Mrz
09

Schleim

Während vor der Tür so wie in ganz Japan das Schneechaos ausgebrochen ist, wird es Zeit, ein paar Worte über alltägliche Kleinigkeiten zu verlieren, die sonst unberücksichtigt bleiben müssten. Zum Beispiel Geräusche. Ogi liebt Geräusche, er macht sie ununterbrochen. Er furzt leidenschaftlich und drückt Gefühle wie Kälte, Müdigkeit, Hunger oder Sättigung am liebsten nonverbal aus. Wenn er im Begriff ist, ordentlich einen abzuseilen, kündigt er das Minuten vorher durch kehlige Laute an, illustriert seinen Zustand durch Griffe an den unteren Rücken oder den Bauch, sagt irgendwann endlich „Wartet mal eben“ (Worauf?!), sucht sich demonstrativ eine Zeitung und geht. Ist alles erledigt, macht er noch eine Weile andere Geräusche, die seine Zufriedenheit ausdrücken sollen. Wenn wir grade bei Toiletten sind: Ja, wir haben hier beheizte Klobrillen, und ja: Das ist super!
Wie bereits kurz erwähnt, ist auch jede Mahlzeit ein Festival an Geräuschen. Es wird geschlürft in einer Vehemenz, die kaum zu beschreiben ist. Wer nicht mitschlürft, fällt auf, wahrscheinlich unangenehm. Auch Mari, die sonst sehr still ist, gibt beim Essen Laute von sich, die in anständigen deutschen Restaurants zum Rausschmiss führen würden.
Neulich habe ich übrigens Bekanntschaft mit einem Gericht gemacht, das schon im Erstsemester-Japanischkurs von Legenden umrankt war: Natto. Das sei ein für nichtjapanische Gaumen ungenießbares Zeug, hieß es. Vergorene Sojabohnen, vielleicht angereichert mit Seetang, die in ihrem Zustand der Verwesung stinken und Fäden ziehen. Ekelhaft sei das, aber die Japaner seien eben anders, hier sei das eine Spezialität. Wer im Unterricht mit schlechtem Japanisch einen billigen Lacher kassieren wollte, musste nur sagen: „Natto-wo tabetai! Ich möchte Natto gegessen!“. Haha, verrückt.
Ich habe es also nun gegessen. Ich weiß Bescheid, und ich muss leider sagen: Es ist wirklich widerlich. Ekelhaft. Abstoßend. In der Tat eigentlich völlig ungenießbar, nur mit Mühe habe ich meinen mit Natto vermischten, nein, kontaminierten Reis runterbekommen. Es zieht wirklich Fäden, es stinkt, es schäumt in kleinen, zähen Blasen, und vor allem schleimt es. Es ist eigentlich so, als würde man ein paar Sojabohnen schlucken, sie einige Stunden später mit möglichst viel Magenschleim anverdaut wieder hervorwürgen und das Ganze als Mahlzeit präsentieren. Der Schleim hängt einem in der Kehle, an den Stäbchen, bedeckt den ganzen Mundraum, als wären Schnecken dort rumgekrochen, man kann es kaum schlucken, überall finden sich die klebrigen Fäden, es schmeckt darüber hinaus eigentlich nach nix, kurz: Es gibt absolut keinen Grund, sich diesen ekelhaften Kram reinzuziehen. Nur den einen: Ich wollte meinen Gastgebern den Triumph nicht gönnen. Und außerdem hat Steven die Bohnen-Kotze begeistert gegessen. Steven ist mein neuer Kollege, ein WWOOFer aus Kalifornien. Daneben ist Steven vor allem Japan-Fan. Er hat die obligatorische japanische Freundin, hat bereits ein halbes Jahr in Yamanshi als Student verbracht und beginnt nun, nach seinem B.A. in Wirtschaft, ein neues Leben in Japan als WWOOFer. Sein Hobby ist Japanisch lernen, in Kürze macht er sich auf die Suche nach einem Job im gelobten Land. Wir kommen eigentlich gut zurecht. Neben ihm fühle ich mich auf dem Feld fast wie ein alter Hase. Außerdem verdanke ich es ihm, dass nun vielmehr Japanisch gesprochen wird, denn Steven spricht und liest sehr gut, davon kann auch ich profitieren. Und NATÜRLICH mag er Natto, den er mag ja alles an Japan. In den USA habe er keine Freunde, erzählt er, in Japan hat er nicht nur die, sondern sogar eine Freundin. Es ist wirklich gut, dass er da ist.


Mrz
07

Schwindel

Die Höhepunkte im Hause Ogihara sind die Tage, an denen Besuch kommt. Und Besuch gab es reichlich: Die nachmittägliche Feldarbeit erledigten wir am Samstag zusammen mit Matsu, seiner Partnerin, dem in Japan lebenden Amerikaner Aaron und seiner japanischen Freundin.

Matsu ist – so heißt es – einer der führenden Agrikultur-Forscher Japans. Aaron dagegen arbeitet momentan noch an seiner Doktorarbeit über Weinanbau in Yamanashi.
Vor diesem Projekt hat Aaron in 27 verschiedenen Ländern gelebt. Unser Gespräch beginnt am Nachmittag mit einem Hammer: Er fragt, wo ich herkomme, ich sage es ihm, er stutzt kurz und fängt dann an, das Wattenscheid 09-Lied zu singen. Als Wattenscheid noch erstklassig war, hat er nämlich in der Jugendmannschaft gespielt. Ich bin naturgemäß komplett baff. Da hockt man irgendwo in Japan, trifft einen Amerikaner, der sich im Übrigen ansonsten nur in nahezu perfekten Japanisch unterhält, und dann so was! Aaron spricht auch fließend Deutsch. Wattenscheid ist nur eine seiner zahllosen Stationen im Leben, studiert hat er in Kassel, seinen Doktor macht er als Student der Universität von Hawaii, er hat Straßen besetzt im Berlin der Wendejahre, in Rumänien Entwicklungshilfe geleistet, in Tschechien gelebt und ist irgendwann in Japan hängen geblieben – inzwischen ein überzeugter kultureller Relativist, dem unterwegs seine Ideale abhandengekommen sind, sagt er. Ogi hat er kennengelernt, weil er als WWOOFer zu ihm kam und sich dann mit ihm angefreundet. So kanns gehen! Mir wird jedenfalls schwindelig von diesem Lebenslauf, ihm wird schwindelig, weil er unter all dem Japanisch sein Deutsch hervorkramen muss, allen wird schwindelig vom Wein aus Yamanashi und der Hopfenbrause (= Bier im weitesten Sinne). Wir führen bis in die Nacht ein desillusionierendes Gespräch über die Hürden, die einen daran hindern, in die japanische Gesellschaft vorzudringen. Gelegentlich zwingt Aaron mich dazu, Japanisch zu reden, was noch weiter zur Desillusionierung beiträgt. Ich erfahre außerdem, dass man schon vor meiner Ankunft über mich geredet hat. Es komme ein deutscher WWOOFer, hat Ogi Aaron erzählt. Man sollte sich doch aus Spaß einen Hitlerbart stehen lassen und mich mit einem freundlichen „Sieg-Heil“ begrüßen. Sie haben es dann doch nicht gemacht.

Am Freitag habe ich meine Freizeit zu einem Spaziergang genutzt und dabei besagte Hürden deutlich gespürt. Eine Horde Schulkinder lief mir hinterher, weil ich so riesengroß sei, wie sie dann sagen. Sie wollen wissen, wo ich herkomme. Ihre Vermutung: Russland. Später treffe ich einen unglaublich unfreundlichen alten Mann, der gerade dabei ist, einen japanischen Affen Gassi zu führen. Man kann – wie Aaron – noch so gut Japanisch können, Freunde und Partnerin hier haben, leben, arbeiten, essen; wenn man an Orte geht, an denen einen keiner kennt, fängt man wieder von vorn an. Ich sowieso.


Mrz
04

Geheimnisse

Ein sehr erfüllter Tag liegt hinter mir: Nakagawa und ich haben zahllose Löcher gegraben und Stangen versenkt, alles bei schönem Wetter und vor bergiger Kulisse.

Der Bohrer ist aufgrund seiner Form und seiner Funktion das schwanzverlängerndste Werkzeug, mit dem ich je hantiert habe. Auf einer entsprechenden Skala rangiert er wahrscheinlich direkt hinter Flugabwehrkanonen und Löschschläuchen in der absoluten Spitzengruppe. Dazu ist das Anlegen eines neuen Feldes die bisher einzige Gelegenheit in meinem Leben, bei der ich aktiv auf die Geometriekenntnisse zurückgreifen musste, die mir in der Schule gegen meinen Willen vermittelt wurden. Die Arbeit war zwar sehr anstrengend, dafür aber wirklich interessant.

Nakagawa auf dem Feld

Nach der Arbeit haben Ogi, seine Frau und ich noch einen Ausflug in eine nahe gelegene heiße Quelle unternommen, die mitten in den umliegenden Bergen liegt – sehr japanisch, sehr nackig, aber sehr angenehm, das ganze. Wie bei allen Freizeitaktivitäten (das heißt normalerweise: Fernsehen) wurde Bier getrunken. Mit dabei war auch Ogis Freund Kazu. Kazu habe ich unter im wahrsten Sinne des Wortes mysteriösen Umständen kennengelernt:
Auf dem Rückweg vom Feld nach Hause hielten wir an einem anderen Feld an, wo ein junger Mann in Baggy Pants und weitem Pullover mit Jamaika-Muster an einer großen, brennenden Tonne stand. Das sei sein Freund Kazu, erklärte Ogi, er komme heute mit zu uns. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass Kazu Bücher und Hefte zerriss, um die einzelnen Blätter anschließend ins Feuer zu werfen. Weil ich sonst nix zu tun hatte, bot ich meine Hilfe an. „Gerne“, meinte Kazu. Nach ein paar Heften fragte ich, was wir da eigentlich verbrennen, und warum? Das seien geheime Dokumente, meinte Kazu. Ich musste lachen, ja klar, geheime Dokumente, haha, guter Witz, hab ich verstanden. Und was ist es nun wirklich? Geheime Dokumente, war die Antwort, Bücher, die ausschließlich für die Mitglieder der imperialen Wachpolizei am Kaiserpalast und deren Vorgesetzte bestimmt seien. Da steht also ein Typ in Skater-Outfit mitten auf einem Feld und verbrennt Polizeiakten?! Wobei helfe ich da eigentlich? Ist das legal? Woher zum Teufel hat er das Zeug? Kommt gleich Quentin Tarantino um die Ecke und schreit „Cut!“? Ich beschloss sofort, dass ich eines der „geheimen Bücher“ (er sagte tatsächlich shimitu no hon, für die Japanisch-sprachigen Leser_innen!) haben müsse – und jetzt: hab ich eins! Kazu fand nach einigem Zögern, dass die Dokumente in Deutschland keinen Schaden anrichten könnten und überließ mir eine Ausgabe des Wachtruppen-Magazins. In der Tat arbeitet Kazu aushilfsweise für diese spezielle Polizeieinheit, hat er mir später am Abend erzählt. Ansonsten ist er Pfirsich-Farmer. Wir haben uns gut unterhalten, sogar auf Japanisch. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick entzieht sich mir die Brisanz der im Geheimdokument gebotenen Informationen übrigens vollkommen. Ich werde trotzdem versuchen, sie beim BND zu Bargeld zu machen.


Mrz
02

Draht

Machen wir uns nix vor: Arbeit ist Arbeit, ob nun in Japan oder in Deutschland. Langsam kehrt der Alltag ein: Drähte, Schnüre, Feld. Dabei trage ich Gummistiefel, die so hart sind, dass ich ein paar ordentliche Abschürfungen auf den Schienbeinen habe. Die KPCh wusste schon, warum sie die Intellektuellen zur Erziehung aufs Feld geschickt hat. Ich bin jedenfalls ein zartes Pflänzchen.

Seit ein paar Tagen arbeite ich mit Herrn Nakagawa zusammen. Herr Nakagawa ist der behinderte Kollege von Ogi. Behinderter Kollege im Wortsinn jetzt – nicht im Bochum-Hamme-Sinn. Nakagawa ist fast taub und minderbegabt. Ich kann mich mit ihm nur schriftlich auf Japanisch verständigen. Wir haben uns von Anfang an super verstanden. Nakagawa unterhält sich sehr gerne, inzwischen haben wir gut 50 kleine Zettel vollgeschrieben. Er kann sprechen, sehr laut, allerdings undeutlich, das macht es für mich nicht gerade leichter. Aber wir finden immer irgendein Thema. Meistens stellt Nakagawa Fragen über Deutschland, die ich auch mit meinem rudimentären Japanisch souverän beantworten kann. Ob Ost- und Westdeutsche die gleiche Sprache sprechen, zum Beispiel. Natürlich nicht! Mit Nakagawa zusammen habe ich bis heute das ganze Feld entdrahtet und entschnurt. Er ist einer der nettesten Menschen, die mir je untergekommen sind. Ich war gerührt, als er mir aufgeschrieben hat, dass ich bisher der WWOOFer sei, mit dem er am besten reden könne.
Die japanische Gesellschaft ist Behinderten gegenüber offenbar sehr verschlossen. Es ist jedenfalls eine große Ausnahme, wenn jemand wie Ogihara einen Behinderten einstellt, obwohl er auch andere Arbeiter haben könnte, mit denen die Absprachen einfacher wären. Während Ogi mich also mit seinem Rassismus gegenüber Chinesen noch vor den Kopf gestoßen hat, ist er auf diesem Gebiet ein Vorbild an Toleranz und Nächstenliebe.
Ab morgen werden wir ein anderes Feld beackern. Diesmal machen wir das Gegenteil: Streben aufstellen und dann Drähte spannen. Einen neuen Weinstock baut man nur sehr selten auf, etwa alle dreißig Jahre. Deshalb werden wir nach getaner Arbeit unsere Namen dort eingravieren. Die Drähte, die wir auf dem alten Feld entfernt haben, hat noch Ogiharas Vater gespannt. Ich verewige mich also im Yamanashi-Weinbaugebiet.


Feb
28

Dan

Ich wohne jetzt bei Ogihara Yasuhiro und seiner Frau Mari. Beide sind sehr nett, können Englisch und leben in einem komplett vollgestopften, unordentlichen Haus, ohne Heizung, dafür mit Ofen. Der Ofen zieht nicht, so dass es im Haus immer nach Lagerfeuer riecht.
Meine Aufgaben bisher: Mit dem Hund rausgehen (das heißt: sich von ihm durch den Ort schleifen lassen), ein Feld mit Düngewasser bespritzen und vor allem Drähte aus einem Weinstock zerren. Dafür musste ich zuerst etwa 1000 kleine Drähte aufbiegen und abkneifen – alles über Kopf. Dann müssen die Drähte, um die es geht – sie sind etwa 50-60 Meter lang – aus einem verzwickten Draht- und Pflanzengewirr gezerrt werden, um auf einem neuen Feld recycelt zu werden. Weil die Mistdinger immer irgendwo hängenbleiben, macht mich diese Aufgabe beinahe wahnsinnig. Nachdem ich in zwei Stunden etwa fünf Drähte geschafft hatte, habe ich Ogi vorgeschlagen, es mal im Team zu probieren. Danach ging es, und noch dazu habe ich mit diesem Vorschlag Initiative bewiesen und sein Herz gewonnen, wie er am Abend im Biersuff betonte. Im gleichen Atemzug betonte er allerdings auch noch gestenreich, dass er alle Chinesen für Ficker hält, aber nun ja… Heute Nachmittag geht es weiter mit den Drähten.

Gestern Abend hatten wir Besuch. Ogis Freund Dan und seine Frau kamen zum Essen und Trinken vorbei. Dan ist ein lauter und ordinärer Ami, ein wandelndes Klischee, Hände wie ein Holzfäller, eine „Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitüde“, macht ununterbrochen Geräusche: schnaufen, rülpsen, atmen, essen, reden, lachen, räuspern. Dabei ist er naturgemäß auch sehr herzlich, man muss immer befürchten, dass er einem mit einem Klaps den Rücken bricht. Dan hat für die US-Armee in Japan gearbeitet und eine Japanerin geheiratet – sie ist übrigens passenderweise ebenfalls laut und ordinär. Dan trug ein schmuddeliges graues Shirt, dass über seinem riesigen Bauch gelblich und feucht war. Dafür hatte er irgendeine fadenscheinige Erklärung, die er aber nur halbherzig vorbrachte. Kaum angekommen, fing er an zu fressen wie nix Gutes. Dabei kommt ihm zupass, dass Schlingen und Schlürfen in Japan normal ist – ich bin mir allerdings sicher, dass er nie anders gegessen hat, Japan hin oder her. Wenn er nicht grade rülpste, manchmal aber auch währenddessen, erklärte er uns in breitestem Ami-Englisch die Welt, beziehungsweise seine besten Kochrezepte. Heute kam er wieder und brachte uns etwas von seinem angepriesenen Trockenfleisch mit – tatsächlich sehr gut. Allerdings trug er immer noch dasselbe Shirt, diesmal gelblich und trocken. Sensibel, wie er ist, machte er sich als erstes über die Tunami-Warnung lustig, die momentan in Japan für Besorgnis sorgt („Two meters?! That’s not what I call a tidal wave! Have you seen the movie Poseidon? Now THAT’S a tidal wave! Two meters is nothing! Can’t kill people. More like a surfers dream, muhahaha!“) Zwecklos, ihm zu erklären, dass ein Tunami anders funktioniert als normale Wellen. Dan ist lauter, also ist das alles nix. Irgendwie angenehm, seine Gesellschaft, trotz allem.

P.S.: Der Tunami war da, er war an manchen Orten nur 20 Zentimeter hoch, aber: Er hat einiges kaputt gemacht.


Feb
26

Adrenalin

Was für ein seltsamer Morgen! Und davor schon so ein seltsamer Abend. Der Reihe nach: Am Abend des 25. Februar haben Hiro (ich kenne ihn aus Bochum) und ich es mit Hängen und Würgen geschafft, uns doch noch zu treffen, und zwar am Tokio-Eki. Dort war ich schon tagsüber, um den Kaiser zu besuchen, der in der Nähe seine bescheidene Residenz hat. Seine Wachhunde wollten mich aber nicht reinlassen. Tja, sein Pech.
Was für ein gigantisches Viertel das ist! In den Hochglanztürmen arbeiten Hunderttausende, und viele von ihnen gehen nachts in die Bars und Clubs, die ebenfalls in den Hochhäusern sind. Alles ist edel, stilvoll und versnobbt bis oben hin. Hiro arbeitet in einem der Türme und zeigt mir zwei „seiner“ Läden. Hinter der Theke arbeitet ein dunkelhäutiges Male-Model aus Amerika, dessen Schauspielkarriere gerade stockt. Es gibt italienische Spezialitäten, alles sehen super aus, außer mir – ich bin hoffnungslos underdressed, noch hoffnungsloser als sonst. Wir trinken ein paar Bier. Dann wechseln wir den Laden in ein anderes Hochhaus, wo laut Hiro „immer verrückte Frauen“ sind. Die Bar kennt er gut, da er dort mit seinem Chef und den wichtigen Kunden zu saufen hat, wenn das Geschäft es so verlangt, und zwar so lange der Chef und die Kunden es wollen. Heute sind keine verrückten Frauen da, außer der einen Koreanerin, die immer hier ist, sagt Hiro. Wir verhalten uns ruhig und bleiben nicht sehr lange. Ist wirklich nicht meine Welt, hat aber trotzdem Spaß gemacht.

Gegen sechs Uhr in der Früh werde ich wach, weil vor meinem Fenster (da gibt es einen kleinen, balkonähnlichen Vorsprung) jemand steht und ruft. Ich schlafe im neunten Stockwerk. Der Typ kreischt einen Namen (denke ich) und dann immer wieder „douzo, douzo!“, das heißt „Bitte“. Dazwischen scharrt er mit den Füßen und macht Geräusche. Jetzt bin ich hellwach. Ich kann seine Umrisse erkennen, er ist groß und kräftig. Will der springen? Für mich sieht es ganz so aus. Ich bin voller Adrenalin und überlege, was zu tun ist. Wenn er springt und ich hab es geahnt aber nichts gemacht… Aber was? Wenn ich das Fenster aufmache, wird er sich erschrecken, außerdem wäre ich dann hilflos gegen irgendwelche Angriffe. Traue ich mich nicht, denn er klingt verzweifelt und aggressiv. Außerdem: Wie soll ich auf Japanisch jemanden davon abhalten, sich umzubringen? Das und noch viel mehr denke ich, alles gleichzeitig. Mehrmals glaube ich zu hören, wie er auf die Brüstung steigt und male mir schon aus, wie das letzte „dooooooouzo“ immer leiser wird. Igitt! Ich muss also was tun! Ich entscheide mich dazu, erstmal in den zehnten Stock zu gehen und mir von oben anzusehen, wie die Lage ist. Ergebnis: Der Typ ist völlig besoffen. Offenbar geht es ihm wirklich nicht gut. Als ich mich auf den Weg zur Rezeption mache, um dort irgendwas von „Notfall“ zu stottern, kommt er mir im neunten Stock entgegengewankt und geht in sein Zimmer, gegenüber von meinem. Ab da ist Ruhe. So ein Arsch! Außerdem hat er Bierdosen auf dem Vorsprung verteilt, die im Wind Krach machen und zusammen mit dem Adrenalin dafür sorgen, dass ich nicht mehr einschlafen kann.
Nun denn: Auf nach Yamanashi, Wein anbauen!


Feb
24

Sightseeing

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden bedeutet für mich heute: Mich umgucken und dabei gucken, wo ich Reiseschecks zu Yen machen kann. Zuerst versuche ich es in „meinem“ Viertel, minami-senju. Hier ist es eher gemütlich – kleine Gassen, Häuser unter 12 Stockwerken, Läden… Fast unheimlich übrigens, wie viele alte Leute hier herumschleichen. Mein aktueller Lieblingsgreis sieht aus wie eine 120-jährige Schildkröte mit dicker Brille und hat einen absurden (hier aber weit verbreiteten Job): Er weist den Menschen den Weg an einer kleinen Baustelle vorbei. Dafür benutzt er einen Leuchtstab, und er trägt eine Uniform mit Neonweste. Ich muss immer lachen, wenn ich ihn sehe und komme mir deshalb schäbig vor, ihn um ein Foto von uns zu bitten. Vielleicht traue ich mich morgen. Auf Platz zwei: Der alte Mann, der nun seit zwei Tagen an der gleichen Straßenecke steht und laut pfeift.
In minami-senju gibt es jedenfalls kein Geld für mich, also auf nach Shinjuku. Das ist ein Hochhaus-Stadtteil, sehr berühmt. Nach einigen Irrwegen: Scheck-Mission erfüllt. Vor Freude treibt es mich auf das Dach der Tokioter Stadtverwaltung. Die ist in Shinjuku und gigantisch, ein Betonmonster voll mit Beamten, in dem man wahrscheinlich verrückt wird, wenn man dort etwas zu erledigen hat, wie bei Asterix und Obelix. Vom 45. Stock aus können Touristen auf die Stadt gucken – muss man mal machen. Unten vor dem Komplex demonstrieren ein paar Menschen für eine bessere Gesundheitsversorgung von Kindern.

Tokio, so weit das Auge reicht

Danach: Harajuku. Bizarres Einkaufs- und vor allem Modeviertel. Alles laut und bunt, Tokio wie im Film, dazwischen Touristen und modebewusste Japaner_innen. Models tragen ihre Setcards (Danke, Pro7, für das Erweitern meines Wortschatzes!) vor sich her, damit jeder sieht, dass sie Models sind. Harajuku schwankt zwischen alberner Dekadenz und echter Coolness. Männliche Japan-Fetischisten können sich den Weg durch die Massen wohl mit ihrem Ständer bahnen. Lange nicht allen Leuten gelingt es, ihre bizarre Couture auch überzeugend zu tragen. Manche schaffen es aber, und die sehen dann in der Tat in einer Konsequenz stylisch aus, die ich noch nirgendwo anders gesehen habe.
Im Suppenladen vor dem Hotel dann endlich: Rassismus. Ich hatte ihn früher erwartet. Jetzt weiß ich aber, wie es ist, wenn ein alter Sack mit dem Finger auf mich zeigt und lacht. Vielleicht sieht man mir aber auch inzwischen an, dass ich mir mit Nudelsuppe und Reis eine Verstopfung am züchten bin, die ihresgleichen sucht.


Feb
23

Erste Schritte als Blogger: Achim auf dem Weg nach Peking

Keine Probleme mit Security und Zoll. Ruhiger Flug. Ich saß am Gang, neben mir Achim. Achim fliegt nach China, um dort als Elektriker eine Bohrinsel mitzubauen. Seine deutsche Firma kauft und verkauft Bohrinseln. Kunden: Shell, BP und auch sonst alle, die im Business was zu sagen haben. Achim mag China allerdings nicht besonders. Eigentlich mochte er noch kein Land, in dem er gearbeitet hat. Dummerweise arbeitet er aber ausschließlich im Ausland. Algerien: nur Wüste, nix los. Saudi-Arabien: Da stört ihn die Doppelmoral der Saudis, die nicht trinken und ständig beten, dafür aber Inder als „moderne Sklaven“ halten und jeden Donnerstag zum Saufen und Vögeln nach Bahrain fahren. Allah schaut nicht nach Bahrain, heißt es dann. Für Achim sind alle Saudis „religiöse Fataniker“. China ist Achim dagegen viel zu kompliziert. Immer wenn ein Problem gelöst wurde, kommt das gleiche Problem unter anderem Namen wieder, sagt Achim. Die Chinesen können außerdem nur nachahmen, ohne dass sie verstehen, was sie da tun. Ein Mädchen neben uns erzählt, dass sie für sechs Monate nach China geht. Achim hat großes Mitleid mit ihr und verbrüdert sich mit einem anderen gepeinigten Handelsreisenden. „Sechs Monate China, O Gott!“ Er hat die Welt offenbar genug bereist, um in großen Kategorien zu denken. „Die“ heißt zum Beispiel grundsätzlich: „Alle Chinesen“.
Achim ist ein routinierter Flieger. Das dilettantische Verhalten seiner Mitreisenden kommentiert er mit Kopfschütteln. Immerhin nicht so schlimm wie auf dem Rückflug. „Die“ haben dann nämlich immer ihren kompletten Haushalt im Handgepäck. Das mag Achim nicht.


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