich meiner tätowierten Mitbewohnerin Jen. Tolle Tattoos habe sie da, sagt die Alte, dann zieht sie unvermittelt ihr Oberteil hoch und präsentiert ihre eigene Körperkunst. Sie ist über und über tätowiert, der gesamte Oberkörper und wahrscheinlich noch viel mehr – jedenfalls greift die Oma Jen plötzlich in den Schritt und fragt: „Da auch?“ Jen verneint erschrocken. „Warum nicht!?“, ruft die greise Gangsterbraut. Wir gehen an einen anderen Stand.

Bald hat uns eine Gruppe Kinder entdeckt und fragt uns aus. „Übe Englisch“, wispert eine Mutter im Vorbeigehen, und die Kleinen geben ihr Bestes. Wir sind nicht nur eine Gruppe Fremder auf einem kleinen traditionellen Dorffest. Wir haben auch noch Faye dabei. Faye ist eine gute Freundin der Frau unseres Gastgebers und gerade für einen Monat zu Besuch in Japan. Sie kommt, wie sie sehr gerne betont, aus North Carolina, in den „States“. Und Faye ist eine Naturgewalt, unfassbar amerikanisch, überschwänglich, distanzlos, jedermanns beste Freundin nach zwei Sekunden. Ihr Beruf setzt dem Ganzen die Krone auf: Faye spielt Fiddle in einer Bluegrass-Combo in den Apalachen – ein echter Country-Star! Dementsprechend steckt sie auf dem Festival in Minirock und Cowboy-Stiefeln, 180 Zentimeter Bible-Belt in der japanischen Provinz. Sie filmt und fotografiert alles und jeden und erzählt arglosen Passanten in breitem Südstaaten-Amerikanisch von North Carolina, ob die Leute das nun verstehen oder nicht.

Selbst für uns ist Faye nach wie vor eine Attraktion. Wir trafen sie das erste Mal vor zwei Wochen, bei einem Ausflug an einen Fluss. Dass sie mit Leib und Seele Musikerin ist, bewies sie dort eindrucksvoll: Ansatzlos zückte sie die Fiddle, setzte sich halbnackt auf einen Fels über dem Wasser und spielte ihre Bluegrass-Melodien, was für ein Anblick, eine Südstaaten-Ikone in Japan. Wenn Faye nicht geigt, gibt sie Stories über ihr Leben zum Besten, definitiv unterhaltsam, unfreiwillig komisch.

Auf dem Festival hat sie ihre Geige nicht dabei. Dafür spielen einige Dorfbewohner traditionelle Musik. Noch vor einigen Jahren stand der Fortbestand der Veranstaltung auf der Kippe, da dem Fest die Nachwuchs fehlte, um die Wagen zu ziehen und die Musik darzubieten, erzählt uns ein Mann. Der Nachwuchs ist nun da – bei der Qualität mussten aber wohl einige Abstriche gemacht werden: Aus dem Schrein und durch die Boxen schallt schrille Katzenmusik, grob zusammengehalten von einem hoffnungslos überqualifizierten Trommel-Meister, der den Männern und Frauen an der japanischen Geige und der Shamisen elegant und unbeirrt den Takt vorgibt.

Über die Hintergründe des Festivals kann ich wenig in Erfahrung bringen, obwohl ich es redlich versuche. „Was feiern wir hier?“, frage ich einen Besucher. Die Antwort ist wenig erhellend: „Das Fest fand früher im Juni statt, aber nun ist es Ende Juli.“ Aha. „Was hat es mit den Wagen auf sich?“, frage ich daraufhin eine andere Frau. „Das ist alte japanische Tradition“, lautet die Antwort, und wir wissen immer noch nichts. Offenbar hält sie mich für unfähig, die Hintergründe des Festivals auf japanisch zu verstehen, und vielleicht hat sie damit ja auch nicht ganz unrecht. Als wir wenig später uninformiert nach Hause radeln, sind wir uns trotzdem einig, dass das ein schöner Abend war.


Jul
21

Big Brother

In meiner ersten WG ging es nicht gerade zivilisiert zu. Wir hatten viel Spaß an unserer eigenen Unordentlichkeit, und manchmal haben wir in der Wohnküche mit alten Pizzakartons und rundlichem Abfall verschiedenster Art ein Spiel gespielt, das wir „Mülltennis“ nannten. Aber wir hatten eine funktionierende Klospülung und einen Elektroherd. In meiner momentanen Bleibe in Sasayama gibt es derlei Luxus nicht. Gekocht wird über Holzfeuer, unser Plumpsklo wird mit einer improvisierten Wasserspritze gereinigt, die Waschmaschine hat keinen Deckel und ist nur zum Teil automatisiert. Eine stets wechselnde Besetzung von etwa 15 jungen Leuten aus aller Welt lebt in einem alten, notdürftig renovierten Haus, das immer und zu allen Seiten offen ist. In der Küche nisten Schwalben.

Unser Gastgeber heißt Gen, ist Ende Zwanzig und leitet ein ambitioniertes Projekt: Um der drohenden Vergreisung der Landwirtschaft in Sasayama entgegenzuwirken, hat er eine Art WWOOFer-Kommune gegründet. Wir, die Bewohner des Hauses, schwärmen tagsüber aus, um den alten Farmern bei der Arbeit zu helfen, die sie alleine nicht mehr bewältigen können. „Nô En“ – Landwirtschaftliche Hilfe – nennt er seine Idee. Für unsere Arbeit erhalten wir Lebensmittel, meist frisches Gemüse, um uns zu ernähren. Das Leben im Haus ist einfach, manchmal primitiv, aber dadurch stets unterhaltsam. Im Idealfall soll die Kommune autark funktionieren. Was fehlt, wird und von Gen zur Verfügung gestellt.

An meinem zweiten Tag fehlt offenbar Fleisch. Jedenfalls hängt in der Garage plötzlich ein toter Hirsch von der Decke. Aiden aus Australien ist gerade mit ganzer Kraft dabei, die Organe zu entfernen, als ich dazukomme. Aiden hat einen Körper wie ein Bär – ein martialischer Anblick, ich bin gefesselt und schaue zu. So ein Hirsch hat eine Menge Organe, die in einer blutigen Prozedur nach und nach in einen großen Eimer plumpsen. Den Hirsch habe ein Freund gefunden, erklärt Gen beiläufig, während er mit Aiden daran geht, das Tier mehr oder weniger fachgerecht zu zerteilen. Später beteilige ich mich am Schlachten, indem ich kiloweise Fleisch durch einen manuellen Wolf drehe, eine anstrengende Arbeit. Normalerweise bin ich nicht mal scharf drauf, das Putenfilet aus dem Supermarkt anzufassen. „Man gewöhnt sich an alles“, denke ich, während das Fleisch geräuschvoll aus der Mangel quillt und in einen Eimer fällt. Am Abend wird gegrillt.

Der Alltag im Haus und im Dorf lebt von seinem archaischen Big-Brother-Feeling. Wir sind ein zusammengewürfelter internationaler Haufen, dessen Besetzung mehrmals wöchentlich wechselt – organisiert von den wenigen Fixpunkten, die sich auf lange Zeit dem Projekt verschrieben haben. Privatsphäre gibt es nicht. Im Zimmer über mir vögelt sich ein australisch-französisches Pärchen allabendlich durch seine Kommunen-Affäre. Lediglich vom Zeitpunkt der Anreise hängt es ab, ob man sich einen winzigen Raum mit einem wildfremden WWOOFer teilen muss (wie ich) oder das Privileg besitzt, alleine zu schlafen. Jeder Tag ist ein abwechslungsreiches soziales Minenfeld. Es wird zusammen gelacht, gekocht, gegessen, abgewaschen. Weil sich die Gruppe ständig verändert, herrscht ein ständiger Druck, auf neue Mitbewohner einzugehen, Freundschaften zu schließen oder zumindest aufgeschlossen zu bleiben. Unter der Oberfläche herrscht ein undurchschaubares Chaos aus potenziellen Konflikten, Sympathie, Antipathie und sozialer Positionierung. Jeder beobachtet jeden, schätzt ab, wo sie oder er in der Gruppe steht, wer mit wem und wer was macht.

Kameras gibt es keine – beobachtet werden wir aber trotzdem, rund um die Uhr. Unser Haus steht in einem winzigen Dorf im ländlichen Japan. Gens Projekt ist in den Augen der Bevölkerung kompletter Wahnsinn. Niemand würde hier sein Haus an einen Ausländer verkaufen, vielleicht nicht mal an einen ortsfremden Japaner. Gen jedoch stellt ein ganzes Haus einer Gruppe von jungen Menschen aus aller Welt zur Verfügung – und zwar kostenlos. Jeder Schritt des exotischen Haufens wird im Dorf kritisch, bisweilen hochgradig misstrauisch beäugt. Das Vertrauen der Farmer ist allerdings für das Projekt existenziell wichtig. Wir sind daher angehalten, stets freundlich zu grüßen und uns gefälligst zu benehmen. Unsere Arbeit für die Farmer ist jedes Mal auch ein Test für die Funktionsfähigkeit des Projektes. Recht machen kann man es den alten Bauern kaum – aber immerhin erledigen wir die Arbeit, für die sie eine Woche und mehr brauchen würden, in einem Vormittag, wenn wir mit bis zu zehn Leuten auf ihren Feldern auftauchen. Und die Bauern wissen das zu schätzen, versichert uns Gen.

Unsere Einsatzgebiete erreichen wir zumeist per Fahrrad. Auch auf diesen Fahrten fallen wir selbstverständlich auf. Eines Abends kommt uns Gen besuchen: „Wer ist heute bei Rot über die Ampel gefahren?“, fragt er gut gelaunt. Mehrere potenzielle Verkehrssünder drucksen betreten herum. Ein Polizist habe ihn angerufen und ihm gesagt, er solle seine Ausländer daran erinnern, sich an die Regeln zu halten, berichtet Gen. Was auch immer wir tun wird registriert, ob wir es merken oder nicht, das schärft er uns immer wieder ein. Mit der Polizei hat er allerdings ansonsten ein gutes Verhältnis. Der Hirsch aus der Vorwoche wurde selbstverständlich nicht legal erlegt. Es war jedoch ein Polizist, der Gen dabei half, das tote Tier zum Haus zu bringen. Man kennt sich eben.


Jul
10

Clash of Generations

Auf dem Feld tobt ein Machtkampf. Oma versus Hanno, Japan versus Westen, alt versus jung. Es geht um die richtige Art, die Trauben zu schneiden, und um Ehre und Respekt. Bisher haben wir beide gewonnen.

Ogiharas Mutter ist 76. Sie schnauft bei jedem Schritt, ist nur noch 141 Zentimeter groß und steckt voller Altersstarrsinn. Nichts kann sie davon abhalten, jeden Tag auf dem Feld zu helfen. Im Frühling habe ich „Obâchan“ nur indirekt kennengelernt: Immer wenn Ogi am Telefon unverständliche Laute fluchte und das Handy nach dem Auflegen wütend in die Gegend warf, war seine Mutter dran. Dieses Mal arbeite ich selbst mit der Ursache seiner Wut zusammen.

Der Konflikt zwischen mir und Obâchan bricht aus, als ich eines Tages an einigen Reben herumschnippele, die bereits bearbeitet wurden. Ogi hat mir gezeigt, wie eine fertige Rebe auszusehen hat, und ich bin der Meinung, dass die Trauben noch ein paar Korrekturen benötigen – es sind zu viele. Kaum mache ich mich ans Werk, schlurft Ogis Mutter heran und schleppt mich aufgeregt plappernd zu einer anderen Pflanze. Ihr Dialekt ist für mich kaum zu verstehen. „Dann eben nicht“, denke ich, nicht ahnend, was ich gerade losgetreten habe, und schneide woanders weiter. Auf dem Rückweg erklärt mir Mari-san dann, dass Obâchan sehr wütend auf mich ist. Die Reben, die ich korrigieren wollte, waren nur wenige Minuten zuvor von Ogis Mutter beschnitten und für perfekt erklärt worden. Tausend Mal habe Ogi versucht, seiner Mutter einzuschärfen, dass sie mehr Trauben abschneiden solle, sagt Mari. Ich hätte also eigentlich nichts falsch gemacht. In Obâchans Augen bin ich allerdings nun der unverschämteste Bengel, der ihr je untergekommen ist. Ihr Misstrauen gegenüber mir ist vollkommen. Ein dahergelaufener Westler besitzt die Stirn, ihre perfekten Reben zu kontrollieren, gar zu korrigieren! Dabei hat der doch keine Ahnung! Und ich mache in den kommenden Tagen alles noch schlimmer. Von Ogi und Mari darin bestätigt, dass meine Schneide-Technik richtig ist, schnippele ich mich durch das Feld. Regelmäßig begegne ich dabei der Alten, die meine Aktivitäten grummelnd zur Kenntnis nimmt und sich in den Pausen bei Mari-san und – entsprechend lauter – bei dem schwerhörigen Nakagawa-san beschwert. Dann geht es daran, die Trauben in Tüten zu verpacken – letzte Chance für eventuelle Korrekturen.

Ich arbeite mittlerweile mit zwei jungen Amerikanerinnen zusammen, ich schneide, sie packen. Ein Albtraum für die vom Misstrauen inzwischen ganz aufgewühlte Oma, die mehr und mehr dazu übergeht, in unmittelbarer Nähe von uns mit irgendwas zu hantieren, nur um uns zu überwachen. Sobald ich die Schere zücke, fühle ich ihre Blicke auf mir, wenn ich schneide, schnauft sie bald heran und unterbricht mich. Es ist ein Dilemma: Über die richtige Form der Reben mag es ja noch verschiedene Auffassungen geben – faulende oder kaputte Trauben muss ich aber auf jeden Fall entfernen, bevor die Tüten angebracht werden, sonst ist die ganze Rebe verloren. Also schneide ich weiter, fühle mich im Recht, und Obâchan kocht.

Ganz langsam wird mit dabei klar, wie sehr ich mit meinem Verhalten gegen die Etikette verstoße, die für die alte Weinbäuerin selbstverständlich sind: Sie hat jahrzehntelange Erfahrung. Ich habe schlicht nicht das Recht, sie zu korrigieren, unhöflicher geht es eigentlich kaum. Am nächsten Morgen steigt Obâchan ins Auto und fängt noch in der Tür an, sich über uns zu beschweren. Offenbar hat sie in ihrer Wut vergessen, dass ich doch zumindest verstehe, worum es gerade geht. Mari-san beruhigt sie und erklärt, dass wir nur kranke Trauben entfernen. Obâchan glaubt ihr kein Wort. Auf dem Feld angekommen, folgt sie uns auf Schritt und Tritt. Mir reicht es. Ich entscheide, den Perfektionismus sausen zu lassen und der sturen Alten zu geben, was sie will – egal, ob die Reben zu voll sind. Dann hält sie uns eben für blöd, na und? Manchmal entfernen wir heimlich eine kranke Traube. Den Rest des Tages schnauft Obâchan vor uns her, schneidet die Reben in ihrem Sinn und kommandiert uns herum, wo und wie die Tüten angebracht werden sollen. Ich sage wörtlich: „Heute schneide ich nichts.“ Und Obâchan ist glücklich. In bester Laune kriecht sie durch die Reben, während ich meinen Stolz und meine Arbeitsideale herunterschlucken muss: Kann es sein, dass es besser ist, der Alten ihren Willen zu lassen, als die Arbeit so gut und effektiv wie möglich zu machen? Respekt vor der Seniorität versus besseres Wissen – ist das jetzt so ein klassischer Japan-Westen-Konflikt? Oder ist die Alte einfach nicht ganz richtig im Kopf? „Die Alte ist doch nicht ganz richtig im Kopf!“, flucht Ogi, als ich abends von der Arbeit erzähle. Mari und er bedanken sich bei mir, dass ich ihr ihren Willen gelassen habe. Das tue ihr gut, sie ist allein und hat nicht mehr viel außer der Arbeit auf dem Feld.

Sag ich doch: Wir haben beide gewonnen.


Jul
02

Kernlos

Traubenfarmer im Sommer muss ein lauer Job sein: Man wartet, bis die Dinger reif sind, und dann wird geerntet. So dachte ich noch, als ich das erste Mal in Enzan gearbeitet habe. Stimmt aber nicht. Japanische Tafeltrauben brauchen beim Wachsen mehr Aufmerksamkeit als jedes Ritalin-Kind. Jeden Tag sind wir acht bis neun Stunden auf den Feldern und in den Gewächshäusern unterwegs, Ogi und Mari sogar mehr. Wir verpassen den kleinen grünen Früchten eine unfassbar aufwändige Luxusbehandlung. Das Ziel: die perfekte Traube. Der japanische Markt fordert Makellosigkeit.

Dafür bekommt zum Beispiel jede einzelne Rebe ein Schirmchen aus Papier aufgesetzt, gegen den Regen. Sonst werden die Trauben krank. Ich kann nur grob schätzen, wie viele Reben auf dem großen Feld wachsen, das wir nun seit Wochen bearbeiten. Es müssen tausende sein. Die Schirmchen sind aber nur der Anfang. Ab nächste Woche werden die Reben auch von unten verpackt, mit extra angelieferten Tütchen. Vorher muss allerdings die wahnsinnigste Aufgabe erledigt sein: Jede Rebe wird von Hand mit einer kleinen Schere zurechtgestutzt, so dass die einzelnen Trauben Platz haben, zu ordentlicher Größe heranzuwachsen. Früchte, die nach oben oder unten wachsen, Mutanten jedweder Art, gelbliche Trauben und sonstige Störenfriede werden abgeschnitten. Und dabei immer auf die Balance achten, gleichmäßig soll es aussehen. Etwa 35 Früchte pro Rebe sind erlaubt, nur dann kann sie sich so entwickeln, dass der zu erzielende Preis am Ende den Aufwand rechtfertigt.

Wer gerade nicht als Frisör unterwegs ist, kann sich bei der Entkernung der Trauben nützlich machen. Kernlos und damit perfekt zu essen werden die Früchte nämlich nicht von alleine, durch ein genetisches Wunder zum Beispiel, sondern ebenfalls durch Handarbeit. Jede Rebe muss in eine knallrote Flüssigkeit namens „Jibe“ getunkt werden. Jibe ist ein Hormoncocktail, der die Entwicklung der Kerne hemmt. Um die Erfindung der Traubentunke scheint es einen Wissenschaftler-Streit zu geben. Das Mittel wurde entweder in den USA oder eben hier in der Präfektur Yamanashi entwickelt. Eine Statue zu Ehren des Jibe- Erfinders in einer Nachbarstadt von Enzan soll im Konflikt wohl für vollendete Tatsachen sorgen.

Meine Erfahrungen mit Jibe belaufen sich auf einen halben Tag Tunken, der aufgrund meines undichten Geräts und meiner Tollpatschigkeit darin resultierte, dass ich knallrot gefärbt war. „Nein, das ist nicht giftig!“, wurde mir auf meine Bedenken hin versichert. Trotzdem befürchte ich seitdem, selber kernlos zu werden, oder eben das menschliche Äquivalent dazu. Noch merke ich allerdings nichts.

Die Trauben, die Ogi zur Weinherstellung anbaut, erweisen sich bisher als etwas pflegeleichter – hier kommt es ja auch nicht so sehr auf das Erscheinungsbild an, sondern auf Aroma und Zuckergehalt. Trotzdem haben Aaron und ich mehrere Tage und über einen Kilometer weißen Draht darauf verwendet, die wuchernden Ranken der Weintrauben auf verschiedenen Feldern hochzubinden, damit die Früchte Sonne und vor allem Frischluft bekommen. Der Anbau von Cabernet Sauvignon und Co im feuchtheißen Klima von Yamanashi ist nämlich laut Aaron nicht gerade risikofrei. Zweifler unken, dass die Früchte vergammeln, bevor sie überhaupt reif werden können. Der Klimawandel verschärft die Lage noch zusätzlich. Ogi ist allerdings wild entschlossen, europäische Spitzentrauben in Enzan zu produzieren – mit ungewissem Ausgang.

Neben der drohenden Kernlosigkeit lauern auf den Feldern noch andere Gefahren. Meine Beine präsentierten sich nach der Arbeit so, wie Guido Westerwelles Gesicht in seiner Jugend ausgesehen haben muss: alles voll mit juckenden Ekzemen. Normale Mücken kamen für die Attacke jedoch nicht in Frage: Über Nacht schwollen die betroffenen Stellen dick an. Mein rechtes unteres Schienbein und das linke Knie waren am stärksten betroffen. Kurzfristig sah es aus, als hätte man mit heimlich das Knie eines fettleibigen Menschen an den Körper geschummelt, und wenn ich es anstupste, wackelte es wie Pudding. Das Schienbein wurde komplett dick und tat nach acht Stunden Stehen und Gehen auf dem Feld richtig weh. Jetzt weiß ich schon mit 26, wie es ist, im Alter Wasser in den Beinen zu haben, eine wertvolle Erfahrung. Zufällig habe ich die Verursacher der Schwellungen in flagranti erwischt: Kleine Fliegen machten sich an meinen Beinen zu schaffen. Offenbar stechen die Monster nicht einfach zu, sondern fressen einem die Haut von den Knochen. Seit dieser beunruhigenden Entdeckung trage ich bei der Arbeit lange Hosen und Stiefel, trotz der Hitze.


Jun
25

Blut

Manchmal lese ich die Eurosport-News, wenn ich Fußball-Ergebnisse wissen will. Und immer wieder bleibe ich auf den Kommentarseiten hängen, ich kann nicht anders, es ist Selbstgeißelung, abstoßend, dramatisch dumm, aber ich lese weiter: jeder Post ein potentieller Polit-Skandal. Das „Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden-Deutschland“ zeigt seine rassistische Fratze, fordert Boatengs Kopf, greift in seinen Tiraden gegen die Vuvuzuelas tief in die xenophobe Mottenkiste und hat es am Ende natürlich wieder gar nicht so gemeint. „Afrika, das heißt für mich Fröhlichkeit, Gesang, Trommeln und Tanz“, schreibt irgendeine Michaela. Igitt. Ich schäme mich zutiefst, wenn ich das lese und rege mich, so sinnlos das ist, ernsthaft auf.

Enzan ist weit weg von Deutschland, weiter weg geht kaum. Ich lebe ein schlichtes und zufriedenes Leben bei Ogi-san, in dem liebenswerten Chaos aus Arbeit, Bier und feuchter Hitze. Nach meiner Rückkehr dauert es nur ein paar Stunden, bevor Ogi einem anderen WWOOFer seine Sicht auf „die Chinesen“ erläutert. Sie hat sich nicht verändert, Mittelfinger inklusive. Aber so wütend wie im Internet werde ich deshalb nicht.Warum eigentlich nicht? Diese Frage stellen Aaron und ich uns eines Nachts im Gespräch. Klar, wir sind letztlich beide abhängig von Ogis Gunst. Aber Ogi ist ja nur ein Beispiel. Jeden Tag wird man in Japan mit Rassismus konfrontiert, persönlich, im Fernsehen, in Erzählungen. Ein Morgenmagazin berichtet zehn Minuten von einem Franzosen, der die japanische Teezeremonie beherrscht. Man ist begeistert. Dass der das kann, obwohl er doch Ausländer ist! Der Chef erzählt von seinen nur mühsam besiegten Hemmungen, den Franzosen einzustellen, und die Frau des Teemeisters sorgt für spitze Überraschungslaute, als sie bekennt, lieber Kaffee als Tee zu trinken. Unglaublich! Das Weltbild, dass dem Programm zu Grunde liegt, ist gleichzeitig zutiefst rassistisch und vollkommen akzeptiert in der japanischen Gesellschaft. Als Japaner oder Japanerin kann man nur geboren werden, alles andere ist eine Sensation.

Überall, wo Schulkinder in Massen auftreten, wird mit dem Finger auf mich gezeigt. Im Touristenort Nara sagen mir bestimmt 150 Kinder hintereinander „Hallo“, um dann kichernd wegzulaufen. Später muss ich Autogramme geben, weil eine Lehrkraft für die Klassenreise eine spezielle Aufgabe aus dem Hut gezaubert hat:  Die Kinder sollen Ausländer anzusprechen und sie bitten, ihre Namen und ihr Heimatland in ein eigens konzipiertes Formblatt einzutragen. Sie rennen los und suchen nach Menschen, die möglichst anders aussehen als sie. Na bravo, Lektion gelernt.

In Tokunoshima spricht mich ein Mann in der Bar an. Er freue sich, einen Deutschen zu treffen, sagt er, und kommt dann ohne Umschweife zum Punkt: Unsere Zusammenarbeit im Krieg war kein Zufall, auch der parallele Aufstieg unserer Länder zu Wirtschaftsnationen nicht. Japaner und Deutsche sind fleißig und bauen die besten Autos. Und woran liegt das? An unserem Blut! Es ist einer der wenigen Momente, in denen es mir zu viel wird. Ich beende das Gespräch vergleichsweise ruppig. Ansonsten jedoch, da sind Aaron und ich uns einig, scheinen nicht nur wir, sondern viele Ausländer in Japan bis zu einem schwer fassbaren Grad bereit, den alltäglichen Rassismus hier zu ignorieren oder zumindest unsere Gegenrede herunterzuschlucken.

Warum das so ist, ist schwer zu sagen. Es liegt sicher auch daran, dass die ständige implizite oder explizite Abgrenzung gegenüber uns „Gaijin“ vor allem im persönlichen Kontakt oft freundlich und positiv geschieht. Es ist zwar anstrengend, aufgrund seiner Haut- und Haarfarbe automatisch zum ahnungslosen Alien abgestempelt zu werden – wenn das japanische Gegenüber sein national-kulturelles Sendungsbewusstsein dann aber mit einer Einladung zum Essen bekräftigen will: aber bitte doch! Und die Legendenbildung um den westlichen Riesenpimmel ist auch nicht so schlimm, eigentlich.

So gut geht es aber nicht immer: Ein Gaijin auf Wohnungssuche hat es nur zu oft sehr schwer, der Zutritt zu einigen Bars ist Ausländern untersagt, das Becken im Onsen leert sich gerne mal ganz schnell, wenn ein blonder Gast ins Wasser steigt, und die Erlangung der Staatsbürgerschaft ist beinahe ein Akt der Unmöglichkeit. Bis vor einigen Jahren mussten sich Neubürger sogar noch einen japanischen Namen geben.

Nicht zuletzt könnte unsere Akzeptanz der japanischen Lust an der eigenen Einzigartigkeit aber auch unserem eigenen Hang zum Rassismus zuzuschreiben sein, fällt Aaron irgendwann ein. Im westlichen Umgang mit Japan und seinen Menschen schwingt oft Arroganz mit. Davon bin ich selbst nicht frei. Zehn Minuten TV, und ich halte alle hier für komplett bescheuert, zum Beispiel. Es ist unser eigener Rassismus, der es uns einfacher macht, den japanischen zu verdauen. Etwa so: Haha, die Japaner mal wieder, von einer korrekten Sicht auf die Menschen haben sie eben keine Ahnung. Kennt man ja, erwartet man in Japan auch eigentlich gar nicht anders, so stolz ist man auf die europäische Aufklärung. Und eine witzige Geschichte über das verrückte Land springt auch immer noch dabei heraus. Man stelle sich vor, ein deutscher Lehrer erteilt die Aufgabe, auf der Straße nach, sagen wir mal, Schwarzen zu suchen, haha, so was Blödes. Wir wissen es eben besser. Oder?


Jun
10

Feuer

Landwirtschaft in Japan geht nicht ohne Feuer. Von der Hobbygärtnerin bis zum Großbauern wird gezündelt, was das Zeug hält. Ständig brennen irgendwo kleine Haufen, manchmal auch ganze Berghänge. Das Noyaki – so heißt der kontrollierte Feldbrand – ist fest verankert in der landwirtschaftlichen Tradition Japans.

Ein zünftiges Noyaki ist in mehrerlei Hinsicht praktisch. Man spart sich zum Beispiel den Weg zum Kompost und dort auch eine Menge Platz. Abgeschnittene Gräser werden einfach liegen gelassen, bis sie trocken sind, um sie dann in einem knisternden Strohfeuer zu verbrennen. In Japans feucht-heißem Sommer ist Gras schneiden ununterbrochen notwendig. Ohne den ständigen Einsatz der knatternden Benzin-Sensen würde das ganze Land innerhalb weniger Wochen im Gras versinken, so scheint es. Es wächst unaufhörlich, wird geschnitten, verbrannt, wächst, brennt, wächst… und wenn es dann mal wieder brennt, ist das gleich eine willkommene Gelegenheit, wahllos anderen Müll mit ins Feuer zu werfen. Je giftiger, desto besser. Ein Noyaki steht unter dem launigen Motto: „Alles kann, nichts muss“. Plastik? Klar! Liegt ja eh überall rum. Textilien, Styropor, warum denn nicht? Wenn es brennt, ist es gut. Wenn nicht, wird nachgeholfen. Absolut unbrennbare Materialien können mit kanisterweise Benzin immerhin angekokelt werden. Ein ordentliches Noyaki ist eben immer auch ein großer Spaß.

Der zweite Vorteil des Feldbrands: Gemeine Schädlinge gehen mit dem toten Material in Flammen auf. Das behaupten jedenfalls die Farmer ganz überzeugt, wenn die Gelegenheit zu einem Noyaki zu verstreichen droht. „Klar müssen wir das jetzt verbrennen, dann sterben nämlich die Insekten“, heißt es dann. Diese Begründung scheint allerdings eher eine über Generationen überlieferte Legende zu sein, die heute als Rechtfertigung dafür herhält, endlich mal wieder ordentlich was abzufackeln. Warum sich nämlich sämtliche zu tilgende Schädlinge in einem kleinen Haufen Heu verbergen sollten, anstatt in der Wiese und den Feldern drumherum ein sattes Leben zu führen, ist schlicht nicht ersichtlich.

Noyaki gibt es nicht nur als Privat-Veranstaltung, sondern auch in groß. Die kahle Hochebene von Mount Aso, hinter der das Regendorf Oguni sein trostloses Dasein fristet, ist nicht natürlich, sondern von Menschenhand verbrannt. Jedes Frühjahr werden auf und um den Riesenvulkan ganze Berghänge angezündet und dadurch kahl gehalten. Bei Noyakis dieser Größenordnung ist das Insektenvernichtungsargument sicherlich mehr wert – vernichtet wird jedenfalls ordentlich. Auf dem Höhepunkt der Brandsaison feiern die Menschen in Aso traditionell ein Feuerfestival, bei dem unter anderem das chinesische Schriftzeichen für Feuer in Übergroße gebaut und verbrannt wird: . Das Fest macht vielleicht deutlich, dass der Feldbrand neben seinen praktischen Vorzügen auch – oder eher: vor allem? – eine große kulturelle Bedeutung hat.

Das Noyaki ist aus der japanischen Landwirtschaft nicht wegzudenken – obwohl die Brände mit erheblichen Risiken einhergehen. Allein in der Gegend um Mount Aso und Oguni sterben jedes Jahr drei oder vier Menschen in den absichtlich gelegten Feuern. Das erzählte mir damals Hiro, ein Freund der Firma TAO Communications, während wir im Auto an kahlen Hängen und schwarzen Baumstümpfen vorbei fuhren. Aber auch in und um Yufuin ist Brandrodung beliebt – und gefährlich.

Ein außer Kontrolle geratenes Noyaki konnte ich dort eines Vormittags selber bewundern. Ein kompletter Hang brannte auf der Rückseite des Yufu-dake lichteloh. Nicht nur die Belegschaft der Country Roads-Herberge starrte fasziniert in die Flammen: Dutzende Schaulustige waren den Feuerwehrautos gefolgt, um das Spektakel zu besichtigen. Auf der riesigen, verrauchten Fläche wuselten einige hilflose Feuerwehrmänner herum, die ihre Löschfahrzeuge nicht ins steile Terrain lenken konnten. In atemberaubender Geschwindigkeit erreichte das Feuer den Waldrand, wo es glücklicherweise von allein erstarb. Der Schaden muss trotzdem erheblich gewesen sein – aber wegen solcher Unglücke hört noch lange keiner auf, den Gasbrenner zu zücken, wenn es irgendwo was zu verbrennen gibt. Auch ich bin an meinem neuen Arbeitsplatz in Kobe begeistert dabei. Wie schnell allerdings so ein kleines Noyaki außer Kontrolle geraten kann, habe ich mir auf Tokunoshima bereits selber bewiesen.

Die Fotos in diesem Artikel stammen von Johannes. Johannes und sein Reisekamerad Julian unterhalten ebenfalls einen Reiseblog mit vielen Fotos: http://www.weltwinkel.org/Nihon Ryouko

Schaut mal rein!


Jun
03

Osaka orthopädisch

Wer auch im Privatleben auf Sit-Com steht, dem sei der Arztbesuch in einer fremden Großstadt empfohlen. In Osaka zum Beispiel, meiner momentanen Station. Man lernt nützliche neue Wörter („Diagnose“ – 診断), medizinische Fachbegriffe („Meniskusruptur“ – 半月版損傷) und erschreckende Ausdrücke („Operation“ – 手術). Auf Sightseeing-Tour in Naras weltberühmten historischen Stätten, mitten zwischen Tempeln, Buddhas und zahmen Hirschen, hat mein Knie den Geist aufgegeben. Also ab in die Klinik, denn das Knie brauche ich nun mal zum Arbeiten.

Am nächsten Tag startet die Operation Heilung mit einem Besuch in der Police-Box vor der Haustür. Die Polizei in Japan hängt größtenteils in diesen Baracken rum und gibt in Ermangelung anderer Aufgaben Auskunft zu Orientierungsfragen. „Mein Knie tut weh, ich bräuchte einen passenden Arzt“, sage ich, und dass ich nicht weit laufen könne. Mit Nachdruck und ohne jeden Zweifel beschreibt mir der Polizist den Weg zu einer Klinik einige hundert Meter entfernt. „Danke“, sage ich noch zuversichtlich, humpele los, und ernte dann in der Praxis doch nur verständnislose Blicke. „Aber das hier ist doch die Innere Medizin.“ Ein paar Straßen weiter sei ein Orthopäde, da solle ich es versuchen. Na gut. Leider erweist sich der empfohlenen Orthopäde als wenig selbstbewusst. Das Knie, was? Na, damit gehen sie lieber ins Krankenhaus. Hier können wir nix machen. Klar, wieso auch? Und wie komme ich da hin? „Tja, ist etwas weiter. Ich rufe Ihnen ein Taxi.“ Das Taxi kommt und chauffiert mich vom Selbstzweifler direkt zu einer großen orthopädischen Heilanstalt. Ich vermute angesichts der Taximassen vorm Eingang eine geheime geschäftliche Absprache zwischen dem orthopädischen Drückeberger, der Klinik und dem Taxiunternehmen. Wieder etwas zuversichtlicher gehe ich in die marmorne Lobby. „Mir tut mein Knie weh“, sage ich am Empfang. Fünf Empfangsdamen reagieren voller Anteilnahme mit Geräuschen, eine ergreift das Wort: „Wir schließen jetzt. Aber es gibt einen Orthopäden ganz hier in der Nähe. Haben Sie ein Fahrrad?“ Das darf doch wohl nicht wahr sein, denke ich, inzwischen vollkommen entnervt. Nein, habe ich nicht. Ich humpele also einen halben Kilometer durch ein fremdes Viertel und darf mich in der vierten Praxis endlich in das vollgestopfte Wartezimmer setzen.

Die Behandlung ist dann zur Abwechslung mal kurz. Meniskus gerissen, vielleicht jedenfalls, „over use“, Operation angeraten. Niedergeschlagen von dieser Diagnose verbringe ich ein ganzes Wochenende in der Wohnung meiner Gastgeberin Aiko, mache mir ziellos Sorgen und langweile mich zu Tode. Vielleicht haben diese zwei Tage das am Ende katastrophale Verhältnis zwischen mir und Aiko besiegelt, wer weiß.

Am Montag bin ich jedenfalls fest entschlossen, mir eine zweite Meinung von einem deutschsprachigen Arzt zu holen, um vernünftig entscheiden zu können, ob und wo ich weiterarbeite. Aiko hat mir den Namen einer Klinik aufgeschrieben, in der angeblich ein Deutschkönner praktiziert. Ich rufe an und verabrede einen Termin. Dazu reichen die Sprachkenntnisse meines Arztes in spe gerade so noch aus. Wenig ermutigend. Nun aber das größere Problem: Wo ist die Praxis? Ich kann die Adresse nicht lesen, nur Zeichen, die ich nicht kenne. Das Internet spuckt mir letztlich das Fragment eines Stadtplans und einen Bahnhof aus – auf halbem Weg nach Kobe! Die Klinik sei in der Nähe von ihrer Wohnung, meinte Aiko doch. Aber was heißt schon „in der Nähe“ in einer Metropolregion mit 20 Millionen Einwohnern? Ich pilgere also los, erst die Röntgenbilder aus der anderen Klinik holen, dann stundenlang mit dem Zug durch das Häusermeer, dann durch die Gassen des Viertels im Irgendwo. Gefunden!

„Hallo, ich habe angerufen, ich habe einen Termin“, sage ich am Empfang. Alles klar, fünf Minuten warten. „Sie können also Deutsch?“, frage ich den Arzt, nochmal zur Sicherheit „Nein. Wieso?“, ist die Antwort. „Englisch?“ „Kaum. Was tut denn weh?“ Resigniert reiche ich ihm die Röntgenbilder. Der ganze Weg umsonst. Den Meniskus könne man darauf ja gar nicht sehen, findet mein neuer Arzt. Wie komme der Kollege denn zu seiner Diagnose? Eine Operation sei jetzt jedenfalls erst mal nicht nötig.

Gleichermaßen erleichtert und entnervt humpele ich aus der Praxis und fahre zur Entspannung in „mein“ Café in Osaka, dessen Besitzerin vor zwei Monaten so außerordentlich hilfsbereit war. Dort klärt sich dann alles auf. Es gibt nämlich im Bereich Osaka zwei Orthopädien mit dem gleichen Namen. Die mit dem deutschsprachigen Arzt wäre zehn Fahrradminuten von Aikos Wohnung entfernt gewesen. Dort sitzt ein germanophiler Arzt und wartet vielleicht noch immer auf mich. Nur: Eine Internetseite haben die wohl leider nicht. Warum die Empfangsdamen in der falschen Klinik weder widersprechen noch nachfragen, wenn ein Wildfremder hereinschneit, einen nicht existenten Termin einfordert und nach „dem Arzt, der deutsch kann“ fragt, ist mir indes nach wie vor ein Rätsel. Ich lasse das Gelächter der Café-Chefin und der restlichen Belegschaft über mich ergehen und erkläre das Kapitel „Arztbesuch“ vorerst für beendet. Die Chancen stehen immerhin 50/50, dass die zweite, optimistischere Einschätzung stimmt. Ab morgen, auf einem Feld in Kobe, wird sich das vielleicht zeigen.


Mai
20

Uniformen

Foto: wikipedia.org

Sie sind überall, wie blau-weiße Ameisen: Strömen die Treppen zum Peace-Park herauf und herunter, umschwärmen die Statue, formieren sich für Fotos, folgen den Anweisungen, die verzerrt aus den Megaphonen der Aufsichtspersonen plärren, reißen mich mit. Eigentlich wollte ich mir den Ort des Atombombenabwurfs auf Nagasaki ansehen – das Hyperzentrum, den Park, der dort heute an die Katastrophe erinnert, die gigantische metallene Staue. Das ist Pflichtprogramm für Nagasaki-Reisende. Es ist aber auch Pflichtprogramm für japanische Schulklassen. Abertausende uniformierte Schülerinnen und Schüler bieten an der Stätte des nationalen Traumas vom 9. August 1945 ein Schauspiel, das die eigentlichen Sehenswürdigkeiten verblassen lässt.

Der große Platz vor der monumentalen Statue ist ein wogendes Meer aus dunkelhaarigen Schöpfen, Faltenröcken, Anzughosen und weißen Hemden. Die einzelnen Herden sind für mich kaum zu unterscheiden. Sie folgen aber jeweils geschlossen einer fahnentragenden Fremdenführerin, die an ein paar Stationen Erklärungen gibt. An eigens aufgestellten Bänken werden schichtweise Fotos für das Jahrbuch geschossen, immer etwa 150 Schülerinnen und Schüler auf einmal, eine Schule nach der nächsten. Ebenso gut organisiert ist die Andacht. Auf Kommando eines megaphonierten Lehrers senken sich jeweils hunderte Häupter zum Gebet für die Opfer des Atombombenabwurfs, bis ein weiteres Megaphon-Kommando das Gedenk-Ende bestimmt. Vorher ausgewählte Schüler treten dann vor, um im Namen der Schule eine buntes Band am Schrein neben der Statue zu hinterlassen. In Zweierreihen geht es weiter, Richtung Museum, während sich die nächste Gruppe bereits zur Andacht formiert.
Allein in dieser uniformierten Menschenmasse bin ich ein 1,85 Meter großer Fremdkörper. Tausende Augenpaaren folgen mir, mal verstohlen, mal unverhohlen neugierig. Wenn ich jetzt plötzlich ausraste, wild um mich schlage und brülle, könnte ich vielleicht eine Stampede auslösen, die die Stadt abermals in Schutt und Asche legt, denke ich mir gehässig, gehe dann aber lieber auch ins Museum. Auf dem Weg dahin lande ich aus Versehen in der Tiefgarage des Parks, wo ich auf ein  beeindruckendes Heer von Reisebussen stoße, das darauf wartet, die Schulklassen wieder in ihre Heimatprovinzen zu fahren.


Am selben Abend mache ich Bekanntschaft mit Tan Tran. Tan ist Australier mit vietnamesischen Wurzeln und reist momentan durch Japan. Wir verabreden uns dazu, in ein paar Tagen den Mount Yufu zu erklimmen. Yufudake ist 1584 Meter hoch und erhebt sich mit seinen Zwillingsgipfeln genau hinter der Country Roads-Herberge. Damit ist er der mit Abstand höchste Berg, den ich je bestiegen habe. Auf etwa 1200 Metern Höhe erreichen wir die Wolken und laufen von nun an durch eine stürmische, nasskalte weiße Suppe. Hinter einer Wegbiegung taucht plötzlich ein Soldat in voller Uniform aus dem Nebel auf. Einigermaßen überrascht sagen wir höflich „Hallo“ und erhalten als Antwort einen militärischen Gruß. Die Aufgabe des einsamen Soldaten war es offenbar, den Weg auszukundschaften. Nach und nach begegnen wir nämlich jetzt einem ganzen Haufen Soldaten, zwei haben eine Trage dabei, alle machen uns dienstbar Platz und sagen hintereinander „Guten Tag“, jeder einzeln. Als wären wir Staatsmänner, die eine Parade abnehmen.

Ich kann mir das Lachen nur schwer verkneifen. 20 Uniformierte auf einem feucht-nebligen Touristenberg, die auf ihrem „Einsatz“ alle paar Meter den Hobbykletterern im Weg stehen – das ist einfach albern. Die Kommiss-Brüder kommen offenbar aus der Kaserne der japanische Armee in Yufuin. Weil die japanische Verfassung im berühmten Friedensartikel 9 die Aufstellung von Land- See- und Luftstreitkräften untersagt, heißt das Heer hierzulande Jieitai, also „Selbstverteidigungsstreitkräfte“.

In Sachen Militärbudget ist man zuverlässig in den Top Ten, 2005 sogar noch in den Top Five der Welt. Japan hat mehr als 200.000 Männer und Frauen unter Waffen – zu  Land, zu Luft und zu See. Seit Jahren schwelt eine Debatte, diesen verfassungsrechtlich eigentlich unerträglichen Zustand durch eine Revision zu beseitigen – bisher ergebnislos. So richtig für voll nehmen können viele Japaner und Japanerinnen ihre Jieitai denn auch nicht. Auf Tokunoshima beharrte Noriko mir gegenüber felsenfest darauf, dass Nippon gar keine Armee habe. Und Ryô war sich im Gespräch mit einem Gast nicht mehr ganz so sicher, wie das Heer heißt, das ihn beschützen soll. Er sprach deshalb konsequent von „Soft Defense Forces“, schließlich lautet die englische Abkürzung ja auch SDF. Ein beredter Fehler, irgendwie.


Mai
09

Sex

Der abgewetzte rote Drehstuhl in downtown Beppu gehört zu den seltsamsten Orten, an denen ich je ein Bier getrunken habe. Im Gebäude hinter mir schütteln kichernde Prostituierte ihre Futons aus. Sie tragen Jogginganzüge und unterhalten sich von Fenster zu Fenster. In der Wohnung, die genau über meinem roten Stuhl liegt, versuchen mehrere leichte Mädchen und ihr ältlicher Zuhälter ebenfalls kichernd herauszufinden, ob ich als Kunde in Frage komme. Die Sonne geht gerade unter. Vor mir liegen drei lange Stunden, in denen ich auf Ken warten muss, mein Kollege aus der Herberge. Ich trinke aus, kaufe mir ein paar neue Bierdosen und gehe zum Meer.

Ken ist 23. Heute lässt er sich in Beppu entjungfern. Unser Zwei-Tages-Ausflug in die Hafenstadt ist die finale Phase eines Planes, den er sich mit akribischer Gründlichkeit zurechtgelegt hat. Während wir stundenlang durch die berühmt-berüchtigte Rotlichtmetropole streifen, erfahre ich nach und nach die Details dieses Plans und seine Hintergründe.
Eigentlich ist an Ken nichts auszusetzen: Er ist ein kluger, stiller Junge – klug genug, um an einer renommierten Uni erfolgreich Amerikanistik studiert zu haben. Sein Englisch ist hervorragend. Er ist klein, aber weder fett noch pickelig. Er hat Humor und riecht neutral. In Zukunft will er als Regierungsbeamter die Geschicke seiner hinterwäldlerischen Heimatprovinz zum Besten wenden. Er lebt nicht in einer Computerspiel-Parallelwelt, hört keinen Fantasy-Metal und hat auch ansonsten keines der klassischen Merkmale, die für eine verspätete Defloration sprechen würden. Aber seit der Grundschule hat sich kein Mädchen mehr für ihn interessiert, sagt er. Er erzählt mir die Geschichte seiner sexuellen Erfolglosigkeit mit entwaffnender Offenheit und voller Selbstironie. Es ist ja nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Eher im Gegenteil. Aber nichts an ihm, sagt Ken mit fatalistischem Lachen, ist Jäger. Ken ist unauffällig, schreibt gerne und, das ist wohl das größte Hindernis, denkt viel nach. Und so ist er in langen Grübeleien zu dem Schluss gekommen, dass seine absolut einzige Chance auf Sex der Gang zu einer Prostituierten sei. „Bist du da ganz sicher?“, frage ich ungläubig. „Vollkommen sicher“, lacht Ken. Nicht ganz zufällig führte ihn seine WWOOF-Route also nach Kyûshû, in die Nähe von Beppu. Hier soll es so weit sein, das hat er längst entschieden. 40.000 Yen hat Ken für seine Unternehmung eingeplant, die High Class-Version von käuflicher Entjungferung: 100 Minuten im Sex-Onsen, inklusive Waschen und Wahl der Dame via Menü-Karte. Ken hat tatsächlich einen Notizblock mit handschriftlichen Infos dabei, das Ergebnis seiner gründlichen Recherche. In Beppu gibt es die verschiedensten Spielarten, vom weit verbreiteten, weitgehend keuschen „Snakku“ bis hin zum Hochhaus-Bordell. Das Image der käuflichen Liebe ist gar nicht so schlecht: Im Land der Geishas ist ein Puffgang wesentlich gesellschaftsfähiger als ein Zug am Joint. Das blumige japanische Wort ist baishun: Frühling kaufen.


Was er in Beppu vorhat, hatte mir Ken bereits in Yufuin kurz erzählt. Ich musste unwillkürlich an peinliche Autos mit unangenehmen Gestalten darin denken, die einen vorm Bochumer Rathaus nach dem Weg zum Eierberg fragen, und dass ich die Gesellschaft des durchschnittlichen männlichen Stangenbarbesuchers ansonsten doch um jeden Preis zu vermeiden trachte. Aber weil ich mir die Chance auf Nachtleben und Großstadt nicht nehmen wollte, bin ich dann doch mitgekommen. Im Laufe unserer Suche nach dem geeigneten Laden bin ich dann mehr und mehr froh, Ken Gesellschaft leisten zu können. Die Art, wie er in den tragik-komischsten Situationen seinen Humor, seine Würde und seine Höflichkeit behält, rührt mich. Als wir auf einmal statt im Rotlichtbezirk in einem Wohnviertel stehen, geht Ken kurzerhand auf den nächsten Passanten zu, um ihn nach dem Weg zu fragen. Es ist ein alter Mann, der zwei Chihuahuas Gassi führt. Ich beobachte das höfliche Gespräch der beiden mit etwas Abstand und denke an Techno aus Autoboxen und den Satz „Ey, wo isn hier der Eierberg?!“
Nach stundenlanger Suche haben wir sowohl das Viertel als auch Kens Wahladresse endlich gefunden, und es ist Zeit für mich zu verschwinden. „Ich bin nervös, was soll ich machen?“, fragt Ken zuletzt. Ich habe mir bereits im Kopf eine Rede zurechtgelegt, die ihn davon abhalten soll, jetzt in diesen Club zu gehen, verkneife mir das dann aber zum Glück noch und sage nur: „Keine Ahnung“. Ich kaufe mir ein Bier, setze mich auf den abgewetzten roten Stuhl mitten in Beppus berühmtem Rotlichtbezirk und gebe mich meiner Melancholie hin.


Als ich Ken noch vor der verabredeten Zeit am Bahnhof treffe, bin ich hunderten hübschen, kurzberockten, unkäuflichen Mädchen begegnet. Sex ist in Japan allgegenwärtig. Trotzdem liegt das Land in den einschlägigen „Wer-vögelt-am-meisten“-Untersuchungen immer ganz hinten. Umgeben von einem ständigen Überangebot an nackten Schenkeln und maskaraschweren Augenlidern haben Typen wie Ken das Gefühl, für sie sei nix zu holen.
Nach getaner Arbeit ist Ken noch offener und selbstironischer als vorher. Es sei komisch gewesen, eine interessante Erfahrung, schon, aber Masturbieren mache mehr Spaß, lautet sein nüchternes, aber fröhlich vorgetragenes Fazit. Ich muss mich nach der kurzen Pause erst wieder an diese entwaffnende Informationslust gewöhnen. Wir gehen schnurstracks in eine Bar, wo wir einen Freund von Ken treffen. Auch ihm wird detailgetreu von der heutigen „speziellen Aktivität“ erzählt, wie er es nennt. Wir bestellen „nomi-hôdai – all you can drink“. Als wir später bei dem Freund in der Wohnung ankommen, schläft Ken sofort ein.

Eine Anmerkung zu Persönlichkeitsrechten: Ken hat mich von sich aus gebeten, einen Artikel über sein Vorhaben zu schreiben und hat den Text (in englischer Übersetzung) abgenommen und der Veröffentlichung zugestimmt.


Mai
06

Country Roads

Es ist ein Schlagwort, wie es ausgelutschter kaum sein könnte: „Servicewüste Deutschland“ – weniger eine Aussage über den deutschen Service als vielmehr ein Hinweis auf eine chronische Lust am Nachplappern überflüssiger Nörgeleien. Als ehemaliger Klassenreisender mit dem üblichen Grad an Erfahrung mit deutschen Jugendherbergen, ihren fettschürzigen Kantinendrachen, ihrem Hang zum Linoleumboden und dem vielbeschworenen „Tee“ komme ich allerdings selbst nicht umhin, meinen neuen Arbeitsplatz als wahres Serviceparadies zu empfinden.

Das „Country Roads Youth Hostel“ ist eine Jugendherberge von gehobenem Niveau. Jeden Morgen und jeden Abend bereiten wir den Gästen ein Menü, das seinesgleichen sucht. Zum Beispiel: gebackener Lachs, eingelegter Rettich, marinierter Tofu, eine kleine Pastete, Kartoffelsalat, Pasta, Gemüsebrühe, Reis und zum Nachtisch Sojapudding. Das alles wird von uns Helfern drapiert und serviert, und zwar gemäß einem vorher aufgestellten, exakt zu befolgenden Plan, der die Positionen der Speisen auf dem Tischdeckchen festlegt. Weil in Japan gerade Golden Week ist, ist die Herberge ausgebucht – 25 mal acht Gerichte müssen wir so möglichst gleichzeitig servieren, bevor die Gäste per Durchsage zum Essen gebeten werden. Morgens um halb sieben beginnen wir mit dem Frühstück, das wie das Abendessen als Menü daherkommt, und nicht etwa als Buffet.

Rund um die Mahlzeiten herrscht eine familiäre Atmosphäre. Herbergsvater Ryô hat den starken Drang, immer neue Aktivitäten aus dem Hut zu zaubern, um sich, uns und die Gäste zu unterhalten. Am ersten Abend geht es nach dem Abendessen mit allen Mitarbeitern und einem Haufen Gäste in die Sporthalle, um Fußball und Völkerball zu spielen. Auf einer Nachtwanderung erklärt Ryô den Gästen den Sternenhimmel über Yufuin und präsentiert mich und meine Gitarre für ein Überraschungskonzert vor dunkler, waldiger Kulisse. Anderntags wird spontan ein Talentwettbewerb aus dem Boden gestampft, mit Eis-Wettessen, Regenschirm-Balancieren und wiederum mir als Musik-Joker. Wenn sonst nichts ansteht, sitzen Ryô und seine Frau Tomo mit den Urlaubern zumindest im Speiseraum und unterhalten sich. Jederzeit können Gäste und Belegschaft die hauseigene heiße Quelle benutzen.

Der merkwürdige Höhepunkt der Servicebemühungen ist allerdings das Abreiseritual. Kündigt sich ein Aufbruch an, greift Ryô zu seiner verstimmten Gitarre und singt mit seiner Frau und allen Helfern zum Abschied „Country Roads“ – der Text des Liedes prangt eigens zu diesem Zweck auf einer Holztafel über dem Eingang. Die meisten Gäste bleiben nur eine Nacht. In der Golden Week heißt das somit: Mindestens fünf Mal Tag ruft Ryô „Shuppatsu! Aufbruch!“ durch das Haus, und wir müssen sofort alles stehen und liegen lassen und zum Klatschen und Singen antreten. Bis zum Schreiben dieses Beitrags habe ich also rund dreißig Mal „Country Roads“ geträllert, was definitiv weit jenseits der zu empfehlenden Dosis für eine ganze Lebzeit liegt. Ryô und Tomo schaffen es irgendwie, dieses Ritual nicht albern zu finden, sondern behandeln es immer wieder aufs Neue mit einer bemerkenswerten Ernsthaftigkeit.

Ist das Haus leer und der Boden gewienert, werden gegen elf Uhr die Vormittagsaktivitäten festgelegt. Mal rennen wir unter absichtlicher Missachtung jeder Form von Wanderwegen einen Berg hinauf, um oben zu picknicken, mal verfolgen wir mit dem Auto die Feuerwehr, um zu gucken, wo es brennt. Gestern waren wir Krebse fangen, die den Gästen nach dem Abendessen zum Bier kredenzt wurden, die passenden Stories von der Jagd gab es selbstverständlich gleich dazu. Nachmittags bin ich aufgrund des unstillbaren Aktionsbedürfnisses meines Chefs meistens komplett erschlagen und verschlafe die Zeit bis zur Abendschicht. Die Golden Week neigt sich nun aber ihrem Ende zu, ganz Japan kehrt vom Heimattourismus zurück ins Arbeitsleben, und wir ruhen uns ein bisschen aus.


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